Apotheken verkaufen lieber teurere Generika

saldo 03/2012 vom 13. Februar 2012

von Thaïs In der Smitten, Eric Breitinger

Die Beratung vieler Apotheken lässt zu wünschen übrig. Die Kunden erhalten häufig ein teures Generikum und erfahren nicht, dass es günstigere Medikamente gibt. Dies ergab eine saldo-Stichprobe in 20 Apotheken.

Die Testpersonen besuchten fünf Apotheken in Basel, fünf in Aarau, sechs in Zürich und vier in Bern (siehe Kasten rechts). Dort legten sie jeweils ein Rezept vor. Darauf war ein Wirkstoff, nicht aber ein bestimmtes Medikament vermerkt. Es ging entweder um den Wirkstoff Omeprazol gegen saures Aufstossen oder um den Wirkstoff Lo­sartan gegen hohen Blutdruck. Die Testpersonen erklärten auf Anfrage, diese Medikamente zum ersten Mal einzunehmen. Die Apotheken hatten also die freie Wahl, welche Produkte sie verkaufen wollten.

Ergebnis der Stichprobe: Die meisten Apotheken verkauften den Testkunden kommentarlos ein vorrätiges Medikament. Sie verschwiegen, dass es andere Medikamente mit demselben Wirkstoff gibt, die günstiger sind. Immerhin: Von den 20 Apothekern wiesen 4 darauf hin, dass verschiedene Medikamente zur Auswahl stehen. Aber auch diese 4 Apotheken boten jeweils nicht das günstigste Produkt an. Nur eine einzige Apothekerin wies zusätzlich explizit darauf hin, dass nur das Originalpräparat vorrätig sei. Sie empfahl der Testperson, in einer andern Apotheke nach einem Generikum zu fragen.


Keine Apotheke verkaufte die günstigsten Produkte

Die billigsten Produkte mit dem Wirkstoff Omeprazol heissen Omeprax und Omeprazol-Teva. Sie kosten jeweils Fr. 19.65. Ebenfalls relativ günstig wäre Omeprazol Spirig mit einem Preis von Fr. 20.20. Keine einzige Apotheke verkaufte diese Produkte. Die Testkunden erhielten stattdessen fünfmal Omezol Mepha für Fr. 20.60, dreimal Omeprazol Sandoz für Fr. 20.75. Ebenfalls auf dem Markt erhältlich ist das Generikum Omeprazol Streuli, das aber mit Fr. 26.15 deutlich teurer ist.

Beim Wirkstoff Losartan ist Losartan Actavis für Fr. 15.80 am günstigsten. Ebenfalls relativ günstig ist Losartan Teva für Fr. 17.40. Die Testkunden erhielten aber in den Apotheken einmal Losartan Spirig für Fr. 18.25, sechsmal Losartan Sandoz für Fr. 18.45 und viermal das Generikum Losartan Mepha für Fr. 18.80. Eine Mitarbeiterin der Bellevue Apotheke in Zürich verkaufte Losartan Sandoz mit dem Kommentar: «Nehmen Sie doch Sandoz, das ist eines der billigsten.»


Santésuisse: «Apotheken müssen günstigstes Medikament abgeben»

Immerhin: Im Vergleich zur letzten saldo-Stichprobe vor sieben Jahren (saldo 1/05) verkaufte keine der Apotheken das Originalmedikament. Mit dem Wirkstoff Losartan wäre es mehr als doppelt so teuer gewesen wie das günstigste Produkt (Cosaar, Fr. 45.75). Die Odeon Apotheke in Zürich hatte lediglich Cosaar vorrätig, machte die Kundin aber darauf aufmerksam, dass Generika deutlich günstiger seien. Sie empfahl, eine andere Apotheke aufzusuchen. Ein Generikum hätte sie innerhalb eines halben Tages bestellen können.

Der Apotheker-Verband Pharma Suisse will die saldo-Stichprobe nicht kommentieren. Diese sei nicht aussagekräftig. Silvia Schütz vom Krankenkassenverband Santésuisse betont, dass die Apotheken eigentlich durch das Gesetz zur «Wirtschaftlichkeit» verpflichtet wären. Sie müssten daher «das günstigste Medikament abgeben». Stattdessen erhöhen die Apotheken offenbar ihren Umsatz auf Kosten der Patienten. Die Folgen: Höhere Selbstbehalte und höhere Krankenkassenprämien.

