Süsse Früchte, bitterer Nachgeschmack

saldo 14/2002 vom

Bedenkliches Resultat einer saldo-Stichprobe: 8 von 10 Traubenproben waren mit Pestiziden verschmutzt - teilweise weit über den zulässigen Höchstwerten.

Sei es zum Dessert, sei es zum Naschen zwischendurch: Trauben sind in diesen Wochen beliebte Früchte. Der grösste Teil der süssen Beeren stammt aus Italien. Rund 30 000 Tonnen, fast zwei Drittel des Schweizer Gesamtverbrauchs, wurden vergangenes Jahr aus dem südlichen Nachbarland importiert. 4800 Tonnen kamen aus Frankreich, 2500 aus Südafrika. Die Schweiz selber produziert nur einige Hundert Tonnen. Doch die einheimische Ernte war noch nicht reif, als saldo am 20. August zehn Traubenproben einkaufte und ins Labor brachte.

Die Ergebnisse der Untersuchung sind nicht erfreulich: Zwei der Proben wiesen Pestizidkonzentrationen auf, die den gesetzlichen Toleranzwert um das Drei- bis Fünffache überschritten. Vier weitere Proben waren mit Pestiziden verschmutzt, hielten jedoch die Höchstwerte ein. In den zwei Proben aus biologischem Landbau fanden sich geringe Mengen Kupfer. Das ist zwar für den Konsumenten unbedenklich. Doch im Rebberg sammelt sich das Schwermetall an und wird mit der Zeit zur Umweltbelastung.


Für Fische giftig, bei Menschen krebsverdächtig

Nur in zwei Proben stellte das Labor keine Rückstände fest - was nicht zwingend bedeutet, dass sie frei von Pestiziden waren. «Wir haben die 40 häufigsten Pestizide untersucht. Allein in der EU sind jedoch etwa 850 Wirkstoffe zugelassen», erklärt der Laborleiter.

Was saldo gefunden hat, reicht auch so. Auf einer blauen französischen Prima-Traube fanden sich pro Kilo 1,52 Milligramm Cyfluthrin, fünfmal mehr als der Toleranzwert. Das breit wirksame Insektizid gehört zu den Pyrethroiden und ist ein Nervengift. Wie Hunderte von anderen Pyrethroiden ist es für Bienen und andere Nützlinge tödlich sowie für Fische giftig. Eine aktuelle Studie des Hamburger Pestizid-Aktions-Netzwerks zählt Cyfluthrin zu den fünf giftigsten Stoffen, die in Deutschland als Pflanzenschutzmittel angewendet werden. Und eine im Mai veröffentlichte Studie des WWF Deutschland nennt «deutliche Hinweise, dass bei Menschen die Abnahme der Fruchtbarkeit und die Zunahme von Brust- und Hodenkrebs auf die Belastung mit solchen Stoffen zurückzuführen ist».


Trauben mit Wasser abspülen kann Pestizide reduzieren

Claude Wüthrich, Leiter der Fachstelle Pflanzenschutz beim Bundesamt für Gesundheit, empfiehlt, die Trauben vor dem Essen einige Minuten in Wasser einzulegen und sie dann gut abzuspülen. So lasse sich die Verschmutzung in manchen Fällen reduzieren.

Für die Bundesbehörden ist der freie Handel offenbar wichtiger als die Gesundheitspolitik. Beispiel Fluvalinat: Das zweite in der saldo-Stichprobe gefundene Pyrethroid ist in der Schweiz nicht zugelassen. Deshalb enthält die Lebensmittelgesetzgebung keine Grenzwerte für den Stoff. In Frankreich aber existiert ein Höchstwert. Dieser wird von den Schweizer Behörden einfach übernommen. «Sonst schaffen wir ein Handelshemmnis», erklärt Wüthrich die Gesundheitspolitik des Bundes. Georg Schäppi vom Zürcher Kantonslabor kritisiert: «Diese Praxis führt zu einer Angleichung der Höchstwerte nach oben.»


Coop will die eigenen Tests intensivieren

Die saldo-Stichprobe hat Folgen: Beim Früchte-Detaillisten Bosshard in Zug, Verkäufer der einen stark belasteten Probe, will man den Lieferanten der Insektizid-Trauben künftig meiden, wie Inhaber Peter Bosshard sagt. Importeur Otto Keller von der EO Keller AG in Zürich kann sich die Überschreitung nicht erklären. Doch die gefundenen Insektizide gehörten bisher auch nicht zum Analyseprogramm seines Labors. «Neuerdings erfassen wir diese Stoffe auch», verspricht Keller.

