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Artikel | saldo 08/2010

Mega-Fettabsaugen: Ein Gewaltseingriff mit erheblichem Risiko

Chirurg Daniel Münch aus Wiedlisbach BE will übergewichtigen Patienten bis zu 20 Liter Fett aufs Mal absaugen. Experten warnen: Diese Operation kann lebensgefährlich sein.

Er nennt sich Steve und hat massives Übergewicht: 118 Kilo bringt der 1 Meter 76 grosse Mann auf die Waage. Das soll sich ändern, schreibt Steve auf der Internetseite des Schönheitschirurgen Daniel Münch: «Seit geraumer Zeit denke ich an eine Mega-Liposculpture.» Im Klartext: Steve will sich massiv viel Fett absaugen lassen – an «Bauch, Po, Hüfte, Brust und Oberschenkeln».

Steve ist einer von Dutzenden, die sich auf der Internetseite für die «Mega-Liposculpture» des Arztes Daniel Münch aus Wiedlisbach BE interessieren. Der Schönheitschirurg preist an, was sonst kein Arzt in der Schweiz macht: Bis zu 20 Liter Fett saugt er seinen Patienten bei einem Eingriff ab. Die Patienten bekommen eine Narkose und bleiben nach der Operation zwei bis drei Tage im Spital. Kostenpunkt: fast 13‘000 Franken.

Zum Vergleich: Beim normalen Fettabsaugen mit einer lokalen Betäubung werden maximal zwei bis vier Liter entfernt. Nach der Prozedur gehen die Patienten nach Hause. Daniel Münch bewirbt die «Mega-Liposculpture» auf seiner Internetseite ausdrücklich zum Abnehmen. Bei «therapieresistentem Übergewicht» biete er das Fettabsaugen als «therapeutische Alternative» an. Dies diene der Gesundheit. Der Eingriff senke zum Beispiel das Risiko von Diabetes und Bluthochdruck. Dadurch verlängere sich die Lebenserwartung.


«Das sind chirurgische Abenteuer, die man heute nicht mehr macht»

Fachleute sind entsetzt über das Mega-Fettabsaugen. Der Narkose-Arzt Werner Dimai von der Zürcher Klinik Pyramide am See warnt: «Diese Operation kann lebensgefährlich sein.» In Amerika seien bei der Mega-Liposculpture einige Menschen gestorben. «Das sind chirurgische Abenteuer, die man eigentlich nicht mehr macht.»

In der Regel saugen Schönheitschirurgen nur bei normalgewichtigen Personen Fett ab und nur kleine Fettpolster. Der Zolliker Chirurg Roger Gmür bestätigt: «Bis vier Liter bewegt man sich im sicheren Bereich. 20 Liter würde ich niemals aufs Mal absaugen.»

Das Problem: Beim Mega-Absaugen führt der Arzt die Saugkanüle unter einer grossen Hautfläche entlang und reisst innerlich riesige Wunden. Diese sind für den Körper schwer zu verkraften. Der Zürcher Anästhesist Werner Dimai erklärt: «Die Folgen sind ähnlich wie die bei einer grossflächigen Verbrennung.»

Komplikationen sind deshalb häufig: Während der Operation und in den ersten Tagen danach können die Wunden innerlich stark bluten, ohne dass man es sieht. «Es kommt nicht selten vor, dass der Kreislauf zusammenbricht», sagt Dimai. Dann könnte sogar das Herz stehen bleiben. Auch Blutgerinnsel entstehen viel häufiger als bei kleinen Absaugungen. Zudem können Patienten schwere Atemprobleme bekommen. Im schlimmsten Fall kann das Gehirn anschwellen, sagt Werner Dimai. «Das ist extrem gefährlich.»

