Giftmischung auf dem Kopf

saldo 19/2002 vom

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Volcano und Deep Blue statt ordinärem Braun oder tristem Mausgrau: Sich die Haare zu färben, liegt im Trend. Doch die Inhaltsstoffe der chemischen Farbwunder schaden der Gesundheit.

Sie wollen erste Spuren des Alters überdecken oder färben ihren Schopf alle paar Monate nach der neusten Mode ein: Frauen wie Männer finden sich nicht länger mit ihrer natürlichen Haarfarbe ab. Im vergangenen Jahr gaben sie in der Schweiz 150 Millionen Franken für Haarfärbemittel aus. Das sind 40 Millionen mehr als 1997. «Das Einstiegsalter für permanente Färbemittel ist auf 16 bis 18 Jahre gesunken», schätzt Dieter Ammann von Schwarzkopf in Basel. Jede zweite Frau färbt sich regelmässig ihr Haar - für Männer schwanken die Angaben zwischen 3 und 10 Prozent. Tendenz steigend.

Möglicherweise zahlen sie für ihr modischdynamisches Aussehen einen hohen Preis: Haarfärbemittel enthalten Substanzen, die Toxikologen als gesundheitlich bedenklich einstufen. Besonders problematisch sind aromatische Amine. Zu dieser Gruppe gehören auch Para-Phenylendiamin (PDA) und 2,5-Toluylendiamin. Sie werden von Chemikern als giftig, sensibilisierend sowie umweltgefährlich eingestuft und stehen im Verdacht, Krebs zu erzeugen.


Aromatische Amine: Schwarztöne sind stärker belastet

Von 22 Haarfärbemitteln, die saldo vom CTL-Labor in Bielefeld (D) untersuchen liess, enthalten alle entweder PDA oder 2,5-Toluylendiamin. Deshalb ist keines der Produkte empfehlenswert. Die Konzentrationen der beiden Substanzen variieren allerdings beträchtlich. Während die Rottöne mehrheitlich nur 0,5 bis 2 Prozent 2,5-Toluylendiamin enthalten, weisen die Schwarznuancen teilweise einen Anteil von über 5 Prozent auf.

«Je dunkler der Farbton, desto höher die Konzentration der verwendeten Amine», erklärt Urs Hauri, Chemiker im Kantonslabor Basel. Schweizer Konsumentinnen leben demnach gefährlicher als ihre Verwandten aus dem Norden. Sie bevorzugen, anders als die Deutschen, dunklere Haarfarben.

Auffällig im saldo-Test ist, dass es Hersteller gibt, die mit den problematischen Substanzen sparsamer umgehen, während andere mit der grossen Kelle anrichten. So enthält das Goldwell-Produkt vom Coiffeur deutlich mehr 2,5-Toluylendiamin und auch mehr Resorcin als andere - bei vergleichbaren Farbnuancen, wohlgemerkt. Auch

Wella benötigt für ihren Schwarzton Café Noir höhere Konzentrationen als die Konkurrenz.

Für Wella-Sprecherin Carola Wacker-Meister sind die Unterschiede jedoch nicht relevant. «Wir nehmen so viel, wie wir brauchen, um ein optimales Farbergebnis zu erzielen.»

So tief einzelne Hersteller auch in ihre Chemiefässer greifen - keiner verstösst gegen die schweizerische Verordnung über kosmetische Mittel. Alle 22 Produkte sind mit dem gesetzlich vorgeschriebenen Hinweis versehen: «Erzeugnis kann eine allergische Reaktion hervorrufen.» Die Grenzwerte der problematischen Stoffe werden durchwegs eingehalten. Doch diese sind sehr hoch. Der Anteil an 2,5-Toluylendiamin darf bis zu 10 Prozent betragen. Von PDA sind immer noch bis zu 6 Prozent erlaubt. «Würde hier der Grenzwert ausgeschöpft und handelte es sich nicht um ein Kosmetikum, sondern um ein Putzmittel», so Urs Hauri, «müsste das Produkt der Giftklasse 3 zugeordnet werden.» Das heisst: Es dürfte nur gegen Unterschrift abgegeben werden.