Bei Coop, wo saldo die zweite Probe mit ums Dreifache überschrittenen Toleranzwerten kaufte, ist man «überzeugt, dass es sich um einen Einzelfall handelt». Von den beiden Insektiziden Deltamethrin und Fenpropathrin habe Coop noch nie Rückstände gefunden, sagt Pressesprecher Jörg Birnstiel. Coop will die Spritzpraxis der französischen Lival-Lieferanten nun genau prüfen und die eigenen Tests intensivieren.


Waro streicht ab sofort seinen Traubenlieferanten

Durchgreifen will dagegen Peter Fricker, Einkaufsleiter Früchte und Gemüse bei Waro: «Der Produzent dieser Trauben wird sofort gestrichen und die Kontrollen intensiviert. Wir wollen saubere Ware ohne messbare Pestizidrückstände.»

Die Red-Globe-Traube aus Sizilien, einzige roséfarbene Frucht in der Stichprobe, wies dreierlei Pestizidrückstände auf, die allerdings höchstens ein Zehntel des Toleranzwertes erreichten. «Solch geringe Rückstände nehmen wir in Kauf», sagt Mercedes Pajares, die beim Zürcher Importeur Buonvicini AG für die Qualitätskontrolle zuständig ist.

Auf den griechischen Trauben von der Migros fand sich nur das Pestizid Myclobutanil - mit Rückständen in der Höhe von einem Sechstel des Toleranzwertes. Laut Migros-Sprecher Urs Peter Naef werden die Produzenten in jener Region im Januar auf integrierte Produktion umstellen, was die Belastung senken soll.

Die Resultate der saldo-Stichprobe stimmen mit den Ergebnissen anderer Tests überein: Der Aargauer Kantonschemiker untersuchte letztes Jahr vier Proben - drei davon waren belastet. Ähnlich die Resultate seines Zürcher Kollegen: «Es wird eine Vielzahl von Pestiziden eingesetzt», sagt Georg Schäppi, Leiter des Bereichs pflanzliche Lebensmittel. «Auf 4 von 26 Proben fanden wir auch Rückstände von Dithiocarbamaten, deren Abbauprodukte ETU und PTU ziemlich bedenklich sind.» Diese Substanzen riefen in Tierversuchen Krebs hervor.

Frustrierend für die kantonalen Behörden: «Wir stellen immer mehr Rückstände fest und können immer weniger beanstanden», so Schäppi. Statt eines einzelnen Stoffes setzten die Landwirte ganze Pestizid-Cocktails ein. Die einzelnen Stoffe liegen dann zwar unter den Höchstwerten. «Doch die Gesamtbelastung für den Menschen nimmt eher zu», warnt der Biologe Schäppi. «Ausserdem sind in der neuen Fremd- und Inhaltsstoffverordnung (FIV) verschiedene Grenzwerte nach oben angepasst worden.» Ersichtlich ist dies am Beispiel Tee: In der alten Verordnung war das Pestizid Cypermethrin auf 0,01 Milligramm pro Kilo beschränkt. In der neuen FIV fehlt aber ein Höchstwert, sodass die Behörden im Tee den Cypermethrin-Höchstwert der FIV tolerieren müssen, der bei 2 Milligramm pro Kilo liegt.

Mike Weibel



Schweiz testet neue Sorten

Speisetrauben sollen grosse Beeren, festes Fruchtfleisch, straffe Haut und möglichst kleine Kerne haben. Entscheidend für den Genuss: Süss sollen sie sein, mit ausgeprägter Geschmacksnote - wie etwa dem Muskatgeschmack bei Uva Italia (weiss) oder Muscat (blau).

In der Schweiz versuchen die Weinbauern, einen grösseren Teil des Tafeltraubenkuchens zu erobern. Im Wallis und Thurgau laufen Versuche mit neuen Sorten. Erntezeit ist die zweite Septemberhälfte. «Wir suchen mit unseren Früchten eine Marktnische im obersten Preissegment», sagt Bruno Hugentobler, Leiter der Fachstelle Obst- und Weinbau an der Landwirtschaftlichen Schule Arenenberg. Die Preise für Tafeltrauben liegen im Herbst zwischen 2 und 10 Franken pro Kilo.



Toleranzwert

Toleranzwerte sind Höchstkonzentrationen, die bei üblicher Herstellungspraxis eingehalten werden. Wird ein Wert überschritten, muss der Verkäufer der Ware unter Aufsicht der Behörden Massnahmen ergreifen.

Für wenige Stoffe gibt es einen Grenzwert. Wird dieser überschritten, gilt die Ware als ungeeignet für den Konsum und wird aus dem Verkehr gezogen.
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