Wenn Kleider krank machen

Haus & Garten 2/2004 vom

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Hautkontakt mit Stoff kann Ihre Gesundheit gefährden: Gefärbte, antimikrobiell behandelte oder gar parfümierte Kleidung führt zu Allergien und Ekzemen auf der Haut.

Allergien sind zu einer eigentlichen Gesellschaftskrankheit geworden. Martin Rüegger, Facharzt für Arbeitsmedizin bei der Suva in Luzern, schätzt, dass bis zu zwei Prozent der so genannten Kontaktekzeme auf Textilchemikalien zurück-zuführen sind. Kontaktekzeme sind Hauterkrankungen, die durch Kontakt mit Drittstoffen verursacht werden.

Bei Kleidern gibt es hauptsächlich zwei chemische Gefahrenherde: die Farben und die Harze, die dem Kleidungsstück die Form geben und es vor dem Eingehen schützen.

Bei den Farben sind die so genannten Azofarbstoffe äusserst beliebt, weil sie den Naturfasern und der Kunstfaser Polyamid schöne optische Eigenschaften verleihen. Sie gehen eine chemische Reaktion mit dem Kleidungsstück ein und sind praktisch nicht auswaschbar. Selbst Schweiss vermag diese Reaktivfarbstoffe kaum aus dem Gewebe zu lösen. Doch vereinzelte Substanzen dieser Azofarbstoffe können im Körper zur Umwandlung in Krebs erregende Stoffe (zu so genannten aromatischen Aminen) führen. In der Schweiz sind solche gesundheitsgefährdenden Azofarbstoffe in Textilien verboten. Ein solches Verbot gilt aber nicht in allen Produktionsländern, weshalb ein Restrisiko bleibt, dass solche Ware auf Umwegen dennoch zum Konsumenten gelangt.


Tiefe Grenzwerte für Formaldehyd bei Öko-Labels

Neben dem Färben werden Kleider auch «ausgerüstet». Damit meint man das Einbringen von Harzen, die Kleider zum Beispiel pflegeleicht, bügelfrei, knitterfrei oder formfest machen: Man kann sie waschen ohne zu riskieren, dass sie dabei eingehen. Vor allem Kleider aus Natur- und Mischfasern verlieren gerne die Form und werden deshalb oft mit formaldehydhaltigen Harzen getränkt. Formaldehyd gilt ab einer gewissen Konzentration als krebserregend. Spuren dieser Substanz sind auch schon in der Haut von Menschen gefunden worden.

Einen Formaldehyd-Grenzwert gibt es in der Schweiz nicht. Laut Öko-Tex-Standard 100, der europaweit angewendet wird, gelten für Kleider mit Hautkontakt: 75 mg/kg (für Baby-Kleider 20 mg/kg). Hersteller mit hohen Qualitätsansprüchen unterschreiten den Grenzwert bei weitem: Beim Öko-Label Coop Naturaline beträgt er 20 mg/kg. Zehn von Saldo (12/01) getestete T-Shirts aus Schweizer Warenhäusern wiesen Werte um 20 mg/kg auf. (siehe auch Öko-Labels Seite 59).


Farbe kann bei Kunstfasern ein Problem sein

Stoffe, die abfärben, können die Haut irritieren. Zum Färben von gewissen Kunstfasern, etwa Polyester, werden Dispersionsfarben verwendet. Diese gehen mit dem Stoff keine chemische Bindung ein, sondern werden im Stoff nur in gelöster Form «eingelagert». Wenn man schwitzt, kommt es zu so genannten Ausblühungen und damit zur Abgabe dieser Farbstoffe in die Haut - den berühmtberüchtigten blau-schwarzen Füssen bei Socken. Dort können die Farben das erwähnte Kontaktekzem provozieren. Kommen Schweiss und Reibung von zu engen Kleidungsstücken hinzu, können auch Eiterpusteln entstehen.
Vor Hautallergien oder Kontaktekzemen kann man sich schützen. Beginnend beim Kauf: Je weiter die Kleider, je weniger Farbe und je natürlicher die Textilfaser, desto kleiner das Risiko von Hautirritationen und Allergien. Bei stark gefärbtem Stoff macht die Farbe bis zu 2,5 Prozent des Gesamtgewichts aus. Pastellfarbene Textilien hingegen enthalten nur 0,1 Prozent Farbe.

