Bangladesch: Keine Rede von «fairem Lohn» für Näherinnen

saldo 19/2013 vom

von

Ein Fairtrade-Shirt kostet im Laden in der Schweiz deutlich mehr als ein Standardprodukt. Doch saldo-Recherchen in Bangladesch zeigen: Die Näherinnen erhalten nicht mehr Lohn.

Wer bei Schild ein T-Shirt mit dem Fairtrade-Logo von Max Havelaar kauft, bezahlt Fr. 19.90. Ein ähnliches Shirt ohne Fairtrade-Label kostet Fr. 12.90. Bei Manor gibts ein kurzärmliges T-Shirt von Maddison mit der Kennzeichnung Manor Respect für Fr. 29.90. Ein vergleichbares Shirt derselben Marke ohne Label kostet Fr. 22.90. Bei H&M zahlt man für T-Shirts der Linie H&M Conscious Fr. 12.90. Sie tragen das Label von Global Organic Textile Standard. Ohne Label kostet ein vergleichbares Shirt Fr. 9.90.

Immer mehr Kleiderhändler verkaufen fair gehandelte Kleider: Die Labels sollen Gewähr dafür sein, dass die Mode sozial und umweltfreundlich produziert wurde: «Das Fairtrade-Gütesiegel dient der weltweiten Kennzeichnung von Produkten, die den fest -gelegten sozialen, ökonomischen und ökologischenStandards entsprechen», schreibt zum Beispiel Schildauf seiner Website.

Fairtrade-Näherin: «Ich erhalte weniger Lohn als meine Schwester»

Solche Kleider kosten in der Regel mehr. Doch wohin fliesst das Geld? Wer glaubt, dass die Näherinnen und Näher solcher T-Shirts, Hemden oder Hosen mehr Lohn erhalten, täuscht sich. Das zeigen Recherchen des Journalisten Mohammad Mirdha. Er war für saldo in Kleiderfabriken in Dhaka, der Hauptstadt von Bangladesch. Seine Erkenntnisse: 

  • Die Näherin Shanja Begum arbeitet seit mehreren Jahren für den Kleider­hersteller Liberty Fashion Wears in Dhaka. Das Unternehmen stellt Kleider nach den Standards von Max Havelaar her. Shanja Begum hat von den Fairtrade-Standards noch nie gehört und verdient auch nicht mehr als ihre Kolleginnen. Im Gegenteil: «Ich erhalte weniger Lohn als meine Schwestern.» Diese arbeiten in anderen Fabriken, die nicht zertifiziert sind. Konkret: Shanja Begum erhält im ­Monat ­einen Lohn von 3000 Bangladesischen Taka – ­umgerechnet sind das rund 34 Franken. 
     
  • Die Kleiderfabrik Sharmin Apparels produziert Kleider für das Label Global Organic Textile Standard. Schneider Zahir Hossain arbeitet seit sieben Jahren für die Firma. Sein Lohn beträgt rund 50 Franken. Ein Einsteiger bei der Fabrik erhält ebenfalls den Mindestlohn von 34 Franken.
     
  • Dasselbe Bild auch in der Fabrik SQ Celsius. Sie produziert nach den sozialen Standards Social Accountability International und Business Social Compliance Ini­tia­tive. Die Näherinnen und Näher verdienen auch hier zwischen 30 und 60 Franken im Monat, je nach Anzahl Dienstjahren. Laut der Gewerkschaftsaktivistin Sar-kar Preetha entspricht dies dem durchschnittlichen Lohn für Arbeiter in der Textil­branche.
     
  • Ismail Hossain, Direktor von Sharmin Apparels, gibt zu, dass es keinen Lohnzuschlag für fair produzierte Kleider gibt: «Es gibt keinen Unterschied zwischen den Löhnen von Arbeitern für normale Kleider und solchen bei Fairtrade-Produkten.» Sharmin Apparels beliefert beispielsweise H&M. 
     
  • Auch Mozammael Huq, Chef von Liberty Fashion Wears, sagt: «Die Kleiderhändler bezahlen teilweise etwas mehr für bessere ­Verpackungsmaterialien der Fairtradekleider oder für teurere Verarbeitungsmaterialien – aber nicht für die Löhne.» 

Das müssen sie auch nicht. Denn nach den Richtlinien der meisten Kleiderlabels ist gerade mal der Mindestlohn garantiert. Nur: Von den 34 Franken pro Monat kann selbst in Bangladesch kaum jemand leben.