Doch der Schönheitschirurg Daniel Münch erwähnt auf seiner Internetseite lediglich ein «höheres Narkoserisiko». Hingegen verspricht er den Patienten, sie würden nach dem Eingriff besser aussehen. Zum Beispiel Denise W.: Die 55-Jährige erkundigt sich auf Münchs Homepage nach einer «Mega-Lipo», weil ihr Bauch stark herabhänge. Münch rät, ihn absaugen zu lassen: «Auch bei grösseren Bäuchen ist eine Fettabsaugung machbar, die Haut bildet sich in den allermeisten Fällen recht schön zurück.»


Mega-Fettabsaugen hinterlässt Dellen und schlaffe Haut

Doch Experten bezweifeln auch das. Eva Neuenschwander ist plastische Chirurgin in Zürich. Sie kritisiert, die Resultate des Mega-Absaugens seien «ästhetisch sehr unbefriedigend». Stephan Hägeli ist Geschäftsführer des Beratungszentrums für Ästhetische Chirurgie Acredis. Er sagt: «Wenn man viel Fett absaugt, sieht das danach selten gut aus.»

Denn schon ab Mitte 20 ist die Haut nicht mehr so elastisch. Die Folge: Die Haut zieht sich nach dem Mega-Absaugen nicht genug zusammen – und hängt schlaff am Körper. Chirurg Roger Gmür: «Das ist ein grosses Problem. Um die Haut zu straffen, hilft dann nur eine weitere grosse Operation.»

Oft ist der Körper nach dem grossen Fettabsaugen auch voller Dellen, berichten die Experten. Werner Dimai spricht von «katastrophalen Unebenheiten». Er sagt: «Will man die ausgleichen, muss man noch einmal absaugen.»

Schönheitschirurg Daniel Münch räumt ein, das Herz-Kreislauf-System könne beim Mega-Fettabsaugen «vermehrt belastet werden». Münch: «Auch eine leichte Hirnschwellung kann nicht ganz ausgeschlossen werden.»

Trotzdem sagt er gegenüber saldo, die Operation sei «keineswegs risikoreich». Denn die Komplikationen seien mit einem erfahrenen Narkose-Arzt «sehr gut im Griff zu behalten». Wenn ein Chirurg die Operation korrekt durchführe, sei auch das Risiko von Blutungen «sehr klein» und das Auftreten von Blutgerinnseln «praktisch unmöglich».


Trotz Fettabsaugen: «Die perfekte Figur ist nicht zu erwarten»

Münch hält auch am guten kosmetischen Ergebnis der Operation fest. Überschüssige Haut straffe sich im Laufe der Monate sogar bei älteren, übergewichtigen Menschen «erstaunlich gut». Dellen und Unebenheiten entstünden bei ihm nicht, denn er sauge das Fett mit besonders feinen Kanülen ab. Trotzdem könne es vor-kommen, dass man später noch einmal absaugen müsse. Auch sei «nicht die perfekte Figur» zu erwarten.

Der Chirurg gibt zwar zu, dass auch die Mega-Liposculpture «keine Garantie zum Abnehmen» sei. Dazu seien ein Bewegungsprogramm und eine Ernährungsumstellung nötig. Münch sagt jedoch, das Absaugen habe meistens einen «Motivationseffekt».


Fettabsaugen: Nur bei kleinen Pölsterchen

  • Fettabsaugen eignet sich nicht zum Abnehmen. Dauerhaft nehmen Sie nur ab, wenn Sie langfristig Ihre Ernährungs- und Bewegungsgewohnheiten ändern.
  • Wenn Sie mit Ihrer Figur unzufrieden sind, sollten Sie zuerst abnehmen, bevor Sie Fett absaugen lassen. Lassen Sie sich nur kleine Pölsterchen absaugen, mehr als vier Liter Fett pro Eingriff sollten es nicht sein.
  • Informationen und Adressen von spezialisierten Ärzten erhalten Sie beim Beratungszentrum für Ästhetische Chirurgie Acredis, Tel. 044 283 20 40.


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25. April 2010 | Ines Vogel, Redaktion Gesundheitstipp


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