WLAN: Paris schaltet ab – Schweiz baut aus

K-Tipp 05/2008 vom

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Seit das WLAN-Netz in Paris abgeschaltet ist, sind gesundheitliche Probleme von Nutzern verschwunden. In der Schweiz hingegen wird in Schulen, Hotels und auf öffentlichen Plätzen munter weiter WLAN installiert.


Kopfschmerzen und Schwindel, Sehstörungen und Schlaflosigkeit waren meine Begleiter», erinnert sich Isabelle Gracy, Abteilungsleiterin in einer Pariser Bibliothek. Die Beschwerden begannen, nachdem ein Drahtlos-Netzwerk (WLAN) für den Internet-Zugang installiert worden war, sagt Isabelle Gracy dem K-Tipp.

Ein Funk-Sender und -Empfänger (Access Point) befand sich nur drei Meter von ihrem Bürotisch entfernt, in der Nähe standen verschiedene Computer. Mit Gracy klagten 40 von 100 Beschäftigten in vier öffentlichen Bibliotheken nach der Einrichtung von WLAN über ähnliche Symptome. Brigitte Malgrange zum Beispiel wurde so schwer krank, dass sie mehrere Monate ausfiel.


Ist der Grenzwert streng genug?

Erst auf Druck der Gewerkschaft Supap schalteten die Behörden die Netze wieder ab. Prompt verschwanden bei allen Betroffenen die Beschwerden. «Ich fühle mich wieder völlig gesund», sagt Gracy. Inzwischen arbeitet die Gesundheitsbehörde Afsset an einer Studie über WLAN. Bis die Ergebnisse vorliegen, gilt in öffentlichen Gebäuden von Frankreichs Hauptstadt ein WLAN-Stopp.

Die Kontroverse wurde in der Schweiz kaum wahrgenommen. Und so breitet sich die Technologie hier weiter aus, obwohl viele Menschen grosse Bedenken anmelden. Besonders beliebt sind die Drahtlos-Netzwerke an Schulen (siehe K-Tipp 10/07).

Die Verantwortlichen sehen meist kein Problem, denn die elektromagnetische Strahlung von WLAN liegt im Schnitt unter dem Grenzwert von 6 Volt pro Meter (V/m). Ob er streng genug ist, ist aber umstritten. Die Organisation Ärztinnen und Ärzte für Umweltschutz fordert einen Grenzwert von 0,6 V/m.

Uwe Dinger von der Umweltorganisation zum Schutz vor Funkstrahlung (Diagnose Funk) warnt vor WLAN an Schulen: «Kinder und Jugendliche könnten auf die hochfrequente elektromagnetische Funkstrahlung besonders empfindlich reagieren.»

Dinger beruft sich auf Studien, die auf einen kumulativen Effekt schliessen lassen. Das heisst: Auch eine schwache Strahlung summiert sich langfristig zu einer hohen Strahlendosis. Beunruhigend ist für Dinger weiter, dass bei WLAN die Pulsung von 10 Hertz im Frequenzbereich der Gehirnwellen liegt. Dies und die hohe Strahlendosis könnten die Gesundheit beeinträchtigen.

Die Politiker des bayrischen Landtages haben nun den Schulen nahegelegt, auf drahtlose Netzwerke zu verzichten. Noch keine klare Stellung bezieht der Dachverband Schweizer Lehrerinnen und Lehrer (LCH). Präsident Beat W. Zemp erklärt nur: «Solange nicht nachgewiesen ist, dass WLAN gesundheitlich unbedenklich ist, mahnen wir zur Vorsicht.»


WLAN in Schulen: Eltern entscheiden mit


Der Entscheid für oder gegen WLAN liegt letztlich bei den Schulbehörden. Zu den Befürwortern gehören Basel und Luzern, die sämtliche Primarschulhäuser mit WLAN ausgerüstet haben. «Die Lehrer sind aber angewiesen, Laptops wöchentlich maximal vier Stunden einzusetzen und bei Nichtgebrauch die WLAN-Sender auszuschalten», sagt Klaus Schürmann, Verantwortlicher für die Schulentwicklung in Luzern.

Vorsichtiger sind Bern, Zürich und St. Gallen: lBern setzt weiterhin auf Verkabelung. «Beim Entscheid gegen WLAN spielte der Widerstand vieler Eltern eine entscheidende Rolle», verrät Irene Hänsenberger, Leiterin des Schulamtes.

Ähnlich läufts in Zürich: «In jedem Schulhaus gibt es Eltern und Lehrer, die die drahtlose Technologie nicht akzeptieren», begründet Andi Hess, Leiter der Abteilung Lehren und Lernen der Stadt Zürich, die Zurückhaltung. Zudem sei WLAN wegen der höheren Betriebskosten längerfristig die teurere Lösung.

Hans-Andrea Thöny, Informatik-Koordinator der städtischen Schulen in St. Gallen, sagt: «Wir wollen die Schüler vor allfälligen Risiken schützen.» Deshalb seien die Unterrichtszimmer verkabelt. Es gibt für WLAN allerdings ein Hintertürchen: Lehrkräfte dürfen kurzfristig für 1 bis 2 Lektionen mit den Schülern über mobile Funksender ins Internet.