Es sei schwierig, faire Löhne zu definieren, sagt Claudia Kersten von Global Organic Textile Standard: «Der Begriff ‹fair› ist weder einheitlich noch allgemeingültig anerkannt definiert.» Deshalb würde man ihn bewusst nicht verwenden. Die Lieferanten von Kleidern müssten jedoch elf Grundsätze einhalten – darunter das Verbot von Kinderarbeit. Auch dürfe der Arbeitsplatz nicht gesundheitsgefährdend sei. Die Fairtrade-Organisationen Max Havelaar, Social Accountability International und Business Social Comp­liance Initiative verweisen ebenfalls auf diese Grundsätze. Sie würden regelmässig kontrolliert.

Nur: Das Personal reicht kaum aus, um alle Lieferanten zu kontrollieren. Häufig sind solche Kontrollen zudem angemeldet und die Zertifizierer haben wenig Interesse, sich von den Lieferanten zu trennen (saldo 17/10).

Mehr Geld gibt es nur für die Produzenten der Baumwolle: «Wir zertifizieren ausdrücklich Baumwolle und keine fairen Kleider», sagt Max-Havelaar-Sprecherin Katrin Dorfschmid. Die Baumwollproduzenten erhielten einen festgelegten Mindestpreis für die Baumwolle. Dazu käme pro Kilogramm gepflückter Baumwolle eine Fairtrade-Prämie von rund 6 Rappen. Diese müssten die Bauern für eigene Projekte einsetzen, beispielsweise den Bau eines Dorfbrunnens. Bei der Auswahl seien die Bauern frei. Auf ein Max-Havelaar-T-Shirt umgerechnet bedeutet das: Die Mehreinahmen der Baumwollpflücker für «faire» Ware beträgt in der Regel gerade mal 1,6 Rappen pro Kilogramm.

Wo die Kleider herkommen, ist oft nicht ersichtlich

Mit dem Max-Havelaar-­Label versehene Kleider aus Bangladesch verkaufen etwa Migros und Manor. H&M ­arbeitet mit dem ­Global Organic Textile ­Standard zusammen, Vögele ­verkauft Kleider nach den Standards von Social Accountability ­International und Business Social Com­pliance Initiative.

Die Detailhändler behaupten, dass nur ein Bruchteil der fair produzierten Kleider aus Bangladesch stammt: «Fair produzierte Kleider kommen haupt­sächlich aus Indien», sagt die Manor-Sprecherin Elle Steinbrecher. Gleich argumentiert Migros. Zudem würde meist Bio-Baumwolle verwendet.

Nur: Wo die Kleider herkommen, ist auf den ersten Blick kaum ersichtlich. Gerade bei Fairtrade-Produkten erfährt der Kunde dies erst, wenn er den Label-Code im Internet eingibt. Für Max Havelaar findet man die Herkunft über
www.maxhavelaar.ch, für Global Organic Textile Standard über www.respect-code.org.

Hinzu kommt: Auch die Kleider­firmen in Indien müssen ihren An­gestellten nur den Min­destlohn bezahlen – 75 Franken im Monat.

Recherche vor Ort: Mohammad Mirdha lebt in Dhaka und ist Wirtschaftsjournalist bei einer ­Tageszeitung in Bangladesch. Er führte für saldo Interviews mit Arbeiterinnen und Arbeitern sowie  Besitzern von Fairtrade-Kleiderfabriken – mit er­nüchterndem Resultat.

Mindestlohn in Bangladesch – Monatslohn reicht kaum zum Überleben

Ab 2014 sollen die Arbei­terinnen und Arbeiter in Bang­ladesch mehr verdienen. Das Parlament hat Anfang November entschieden, den Mindestlohn auf rund 67 Franken im Monat anzuheben. Dieser Lohn kommt auch für Textilarbeiter und Näherinnen zur Anwendung.

Doch selbst damit können die Arbeiter ihr Überleben kaum sichern, wie Be­rechnungen der Erklärung von Bern zeigen: Bei einem Lohn von 67 Franken müsste ein Arbeiter in ­Bangladesch rund 29 Stunden pro Tag arbeiten, um das Existenzminimum zu decken.

Der heutige Mindestlohn von 34 Franken im Monat reicht gerade mal für die Grundnahrungsmittel, also für 1 Kilogramm Reis und ein halbes Poulet pro Tag, plus etwas Gemüse. Die Kosten für Arbeitsweg, Wohnung oder Kleider und Gesundheit sind damit noch nicht gedeckt.

0

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Artikel verwalten

Dieser Artikel ist folgenden Themen zugeordnet

Weitere Artikel zum Thema

Buchtipp: Die Regeln des Konsums ändern

«Der Konsument wird getäuscht»

Lebensmittel-Labels: Heikle Selbstkontrolle