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Artikel | saldo 07/2010

Wirtschaftsjournalisten: PR-Gehilfen für die Banken

Die Schweizer Banken stehen seit Monaten massiv in der Kritik. Zum Glück haben sie die Wirtschaftsjournalisten auf ihrer Seite. Sie machen für die Banken den besten PR-Job.

Medienexperte Matthias Ackeret stellte in seiner Kolumne in der Zeitung «Sonntag» fest, dass im Gegensatz zum Zürcher Partylöwen Carl Hirschmann die Banken erst gar nicht mehr versuchen, mit PR-Beratern ihr Image zu korrigieren: «Diese buhlen längst nicht mehr um Öffentlichkeit, sondern setzen ganz dreist auf das ‹Scheissegal-Prinzip›. So wurde bei den jüngsten Abzockergehältern nicht einmal mehr der Versuch einer Rechtfertigung unternommen.»

Recht hat Ackeret. Aber was er nicht geschrieben hat: Die Banken brauchen gar keine teuren Öffentlichkeitsarbeiter, die Wirtschaftsjournalisten machen für sie den besten PR-Job. Drei Beispiele: Beispiel 1: Gigantische 6,9 Milliarden Franken an Boni schüttet die Credit Suisse dieses Jahr ihren Bankern aus (siehe «So wurden die CS-Kunden reingelegt»). Doch wer Zweifel an der Richtigkeit dieses gigantischen Lohnes samt Boni hegt, wird von einem Kommentar von Walter Niederberger im «Tages-Anzeiger» eines Besseren belehrt.

Er stellt Dougan einen bemerkenswerten Persilschein aus: «Das Verrückte allein ist, dass in der Bankenwelt von heute nicht der kreative, unkonventionelle und risikofreudige Unternehmer belohnt wird, sondern der vorsichtige, unsichtbare Manager. Und dass ein Brady Dougan, der seine ganze Karriere in der Finanzindustrie absolviert und schon 20 Jahre für die CS tätig ist, allein schon deshalb fürstlich entlöhnt wird, weil er gesunden Menschenverstand bewies. Denn letztlich sind ein Salär von 17,9 Millionen Franken und ein Sonderbonus von 71 Millionen Franken genau das: die Entschädigung für einen Manager, der die Exzes-se an Wallstreet nicht mitgemacht hat.»


Grosses Lob allein schon für nicht gemachte Fehler

Eine solch exorbitant hohe Vergütung mit der Tatsache zu begründen, dass Dougan nicht die gleichen Fehler wie andere Chefbanker gemacht habe, könnte aus der Feder eines PR-Schreibers stammen – der Leser würde keinen Unterschied spüren. Beispiel 2: Vom hohen Ross herunter betrachtet auch die NZZ die Zusammenhänge zwischen exorbitanten Boni, Super-Löhnen, der anstehenden Aktienrechtsreform und der Minder-Initiative.

Sie schreibt unter dem Titel «Luftholen in der Abzocker-Debatte» süffisant: «Was in normalen Zeiten vor allem Juristen zu interessieren vermag, bietet derzeit viel Stoff für emotionale politische Debatten und die Frontseiten der Populärpresse.» Noch immer kann die NZZ nicht nachvollziehen, dass der Durchschnitt in diesem Land zwischen 4500 und 6000 Franken monatlich nach Hause trägt.

Anders ist nicht zu erklären, dass die Blattmacher von der Falkenstrasse gleich unter dem zitierten Artikel folgende Meldung platzieren: «Hedge-Funds-Manager haben im vergangenen Jahr trotz Finanzkrise weltweit Rekordgehälter abkassiert. Die 25 Top-Verdiener der Branche erhielten insgesamt 25,33 Milliarden Dollar – so viel wie nie zuvor. Mit diesen Gehältern übertrafen sie den bisherigen Rekord aus dem Jahr 2007. Damals – vor Beginn der Finanzkrise – beliefen sich die Einkommen der bestbezahlten 25 Manager auf insgesamt 22,3 Milliarden Dollar.»


Die Frage nach den Verlierern wird nicht gestellt

Bei jedem Redaktor, der seinen Job ernst nimmt und ihn auch gern macht, müssten beim Redigieren dieser Zeilen die Alarmglocken läuten. Wo es Gewinner gibt, gibt es auch Verlierer. Da drängen sich doch Fragen auf: Wer hat das Nachsehen? Was passiert, wenn die Chefetagen im Finanzbereich weiter absahnen und gleichzeitig die Schulden der öffentlichen Hand immer grösser werden? Wie ist es möglich, dass einzelne Finanzmanager Milliarden kassieren und Länder wie Island, Griechenland und bald auch England bankrott sind? Doch solche Zusammenhänge werden in der NZZ nicht erklärt.

Obwohl die Zeitung selbstbewusst mit dem Spruch wirbt: «Bei NZZ denkt man an die Tiefe.» Beispiel 3: Der «Sonntag» schreibt: «Die Weltpresse verkündet seit Monaten genüsslich das Ende des Schweizer Bankgeheimnisses. Doch es gibt nicht nur die Bürger, die sich deswegen mit weichen Knien selbst anzeigen. Es gibt auch die, die sich jetzt sagen: Dann folgen wir halt unserem Geld und ziehen in die Schweiz!» Das nüchterne Fazit des «Sonntag»: «Attacken auf das Bankgeheimnis als Werbung für den Wohnort Schweiz.»

Mit keinem Wort wird erwähnt, welche Rolle die Banken in diesem Spiel spielen. Dabei erfährt man ohne grossen Recherche-Aufwand aus dem Umfeld der Finanzinstitute, dass die Banker zurzeit auf Teufel komm raus versuchen, vermögenden Kunden die Schweiz als Wohnort schmackhaft zu machen. Der Hintergrund: Superreiche Ausländer profitieren in vielen Kantonen von extrem vorteilhaften Steuerabkommen.


Plattform für PR-Aussagen statt Zusatzrecherchen

Von einer grossen Sonntags-zeitung mit Zeit und Platz für Recherchen erwartet der Leser, dass sie diesen Trick hinterfragt, Meinungen einholt und wertet. Aber was macht der «Sonntag»? Der Walliser Volkswirtschaftsdirektor Jean-Michel Cina darf sich rechtfertigen: «Obwohl diese Leute weniger Steuern zahlen, lohnen sich diese Abkommen für unseren Kanton.» Eine solche Aussage ist eine Ohrfeige für jeden Bürger, der dieser Tage seine Steuererklärung abgegeben hat und der jeden Franken seines sauer verdienten Einkommens versteuern muss.

11. April 2010 | Werner Fischer


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