Bei Nichtgebrauch WLAN ausschalten


Ein «Spiel mit dem Feuer» nennt Dinger von Diagnose Funk den WLAN-Boom. «Auf den Schutz der Volksgesundheit wird nicht weiter Rücksicht genommen.» Selbst Strahlungsexperte Gregor Dürrenberger von der Forschungsstiftung Mobilfunk, die von Telecom-Betreibern und Handy-Herstellern finanziert wird, muss einräumen: «Über die Langzeitwirkung von sehr schwachen Feldern wissen wir wissenschaftlich sehr wenig.»

Genau deshalb empfiehlt die Wissenschaftsdirektion des EU-Parlaments bei Langzeitbelastung als Grenzwert 0,19 V/m. Wenig zur Risikodiskussion rund um WLAN trägt das Bundesamt für Gesundheit (BAG) bei. Es erachtet den bestehenden Grenzwert als streng genug. Nur zur «persönlichen Vorsorge» sollten die WLAN-Netze bei Nichtgebrauch ausgeschaltet werden. Diesen Rat erteilt das BAG aber erst, seit die deutsche Regierung eindringlich empfohlen hat: Kabelverbindungen bevorzugen.


Städte und Hotels setzen auf WLAN


WLAN-Netze verbreiten sich rasant, so zum Beispiel flächendeckend in den Innenstädten von St. Gallen und Luzern. Zu den Anbietern der Technologie gehören auch viele Restaurants. Bei McDonald’s etwa können die Gäste 30 Minuten gratis via WLAN auf dem mitgebrachten Laptop surfen.

Geradezu selbstverständlich ist der Internetzugang in Vier- und Fünfsternhotels – über WLAN oder Kabel. «Mögliche negative Auswirkungen von WLAN sind bei unseren Mitgliedern bis anhin kein Thema», gibt Hotelleriesuisse-Sprecherin Nora Fehr zu.

Also wird in den besten Häusern gleich doppelt vernetzt: Wer etwa im «Bellevue Palace» in Bern, im «Victoria-Jungfrau» in Interlaken, im Luzerner «Palace» oder im «Eden au Lac» in Zürich logiert, kann sich in allen Zimmern via WLAN oder Kabel ins Netz einloggen.


WLAN – eine von vielen Elektrosmog-Quellen

Der Grenzwert für hochfrequente elektromagnetische Strahlung beträgt 6 Volt pro Meter (V/m). Weil WLAN-Sender im «Normalbetrieb» weit darunter bleiben, sind sie nicht bewilligungspflichtig. Jeder kann sich folglich in seiner Wohnung ein WLAN-Netz einrichten.

Der Grenzwert wird aber regelmässig überschritten, wenn die Distanz zwischen der Funknetzwerkkarte im Computer und dem Körper gering und der Datenverkehr gross ist (siehe K-Tipp 9/07). Die Höchstbelastung entsteht beim Verschicken grosser Datenmengen.

Um sich vor den Strahlen zu schützen, sollte man beim Senden von E-Mails beachten: Je geringer der Abstand des Nutzers zum Computer, desto stärker die Strahlung. Im Abstand von 50 cm kann WLAN noch mit 2,5 bis 3,5 Volt pro Meter strahlen.


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Kommentare

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von Nendaz am
20.03.2008, 09:50

WLAN, eines der vielen Risiken, an Leib und Seele zu erkranken.

Warum muss der grosse Teil der Bevölkerung leiden, weil ein kleiner %-Satz nicht ohne mobile Datenvernetzung leben kann ? Warum veröffentlichen die Telekommunikationsanbieter nicht die genauen Zahlen der WLAN-Benützer? Meines Wissens kam der Wunsch für diese Art von Datenübertragung nicht vom Benutzer = also war früher kein Bedarf. Die agressive Verkaufspolitik hat die PC-Benutzer geradezu "genötigt", salopp gesagt, sich solche Technologien anzuschaffen, ohne sich dabei über deren Folgen Gedanken zu machen. Leider findet man bei soviel unwissendem Volk immer noch genügend Kunden. Wir brauchen WLAN, weil auch unbedingt zu jeder Zeit und an jedem Ort "Mobilität" gezeigt werden muss. Man will Freiheit, am Kabel hängen ist Steinzeit ! Wird tatsächlich effizienter gewirtschaftet? Werden tatsächlich Kosten gespart ? Darüber wird geschwiegen, solche Zahlen zu eruieren, ist viel zu aufwändig. Man beklagt den täglichen Stress, Burnout und andere Folgen unsere schnellen Lebensart - und bestrahlen sie dann auch noch! Wenn der Mammon ruft - da bleibt der gesunde Menschenverstand meistens auf der Strecke! Wenn wir schon beim Bestrahlen sind; mir wird schlecht, wenn ich daran denke, dass in Kürze gemäss Bundesverordnung alle Glühlampen durch Stromsparlampen ersetzt werden müssen ! Also, was man nicht spührt, tut einem nicht weh.

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