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Ein Chef kämpft ums Überleben seiner kleinen Firma. Trotz seines menschlichen Führungsstils fordert dies Opfer.
Verlustreiche Krisenzeit
Die Schweizer Dokumentarfilmerin Karin Bauer begleitete im Jahr 2008 die Arbeiter und den Chef einer Webereifabrik im Zürcher Oberland durch die schlimmsten Tage der Finanzkrise. Entstanden ist ein Film, der eindrücklich zeigt, wie sich ein Kleinunternehmen gegen die neuen Umstände auflehnt.
Die Aufträge bleiben aus, der Umsatz halbiert sich, die Weberei ist existenziell bedroht. Ihr Chef ist Albert Gunkel, ein Patron alter Schule, der die Firma väterlich führt und um das Wohl seiner Angestellten aufrichtig besorgt ist. Er versucht, die Arbeitsplätze mit Kurzarbeit zu retten – vergeblich.
So trifft es die alleinerziehende Mutter, die vor die Tür gesetzt wird. Oder das portugiesische Ehepaar, das kein Deutsch spricht und kaum Chancen hat, in der Schweiz wieder Arbeit zu finden. Oder den jugendlichen Arbeiter, der gerade erst seine Lehre in der Firma hinter sich hat und bereits wieder aus dem Berufsleben ausscheidet.
Die Dokumentation erzählt die Geschichte von loyalen Arbeitern und von einem gewissenhaften Chef. Sie zeigt aber auch, dass es nicht alle gleichermassen hart trifft: Wenn die Weberei eingehen würde, könnte Gunkel mit seiner Familie weiterhin in seinem geräumigen Haus wohnen. Nur mit den «spontanen Flügen nach New York» wäre es dann vorbei. Er setzt sich tatkräftig für das Überleben seines Betriebes ein, sucht neue Auftraggeber, bittet die Bank um einen Überbrückungskredit oder will mit anderen Webereien zusammenarbeiten. Doch keiner dieser Versuche gelingt.
Immerhin endet der Film mit einem Hoffnungsschimmer. Das Tal der Krise scheint durchschritten. Die ersten Aufträge kommen wieder, das nächste halbe Jahr scheint gesichert. Für die geschrumpfte Belegschaft bedeutet dies deutlich mehr Arbeitsstress als zuvor. Aber wer will sich schon beklagen, wenn er die Krise ohne Jobverlust überstanden hat.
Den Film kann man als DVD kaufen oder gratis im Internet ansehen.
«Der Patron, die Arbeiter und die Krise.» Von Karin Bauer. Schweiz 2009. 50 min. Anbieter: Schweizer Fernsehen SF.
CD-Tipps
Pop/Rock: Wilde Tanzparty
Ist das der Soundtrack zur diesjährigen Fussball-Weltmeisterschaft in Südafrika? Denn wie eine frische Brise vom Kap der Guten Hoffnung kommt das zweite Album von Vampire Weekend hereingeweht. Das New Yorker Quartett vermengt Indie-Pop, Afrobeat und Elektrosounds zu einem eigenwilligen Stil. Dieser erinnert an Paul Simons Meisterwerk «Graceland», allerdings mit einer gehörigen Portion Punk-Energie. Kein Song auf «Contra» gleicht dem anderen. Dafür sorgen eine Vielzahl an Musikinstrumenten, komplexe Strukturen in den Kompositionen, überraschende Klangexperimente und afrikanische Polyrhythmen. Einziger Wermutstropfen: Bereits nach 37 Minuten ist die wilde Tanzparty zu Ende.
Vampire Weekend, «Contra», MV
Klassik: Phantastischer Barock
Musik im Zeichen des Stylus phantasticus – das Ensemble Bell’Arte Salzburg präsentiert auf seiner neuen CD Werke von zehn norddeutschen Komponisten aus dem 17. Jahrhundert, die sich dieser Kompositionsweise verschrieben haben. Doch sind sie, Dietrich Buxtehude ausgenommen, seither in Vergessenheit geraten. Höchste Zeit also, ihre Musik neu zu entdecken – und mit ihr den «phantastischen Stil», der sich durch eine Mixtur von freien und formgebundenen Elementen auszeichnet. In der Interpretation gelangt der spannungsvolle Charakter der Werke bestens zur Entfaltung: Die fünf Musiker spielen auf höchstem Niveau und mit erfrischender Lebendigkeit.
Stylus phantasticus. Bell’Arte Salzburg; Annegret Siedel. Berlin Classics
Jazz: Der Chopin des Jazz
Stellen Sie sich vor, Schubert und Chopin würden heute leben und sich als Jazzpianisten betätigen. Wäre das nicht wunderbar? Doch wozu das Reich der Phantasie bemühen, wenn es in der Realität einen derart sublimen Pianoforte-Maestro wie Enrico Pieranunzi gibt! Tagsüber unterrichtet der Römer am Konservatorium, nach Einbruch der Dunkelheit steigt er in die Katakomben der Jazzkeller hinab. Auf seiner neuen Solo-CD verbindet Pieranunzi in vierzehn mehrheitlich kurzen Stücken die Kunst des spontanen Assoziierens mit formaler Raffinesse. Wer Keith Jarrett für den grössten Solo-Improvisator hält, kennt Pieranunzi nicht, der konziser und weniger selbstverliebt ans Werk geht.
Enrico Pieranunzi, Wandering, Cam Jazz
31. Januar 2010 | Marc Mair-Noack, thl, trü, tom