Dass die Grenzwerte so hoch sind, ist kein Zufall. Sie werden von den Herstellern selbst beantragt und sind auf den internationalen Markt ausgerichtet. «In Japan überfärben viele ältere Menschen graue Haare mit einem tiefen Schwarz», sagt Hauri. «Diese Farben enthalten hohe Konzentrationen an Oxidationsstoffen.» Kommt hinzu, dass «die Grenzwerte zum Teil über 20 Jahre alt sind», bemängelt Judith Amberg vom Bundesamt für Gesundheit (BAG).


Nachweislich grösseres Risiko für Blasenkrebs

Die Substanzen und ihre Grenzwerte stehen jetzt allerdings auf dem Prüfstand. Der EU-Ausschuss für kosmetische Mittel und Non-Food-Produkte (SCCNFP) verlangt von den Herstellern neue Daten. Auch alte Stoffe wie 2,5-Toluylendiamin und PDA werden wieder überprüft.

Auslöser für diese Revision war unter anderem eine Studie der Universität von Süd-Kalifornien aus dem Jahr 2001. Sie zeigte, dass sich für Frauen, die regelmässig ihr Haar mit Permanent-Haarfarben färbten, das Blasenkrebsrisiko verdoppelte. Bei Menschen, die mehr als zehn Jahre im Coiffeurgewerbe tätig waren, verfünffachte sich das Risiko sogar.

«Raucherinnen sind besonders gefährdet, an Blasenkrebs zu erkranken, da sich auch durch das Tabakrauchen eine Belastung mit aromatischen Aminen ergibt», erklärt Judith Amberg. Die BAG-Expertin glaubt, dass die Hersteller durch die Arbeit der EU-Kommission «stark unter Druck geraten. Der Markt wird sich vermutlich verändern.»


Hersteller bemühen sich nicht um Alternativen

Die offiziellen Stellungnahmen der Unternehmen geben allerdings wenig Anlass zur Hoffnung. Carola Wacker-Meister von Wella: «Wir halten die verwendeten Farbstoffe für sicher. Wer eine permanente Farbabdeckung will, muss ein bestimmtes Wirkungsprinzip akzeptieren.» Auch bei Henkel-Schwarzkopf scheint man nicht daran zu denken, nach Ersatzstoffen zu suchen. Detlef Hollenberg, Leiter der Farbentwicklung in Düsseldorf: «Für uns stellt sich die Frage nach Alternativen nicht. Wir sind von den positiven Eigenschaften des 2,5-Toluylendiamin überzeugt.» Hollenberg betont, dass die Konzentrationen so niedrig wie möglich dosiert würden.

Leider können sich die Konsumentinnen und Konsumenten nicht selbst ein Bild darüber machen. Keine einzige Packung enthält Mengenangaben der problematischen Inhaltsstoffe. Das Gros der Hersteller beruft sich auf die für sie bequeme Kann-Regelung. Das bedeutet: Sie führen ganz einfach alle Substanzen auf, die in diesem oder einem anderen Artikel enthalten sein könnten.


Die vorgetäuschte Naturnähe wird nicht eingehalten

Irreführend sind zum Teil auch die optische Aufmachung und die Namen der Haarfärbemittel. So nennt Frenchtop ihre Linie Natural Care Henna Plus. Doch mit der Natürlichkeit ist es nicht weit her. Die Konzentration der aromatischen Amine ist nicht geringer als bei den herkömmlichen Färbemitteln.

Auch Sanotint von Cosval suggeriert durch einen üppigen Baum und den Hinweis «mit Goldhirse und Kräutern» mehr Naturnähe, als das Produkt einlösen kann - Sanotint enthält PDA. Im Kleingedruckten stehts.

