Vitamine - Allzu viel ist ungesund

saldo 15/2002 vom

Multivitaminsäfte sind wahre Vitaminbomben. Wer zu viel von den meist massiv überdosierten Säften trinkt, geht ein gesundheitliches Risiko ein.

Mit Beginn der kalten Jahreszeit greifen viele Menschen zum Multivitaminsaft - in der Hoffnung, damit das Immunsystem zu stärken und sich vor Erkältungen zu schützen. Glaubt man den Werbebotschaften, gelten Multivitaminsäfte als besonders gesund. Vor allem aber lassen sich Lebensmittel mit dem Hinweis «reich an Vitaminen» teuer verkaufen. 86 Millionen Franken geben die Schweizerinnen und Schweizer pro Jahr für Multivitaminpräparate aus, weil sie sich davon eine vorbeugende Wirkung versprechen. Doch die ist nicht erwiesen: «Für die präventive Wirksamkeit von Supplementen mit Vitaminen oder Mineralstoffen in hohen Dosen gibt es keine wissenschaftliche Grundlage. Angereicherte Le- bensmittel sind mit Ausnahme von Folsäure und jodiertem Speisesalz nicht notwendig», erklärt Isabelle Keller von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE).

Falsch ist auch die Vorstellung, dass die in Säften enthaltene Fruchtmischung die vielen Vitamine liefert. Denn: Die Vitamine stammen aus der Fabrik. Sie werden synthetisch hergestellt und dem Fruchtsaftkonzentrat beigemischt. Ob die künstlichen Fruchtsaftmischungen zur gesunden Ernährung beitragen, hängt nicht zuletzt von deren Dosierung ab. Und hier sind die Hersteller nachlässig: Die meisten Säfte sind extrem überdosiert. Das zeigt ein Test der Fédération Romande des Consommateurs.


Deklaration: Keine Garantie für den Inhalt

Die welsche Konsumentenorganisation wählte sechs Multivitamin-Fruchtsäfte und drei Nektare mit 50 Prozent Fruchtgehalt aus. Das Labor prüfte bei sieben Vitaminen, welchen Gehalt die Saftproduzenten auf der Etikette deklarieren und wie viel sich effektiv im Getränk befindet.

Die Unterschiede sind enorm. Sie reichen von vierzehnfacher Überdosierung bis zu mehrfacher Unterschreitung der deklarierten Werte. Sicher ist nur eines: Garantiert ist nie das in der Flasche, was auf dem Etikett steht. «Das sagt sehr viel über eine Branche aus, die sich angeblich um die Gesundheit ihrer Kunden bemüht», kommentiert Udo Pollmer, wissenschaftlicher Leiter des Europäischen Instituts für Lebensmittel- und Ernährungswissenschaften in München, die Testergebnisse. «Man muss befürchten, dass bei massiver Überdosierung ein Risiko für die Konsumenten besteht.» Auch die DGE warnt: «Die Einnahme von hoch dosierten Nahrungsergänzungsmitteln birgt das Risiko unerwünschter Nebenwirkungen.»


Produktion: Beigabe der dreifachen Tagesdosis erlaubt

Das Gesetz erlaubt den Herstellern eine Überdosierung, weil sich die Vitamine mit der Zeit abbauen. Damit kurz vor Ablauf des Haltbarkeitsdatums noch so viel drin ist, wie auf der Etikette versprochen wird, dürfen Hersteller das Dreifache der täglich empfohlenen Vitaminmenge beifügen.

Diese Dosis haben die Produzenten vor allem bei der Folsäure massiv überschritten: 14-mal so viel wie deklariert fand sich im Migros-Gold-Saft, mehr als das Zwölffache im Multi 12 und die sechsfache Menge in den Nektaren Fancy und Granador.

Weil Folsäure-Mangel beim Ungeborenen zu schweren Missbildungen des Rückenmarks führen kann, ist es für Frauen mit Kinderwunsch empfehlenswert, rechtzeitig eine Kombination aus Folsäure und Vitamin B12 (die beiden Vitamine wirken zusammen) einzunehmen. Udo Pollmer ist für einen gezielten Einsatz von Folsäure: «Es gibt keinen Grund, die gesamte Menschheit gleichermassen damit zu behandeln.» Denn ein Zuviel an Folsäure könne in seltenen Fällen dazu führen, dass ein Vitamin-B12-Mangel - mit möglicherweise tödlichen Folgen - nicht erkannt werde.

