Cholesterin-Medikamente: Höheres Risiko für Diabetes

saldo 13/2013 vom

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Medikamente vom Typ der Statine ­sollen das Cholesterin senken. Doch wer sie schluckt, läuft Gefahr, Diabetes zu bekommen. Für Fachleute ist klar: Oft sind die Pillen nicht sinnvoll.

Schweizerinnen und Schweizer erhalten vom Arzt immer häufiger Pillen gegen hohes Cholesterin: Über 2 Millionen Packungen waren es letztes Jahr. Vor fünf Jahren waren es erst knapp 1,6 Millionen.

Die Pillen, sogenannte Statine wie Crestor oder Sortis, sollen vor Herzinfarkt und Schlaganfall schützen. Doch sie haben auch schwerwiegende Nachteile. So erhöhen sie laut einer neuen Studie im «British Medical Journal» das Risiko, Diabetes zu bekommen. Forscher im Umfeld des St. Michael’s Hospital in Toronto werteten die Daten aller Kanadierinnen und Kanadier über 65 Jahre aus, die Statine bekamen – fast eine halbe Million Menschen.

Resultat: Am stärksten liess das Medikament Crestor das Diabetes-Risiko ansteigen. Von 100 Patienten, die es zehn Jahre lang einnahmen, bekamen 34 Diabetes. Kaum besser schnitt Sortis ab mit 31 Diabetesfällen auf 100 Patienten. Bei Zocor waren es 27 und bei Selipran 23, wie die Autoren schreiben.


Nur für Patienten mit hohem Herzinfarkt-risiko zu empfehlen

Die Forscher bestätigen damit frühere Studien. Letztes Jahr hatten Forscher gezeigt, dass ältere Frauen häufiger an Diabetes erkranken, wenn sie Statine nehmen («Gesundheitstipp» 3/12).

Die Tabletten gegen hohes Cholesterin haben weitere Nachteile. Gefürchtet sind Probleme mit den Muskeln. Sie treten bei rund jedem fünften Patienten auf. Betroffene klagen über schwache oder schmerzende Muskeln. Selten können Statine gefährliche Folgen etwa für Nieren oder Leber haben. Bekannt sind auch Alpträume oder doppeltes Sehen.

Für Etzel Gysling, Herausgeber der Zeitschrift «Pharma-Kritik», ist klar: «Statine sind nur für Menschen sinnvoll, die ein hohes Risiko haben, einen Herzinfarkt oder Schlaganfall zu erleiden.» Also etwa für ältere Raucher mit hohem Blutdruck und hohem Cholesterin. Ebenso für Menschen, die familiär vorbelastet sind oder die bereits einen Herzinfarkt oder Schlaganfall hatten.

Anders ist es, wenn jemand nur hohes Cholesterin hat und sonst gesund ist: Dann brauche es keine Pillen, so Wolfgang Becker-Brüser, Herausgeber des Fachblattes «Arznei-Telegramm». Der Nutzen für solche Menschen sei gering – «die Gefahr der Nebenwirkungen hat man aber trotzdem».


Sortis: Pfizer ergänzt Beipackzettel mit Zusatzhinweis

Ärzte und Patienten können das Risiko relativ einfach berechnen (siehe Kasten). Jedoch müssen Betroffene ihre Werte für Cholesterin und Blutdruck kennen. Der Zürcher Hausarzt Felix Huber setzt Statine bei Patienten dann ein, wenn die Gefahr, in den nächsten zehn Jahren einen Herzinfarkt zu bekommen, bei 20 Prozent oder mehr liegt. «Beträgt das Risiko zwischen 10 und 20 Prozent, besprechen wir, ob Medikamente sinnvoll sind.»

Crestor-Herstellerin AstraZeneca widerspricht dem nicht: Bei Patienten mit erhöhtem Cholesterin, aber tiefem Risiko fürs Herz «stehen Ernährungsmassnahmen und Bewegung im Vordergrund», so die Firma. Sie gibt sich aber überzeugt: Bei Patienten mit erhöhtem Risiko überwiege der Nutzen von Statinen «klar» gegenüber der Gefahr einer Diabetes-Neudiagnose.

Der Pharmamulti Pfizer schreibt saldo, man werde «in den nächsten Tagen» die Fachinformation des Medikaments Sortis mit einem Zusatz ergänzen. Dieser weise auf das Diabetes-Risiko hin und fordere die Ärzte auf, gefährdete Patienten zu überwachen.


Tipps: So senken Sie Ihr Cholesterin

  • Rauchen Sie nicht.
  • Bewegen Sie sich dreimal pro Woche mindestens eine halbe Stunde.
  • Vermeiden Sie Über­gewicht.
  • Essen Sie viel Gemüse.
  • Meiden Sie Frittiertes, fetthaltige Fertigprodukte und industrielle Backwaren.
  • Berechnen Sie Ihr Risiko fürs Herz: www.agla.ch › Risikorechner.
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