Garnier-Produkte, produziert in Polen, versuchen mit Pflegezusätzen aus «Fruchtöl» und «Blütenhonig» von ihrer Herkunft aus den Giftküchen der Chemie abzulenken.


Zwei Tage vor dem Färben: Hauttest in der Armbeuge

Wer auch künftig nicht aufs Haarefärben verzichten möchte, sollte wenigstens minimale Vorsichtsmassnahmen treffen. Helmut Meyer, Untersuchungsleiter am CTL-Labor, empfiehlt, zwei Tage vor dem Färben einen Hauttest in der Armbeuge zu machen. Coiffeure und private Anwenderinnen sollten in jedem Fall mit Handschuhen arbeiten. Diese dürften allerdings nicht aus Latex sein, denn aromatische Amine dringen durch diese hindurch. Abschliessend muss das Haar sehr sorgfältig ausgewaschen werden. «Kein Mensch weiss, wann die Reaktionen der Moleküle abgeschlossen sind und welche kurzlebigen Zwischenprodukte noch anfallen», so Meyer.

Ein letzter Hinweis an all jene, denen nun doch die Lust am Haarefärben vergangen ist: Unbenutzte Haarfärbemittel gehören nicht in den Hauskehricht - sie sind Sondermüll.



Die Inhaltsstoffe

Para-Phenylendiamin (PDA): Giftig, reizend, stark wassergefährdend, gilt als hochallergen. 1980 in der Schweiz erstmals, in Deutschland 1985 wieder zugelassen, auf Wunsch der Industrie.

2,5-Toluylendiamin: Seit den 80er-Jahren anstelle des eng verwandten 2,4-Toluylendiamin eingesetzt. Dies erwies sich im Tierversuch eindeutig als Krebs erregend, bezüglich 2,5 gibt es «lediglich» gewisse Verdachtsmomente. PDA und 2,5-Toluylendiamin gelten als hauptverantwortlich für Hauterkrankungen und Allergien bei Coiffeuren.

Resorcin und 2-Methylresorcin: Diese beiden Substanzen durchdringen die Hautbarriere. Es gibt Anhaltspunkte, dass sie eine erbgutschädigende Wirkung haben.



Farben aus der Natur sind nicht ungefährlich

Tönungen gelten als sanfte Alternative zum Färben. Oft steckt hinter der Bezeichnung Tönung aber eine ganz normale Färbung. Dies ist immer dann der Fall, wenn zwei Komponenten miteinander gemischt werden. Selbst Ein-Komponenten-Tönungen sind nicht harmlos. Eine Untersuchung der Zeitschrift «Öko-Test» im Mai 2002 zeigt, dass sie ebenfalls aromatische Amine enthalten.

Einige Hersteller chemischer Haarfärbemittel bieten auch Pflanzenfarben an. Schwarzkopf vertreibt über Coiffeure die Linie Botanic. Der Umsatz macht aber nur zwischen 1 und 2 Prozent aus. Daneben gibt es die Naturhaarfarben von Logona (Infos unter www.cep.de) und von The Body Shop. Grundsätzlich bedingen Naturfarben einen grösseren Aufwand und längere Einwirkzeiten. Bei hellen Haartypen lassen sich gute Ergebnisse erzielen, doch eine Grauabdeckung bei dunkler Eigenhaarfarbe ist nicht immer gewährleistet. Zudem sind Farben aus der Natur nicht zwangsläufig ungefährlich. Judith Amberg vom BAG: «Der rote Farbstoff in Henna, Lawsone, hat ebenfalls ein gewisses erbgutschädigendes Potenzial.»
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Kommentare

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von Karolin am
03.12.2012, 12:40

keine Nebenwirkungen

ich habe eine Allergie gegen chemische Haarfärbemittel und ich würde euch Colourwell empfehlen.

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