Folsäure ist wie die Vitamine C, B1, B2, B6, B12, Biotin, Niacin und Pantothensäure wasserlöslich. Eine Überdosis wird mit dem Urin wieder ausgeschieden. Harmlos ist eine Überversorgung mit den wasserlöslichen Vitaminen deswegen nicht. «Unser Körper ist keine Badewanne, bei der man einfach den Stöpsel ziehen kann», erklärt Pollmer. «Der Körper nimmt die Stoffe ins Blut auf und scheidet sie in einem aktiven Prozess wieder aus, um sich vor Risiken zu schützen.»


Beta-Carotin birgt ein Risiko für die Gesundheit

Mit Ausnahme von Granador Premium mischten die Hersteller allen Säften Beta-Carotin bei. Bei Hohes C und Granini war der Gehalt nicht deklariert, obwohl der Stoff nicht ungefährlich ist. Amerikanische und finnische Forscher haben herausgefunden, dass Raucher, die über Jahre grössere Mengen Beta-Carotin schluckten, häufiger an Lungenkrebs erkrankten als jene, die keine Vitaminpräparate einnahmen.

Das deutsche Bundesinstitut für gesundheitlichen Verbraucherschutz und Veterinärmedizin (BgVV) rät Rauchern, auf Getränke und Vitaminpillen, die mit Beta-Carotin angereichert sind, zu verzichten. Zudem fordert die Behörde die Hersteller auf, kein isoliertes Beta-Carotin mehr zu verwenden, bis eine Höchstmenge festgelegt sei. Das BgVV empfiehlt, die Höchstmengen so festzusetzen, dass pro Tag nicht mehr als 2 Milligramm Beta-Carotin in isolierter Form aufgenommen werden - ein Wert, der bereits durch den Konsum von 2 Dezilitern Multivitaminsaft leicht überschritten wird.


Überdosierung: Die Hersteller kümmerts wenig

Vitaminisierte Säfte und andere angereicherte Nahrungsmittel sind also mit Vorsicht zu geniessen. Denn: Über die Nahrung nehmen die meisten Menschen genug Vitamine zu sich. Hinzu kommen versteckte, nicht deklarierte Vitamine, die den Lebensmitteln als Zusatzstoffe, etwa zur Haltbarkeitsverlängerung oder Färbung, beigesetzt werden.

Riskant ist die Vitaminmenge in der Summe der konsumierten Nahrung. Udo Pollmer macht ein Beispiel: Trinkt ein Kind nach dem Sport eine Flasche Multivitaminsaft statt Cola, habe es bereits den zweieinhalbfachen Tagesbedarf eines Erwachsenen intus, welcher bereits fünffach überhöht sei. Zudem befinde sich noch das Zehnfache des Deklarierten in der Flasche. Dazu esse das Kind vielleicht noch ein Vitaminbonbon und andere Lebensmittel. Pollmer warnt: «Hier kommen wir in Bereiche, wo kein Mensch mehr dem Kunden Sicherheit versprechen kann.»

Die Hersteller wurden mit den Testergebnissen konfrontiert. Viele haben sich gar nicht erst die Mühe gemacht, dazu Stellung zu nehmen. Rheinfrucht AG, Herstellerin von Multi 12, beruft sich auf eigene Analysen derselben Produktionseinheit, deren Ergebnisse wesentlich tiefer ausgefallen seien. Migros-Sprecher Urs Peter Naef sagt, es handle sich um «kleine Abweichungen, die ein Naturprodukt haben kann». Einzig Coop gelobt Besserung: Man werde alles unternehmen, um das Problem zu beheben.


Vitaminpräparate: Einnahme nur auf ärztliche Anweisung

Fazit: Die Einnahme von Vitaminpräparaten ist nur für Risikogruppen wie Schwangere, Hochleistungssportler, Raucher, Alkoholiker oder Senioren angebracht. Aber auch sie sollten nur auf ärztliche Anweisung zu Präparaten greifen. Für alle andern gilt einmal mehr: Regelmässig frisches Obst und Gemüse essen, das ist günstiger und gesünder. Hier stammen weder die Vitamine aus dem Labor, noch besteht ein Risiko, was Menge und Dosierung anbelangt.

Jeannette Büchel



Überdosierung erlaubt

Damit der Vitaminverlust während der Lagerung ausgeglichen werden kann, dürfen Hersteller den Lebensmitteln in einer Tagesration (3 Deziliter bei Fruchtsäften) das 3fache der empfohlenen Tagesdosis zusetzen. Bei Vitamin A darf die Überdosierung maximal 100 Prozent, bei Vitamin D 50 Prozent betragen.

Macht der Hersteller einen Hinweis auf den Vitamingehalt, muss 1 Deziliter Saft mindestens 15 Prozent der Tagesdosis enthalten.
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