Schwarze, blaue oder rote Hemden gehören zu den am stärksten gefärbten Textilien. Sie gefährden - wie auch stark gefärbte T-Shirts, Strings oder Leibchen - die Haut weit heftiger als weisse oder pastellfarbene. Diese Gefahr lauert aber nur in synthetischen Textilien, die eng auf der Haut getragen werden. Baumwollkleider, die beim Waschen ihre Farbe behalten, sind auch bei bunten und starken Tönen problemlos.
Wer aus modischen oder aus Kostengründen auf Kunstfasern nicht verzichten will, kann am Morgen beim Anziehen mit der richtigen Wahl des Kleidungsstücks immer noch genügend Einfluss nehmen: Kündigt sich heisses Wetter an oder wartet der Tag mit einer Sitzung «zum Schwitzen» auf, so ist es ratsam, keine engen Kleidungsstücke zu tragen. Damit vermindert man die Wahrscheinlichkeit von chemischen Reaktionen von Schweiss und Färbsubstanzen.


Antimikrobiell behandelte und parfümierte Klamotten

Ein wachsender Markt bildet die so genannte antimikrobiell behandelte Kleidung. Schweiss beginnt erst zu riechen, wenn er von Bakterien zersetzt wird, die natürlich auf der Haut vorkommen. Antimikrobielle Kleidung unterdrückt das Wachstum von Pilzen und Bakterien. Sie verhindert also die Geruchsbildung unter Achselhöhlen, am Rücken und an den Füssen. Gerade für Allergien anfällige Personen sollten solche aus Kunstfasern hergestellte Kleidung meiden.

Für die Schweiz noch in der Ferne liegen hingegen parfümierte Kleidungsstücke wie Nylonstrumpfhosen und Blusen mit «eingebautem» Deo-Geruch. Parfümöle können die Haut leicht reizen. In Japan stehen solche Kleidungsstücke zuoberst auf der Hitliste der Allergieauslöser.

Wenig Anlass zu Klagen geben Waschmittelrückstände in Kleidern, die frisch aus der Produktion kommen. Dennoch empfehlen Fachleute, Textilien vor dem ersten Gebrauch zu waschen. Dadurch reduziert sich automatisch auch die Menge der im Gewebe möglicherweise vorhandenen Schadstoffe.



Chemische Substanzen in Kleidern: So verhindern Sie Hautirritationen

Vor Gebrauch
Kleidungsstücke waschen.

Kunstfasern (synthetische Fasern)
- Stoffe, die auf die Haut abfärben und sie irritieren.
Lösung: Natur- oder Kunsttextilien mit heller Farbe kaufen, oder Textilien nicht eng auf der Haut tragen.

Natur- und Mischfasern
- Harze, die Kleidern Bügelfreiheit und Form geben und allenfalls Krebs erregendes Formaldehyd ausscheiden.
Lösung: Das Öko-Tex-Standard-100-Label legt einen Grenzwert von 75 mg/kg fest. Einzelne Labels wie Coop Naturaline unterschreiten den Grenzwert bei weitem.

Am Morgen vor der Ankleide
Für heisse Tage keine enge Kleidung - dazu gehören auch Socken - und keine gefärbten Kunstfasern anziehen.



Textilherstellung: Gefährliche Jobs

Dioxine, Chlor und andere Giftstoffe: Wer in der Textilbranche arbeitet, ist grossen Gefahren ausgesetzt.

Nach Schätzungen werden etwa 16 Prozent der weltweit eingesetzten Pflanzenschutzmittel auf Bauwollkulturen versprüht - mit entsprechend hohen Gesundheitsrisiken für die Bauern. Beim Waschen der geernteten Baumwollrohfasern werden giftige Schwermetalle wie Cadmium und Quecksilber ausgeschieden. Bei der Verarbeitung zu Garn belastet Textilstaub die Lungen und verursacht typischerweise Asthma.

Bevor die Baumwolle auf Reisen geht, wird sie mit Antifaul-Mittel behandelt - unter anderem mit Dioxinen («Seveso-Gift») und Furanen, die zu schweren Vergiftungen und Langzeitschäden führen.

Und schliesslich sind die Gerber und Färber einem grossen Risiko ausgesetzt. Gebleicht wird mit chlorhaltigen Flüssigkeiten, die verdampfen. Werden sie unsachgemäss eingesetzt, schädigen sie die Arbeiter. Gefährlich ist auch der Staub von Farbstoffen, der sich auf der Haut, in der Luftröhre oder in der Lunge festsetzt und Bronchialasthma und Allergien verursacht.
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