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Artikel | saldo 05/2010

CD- / DVD-Tipps

Die Dokumentation «Glück im Vergessen?» zeigt, dass auch Demenzkranke und ihre Betreuer nicht auf Lebensqualität verzichten müssen.


Wenn der Geist schwindet

Demenz macht Angst. Dennoch sind auch bei Betroffenen noch viele Momente des Glücks möglich, wie die Dokumentation des Schweizer Fernsehens zeigt. Der Film von Marianne Pletscher folgt in verschiedenen Erzählsträngen den Schicksalen einiger Patienten, die allesamt unterschiedliche Ausprägungen der Krankheit aufweisen.

Bei manchen Betroffenen deutet auf den ersten Blick nichts darauf hin, dass sie an einer frühen Phase von Demenz leiden. So kann eine Frau noch selbständig Auto fahren, doch daheim bei der Waschmaschine steht sie ratlos vor den Knöpfen und Schaltern. Oder da ist der ehemalige Theologieprofessor, der vor seiner imposanten Bücherwand steht. Längst sind ihm die Wörter entglitten, mit denen er beschreiben könnte, um was es in seinen Büchern geht.

Manchmal, in einem späteren Stadium, kommen die Betroffenen nicht mehr um ein Heim herum. Der Film zeigt, wie auch in einer Tages-und-Nacht-Klinik die Patienten viele glückliche Momente erleben können. In der Behandlung stossen Ärzte bei Demenz an ihre Grenzen. Meist kann man nicht mehr tun, als diejenigen geistigen Leistungen zu fördern, die noch da sind.

So hat ein sechzigjähriger Mann zwar regelmässig Aussetzer und erlebte in den vergangenen Jahren eine deutliche Wesensveränderung. Doch ist er gleichzeitig stolz, dass er gelernt hat, in seinem Alter einen Computer und das Internet zu bedienen. Die Dokumentation ist nur zum Teil ein Film über Demenzkranke. Ebenso im Zentrum stehen deren Betreuer, Freunde und die Familie, die sich für die Kranken aufopfern. Es ist ein Film über Paare, die zusammenhalten und trotz – oder wegen – der Krankheit intensive, ebenso glückliche wie anstrengende Zeiten miteinander erleben. So gelingt es  Marianne Pletscher in ihrem Film trotz der Schwere des Themas, auch einige sehr berührende Momente zu schaffen.

«Glück im Vergessen?» Ein Film von Marianne Pletscher. Schweiz 2009. 50 min. Anbieter: Schweizer Fernsehen SF, 2010.


CD-Tipps


Pop/Rock: Hintergründige Texte

Oft werden alternde Musiker mit einem guten Wein verglichen: je länger gereift, desto besser. Bei den Aeronauten aus Schaffhausen stimmt diese Annahme. Vor 18 Jahren startete die Band mit Punkmusik, auf dem neuen, mitterweile siebten Album «Hallo Leidenschaft» hat sie sich völlig befreit von engen Stilvorgaben. Wir hören hüpfenden Schrammel-Pop, Indierock, Country, Soul, Latin und sogar eine dadaistische Jazz-Nummer. Obwohl das bläsergestützte Sextett in die Jahre gekommen ist, hat es seine Direktheit und den Schalk bewahren können. Abgeklärt und hintergründig zeigt sich die Band in den hochdeutschen Texten über Grossstadtleben, Beziehungsprobleme und Turbokapitalismus. Das Fazit: ehrlich, zeitlos, gut.    

Die Aeronauten, «Hallo Leidenschaft», Phonag


Klassik: Opernhafter Barock

Opernhaft im besten Sinn vertieft sich Anne Sofie von Otter in französische Barockarien von Charpentier, Lambert und Rameau. Dabei erweitert die schwedische Mezzosopranistin ihren Gesang durch Hauchen, Keuchen und Schnaufen nach allen Regeln der Kunst – so intim hat man Barockmusik lange nicht gehört. Was aber nicht verwundert, da Otter eine Ikone der historischen Aufführungspraxis zur Seite steht: William Christie mit seinem Ensemble Les Arts Florissants. Christies Vorliebe für einen üppigen Orchesterklang scheint bei Otter auf offene Ohren zu stossen: Das tiefe Timbre ihrer Stimme und die dunkle Färbung der Klänge könnten nicht besser zusammenpassen.  

Anne Sofie von Otter, William Christie/Les Arts Florissants, «Ombre de mon amant», French baroque arias, Deutsche Grammophon 2010


Jazz: In die Tiefe

Der 1931 geborene Schlagzeuger Paul Motian ist ein Garant für ungewöhnliche Musik, die in die Tiefe lotet. Seit seinem Entschluss, nicht mehr auf Tournee zu gehen, ist der New Yorker Jazzclub Village Vanguard sozusagen zu seinem zweiten Wohnzimmer geworden. Ebendort präsentierte Motian im Februar 2009 ein neues Trio mit Chris Potter (Tenorsax) und Jason Moran (Piano). Neun der zehn Stücke auf dem nun vorliegenden Mitschnitt stammen aus Motians Feder: eigenwillige Miniaturen mit mysteriösen Melodien. Die balladesk-nachdenkliche Stimmung wird gegen Schluss durch ein paar widerborstige Nummern aufgebrochen. Potter setzt seine Virtuosität klug dosiert ein; Moran spielt äusserst hellhörig auf der Klangfarben-Klaviatur.    

Paul Motian Trio, «Lost In A Dream», ECM

13. März 2010 | Marc Mair-Noack, thl, trü, tom


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