Auffallend in der saldo-Stichprobe: Sämtliche Apotheken der Galenica-Gruppe (Amavita, Sun Store und Coop Vitality) verkauften den Testkunden ein Sandoz-Produkt. Frühere saldo-Recherchen zeigten, dass es vertrauliche Vereinbarungen zwischen der Galenica-Gruppe und der Novartis-Tochter Sandoz gab. Verkauften diese Apotheken Sandoz-Generika, erhielten sie Provisionen (saldo 5/10).


Hersteller bestreiten «Rabattverträge» mit Apotheken

Laut zwei Brancheninsidern sind solche Absprachen zwischen Apothekenketten und Generika-Herstellern noch heute üblich. Die Rabatte an die Apotheken würden bis zu 70 Prozent auf dem Fabrikabgabepreis ausmachen. Vor zwei Jahren waren es rund 40 Prozent. Gemäss Krankenversicherungsgesetz müssen Apotheker «direkte oder indirekte Vergünstigungen» jedoch an die Versicherten weitergeben. Galenica und Sandoz bestreiten die Existenz von «Rabattverträgen». Beide Firmen räumen grundsätzlich ein, dass es Abmachungen bei Marketing-Aktivitäten gebe, diese seien jedoch «nicht umsatzabhängig». Galenica-Sprecherin Christina Hertig sagt, dass es für Apotheker ihres Unternehmens «keine Verpflichtungen gibt, gewisse Produkte zu fördern».


20 Apotheken: Hier kaufte saldo ein


AARAU

Toppharm Apotheke Göldlin, Rathausgasse 29
Neue Apotheke Aarau (Fortis Concept), Vordere Vorstadt 11
Bahnhof Apotheke (Dr. Bähler), Bahnhofplatz 3 D
Careland Apotheke & Drogerie (Pharmavital), Kasinostrasse 32
Central-Apotheke, Hintere Bahnhofstrasse 102


BASEL


Sunstore Apotheke-Parfümerie, Shopping­center St. Jakob
Coop Vitality, Clara­strasse 22
Anfos-Apotheke (Rotpunkt), Aeschen­vorstadt 48
Toppharm Apotheke Hersberger, Spalenberg 41
Capitole Barfüsser Apotheke, Barfüsserplatz 14


BERN


Amavita Apotheke Bahnhof, Hauptbahnhof, Railcity
Bahnhof Apotheke (Dr. Bähler), Hauptbahnhof, Railcity
Coop Vitality, Genfergasse 3
Sunstore Apotheke, Storchengässchen 6


ZÜRICH


Odeon Apotheke (Dr. Bähler), Limmatquai 2
Sonnen-Apotheke, (Fortis Concept), Torgasse 10
Bellevue-Apotheke, Theaterstrasse 4
Dr. Andres Apotheke Stadelhofen, Goethestrasse 22
Schmiedegg-­Apotheke, Zurlindenstrasse 60
Amavita Apotheke Enge, Tessinerplatz 1


Beratung: Apotheken stellen den Kunden zu wenig Fragen

Die Qualität der Beratung war in den meisten Apotheken der saldo-Stichprobe sehr dürftig. Wichtige Fragen zum Gesundheitszustand des Patienten stellten die Apotheken selten. In 10 der 20 Apotheken fragte man nicht einmal, ob der Wirkstoff zum ersten Mal verschrieben wurde. Nur 3 fragten nach Allergien oder anderen Unverträglichkeiten. Auch nur 3 wollten wissen, ob der Patient weitere Medikamente einnehme oder an anderen Krankheiten leide. Ein einziges Mal kam die Frage, ob der Kunde das Medikament für sich selbst oder für eine andere Person kaufe.

Alle Apothekerinnen und Apotheker versäumten es, sich bei den weiblichen Testpersonen nach einer allfälligen Schwangerschaft zu erkundigen. Dabei rät der Hersteller Mepha auf dem Beipackzettel ausdrücklich davon ab, Losartan Mepha während der Schwangerschaft einzunehmen.

In 4 Apotheken stellte man den Testkunden keine einzige Frage. 3 davon belasteten zusätzlich eine Medikamenten-Check-Pauschale von Fr. 4.30. Der Einkauf verteuerte sich somit um 20 Prozent. Auch 8 Apotheken mit eher minimaler Beratung verlangten die gleiche Medikamenten-Check-Pauschale.

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