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Artikel | saldo 20/2009

Rating-Agenturen: Gute Noten für fragwürdige Wertpapiere

Wer Geld anlegt, ist auf seriöse Informationen über die Zahlungsfähigkeit von Unternehmen und Staaten angewiesen. Rating-Agenturen liefern solche Bewertungen. Wer darauf blind vertraut, kann böse Überraschungen erleben.

Wer eine Obligation oder ein anderes Wertpapier kauft, setzt auf die Zahlungsfähigkeit des Unternehmens und der verantwortlichen Bank, auf die Bonität. Seit 100 Jahren übernehmen Rating-Agenturen die Prüfung der Bonität. Drei solche Agenturen dominieren den Weltmarkt: Moody’s, Standard & Poor’s (S&P) und Fitch erreichen einen Marktanteil von über 90 Prozent. An ihnen kommt in der Finanzwelt niemand vorbei. Die US-Börsenaufsicht hat diese US-Agenturen 1975 zu «national anerkannten statistischen Rating-Organisationen» erklärt.

Rating-Agenturen beurteilen die Kreditwürdigkeit von Unternehmen anhand der Bilanzen, Geschäftsberichte sowie Interviews mit Managern der Firma. Weiter bewerten sie die Zahlungsfähigkeit von Staaten (Staatsanleihen) und Gemeinden. Das Resultat ist eine Note, ein Rating: Es zeigt, wie pünktlich und vollständig ein Schuldner seiner Kreditverpflichtung nachkommt. Moody’s, S&P und Fitch verpacken ihre Noten in leicht voneinander abweichenden Buchstabencodes.

S&P und Fitch haben denselben Code: AAA (Triple-A) steht für höchste Bonität, AA und A für eine hohe Bonität mit wenig respektive etwas höherem Risiko. Nur für spekulative Anleger interessant sind Schuldner, welche B- und C-Noten erhalten. Finger weg heisst es bei D: Dieser Schuldner ist bankrott. Moody’s benotet von A bis C mit Zahlenabstufungen – beispielsweise Aa2 oder Baa3.


Swissair: Bis kurz vor dem Grounding noch als A3 eingestuft

Beispiel: Der Schweiz als Staat bescheinigen die Rating-Agenturen höchste Zahlungsfähigkeit. Der Kauf einer Bundesobligation gilt also in ihren Augen als bedenkenlos. Auch die Zürcher Kantonalbank brüstet sich damit, bei den drei Rating-Agenturen mit einem Triple-A eingestuft zu sein. Das Rating für Nestlé hat Moody’s kürzlich mit Aa1 bestätigt, die UBS hingegen von Aa2 auf Aa3 zurückgestuft.

Bis zur Finanzkrise nutzten viele Anleger die Ratings, um sich über die Risiken eines Papiers ein Bild zu machen. Dies, obwohl die Agenturen in der Vergangenheit mit ihren Noten regelmässig massiv daneben lagen. Als Asien 1997 in die Krise stürzte, verfügte etwa Südkorea trotz Staatspleite noch über ein Triple-A. Oder wenige Tage vor der Insolvenz von Enron bewerteten Moody’s und S&P den US-Energiemulti als solide.

Auch bei der Swissair vergriff sich Moody’s lange: Im Herbst 2000 lag ihr Rating bei A3, obwohl Analysten vor dem bescheidenen Eigenkapital des Prestige-Unternehmens warnten. Erst am Tag des Groundings, am 2. Oktober 2001, stufte die Agentur die Airline auf ein Ca (höchstes Ausfallrisiko) zurück. Jüngster Flop ist die US-Bank Lehman Brothers: Die Rating-Agenturen schätzten deren Schulden noch am 12. September 2008 als sicher ein – drei Tage später war die Bank pleite.

Kein Wunder, steigt die Kritik an den Rating-Agenturen. Im Fokus stehen die vielen guten Noten für strukturierte Produkte, die sich im Nachhinein als Flops herausgestellt haben. Moody’s und Co. wehren sich gegen die Kritik: Ihre Benotungen seien keine Anlageempfehlungen, sondern würden sich einzig auf die Zahlungsfähigkeit eines Schuldners beziehen. Nur: Genau diese mangelnde Zahlungsfähigkeit war das Problem, das die Weltwirtschaft fast zum Absturz brachte.


Unverkäufliche Produkte mit guten Ratings aufgepeppt

Die guten Noten für die fragwürdigen Wertpapiere waren ein gutes Geschäft für die Agenturen. Ohne die Hilfe von Moody’s und Co. hätten die Banken die strukturierten Produkte gar nicht an den Anleger bringen können. Liess sich ein Produkt nicht verkaufen, wurde es laut Insidern mit Titeln besserer Bonität aufgewertet, erhielt ein neues Rating und ging wieder auf den Markt.Gemäss Ex-Mitarbeitern von Rating-Agenturen haben die Agenturen den Banken vor einer Herausgabe von neuen Papieren zu guten Noten verholfen.

Für den pensionierten Wirtschaftsprofessor Walter Wittmann ist klar: «Gerade bei den strukturierten Papieren arbeiteten Banken und Agenturen zusammen.» Anders ginge es gar nicht, bei dem Tempo, mit dem die Papiere auf den Markt kamen. Die Vermischung von Beratung im Vorfeld und nachträglicher Bewertung ist einer der grössten Intessenskonflikte der Rating-Agenturen. Kritiker Wittmann spricht von «käuflichen» Ratings: «Je mehr eine Bank bezahlte, umso besser war die Note.»

Die Ratings basieren auf Angaben, die von den bewerteten Firmen stammen. Wittmann: «Die Rating-Agenturen machen es sich tatsächlich so einfach.» Ihnen fehlt der Anreiz, kritischere Noten zu vergeben. Wittmann: «Rating-Agenturen sind private Firmen. Wenn sie schlechte Ratings verteilen, fürchten sie, ihre Kunden an die Konkurrenz zu verlieren.»


Es fehlt eine starke europäische Rating-Agentur

Jüngstes Beispiel: Vergangene Woche veröffentlichte S&P einen Vergleich der Solidität von 45 Grossbanken, laut dem die UBS «dramatisch unterkapitalisiert» ist. Die UBS und weitere Geldinstitute reagierten aufgebracht. Mit Erfolg: Nur zwei Tage später krebste die Rating-Agentur zurück und erklärte, dass ihr Vergleich «irreführend» gewesen sein könnte. Wittmann fordert mehr Konkurrenz unter den Rating-Agenturen – vor allem brauche es dringend eine starke europäische Agentur, die in der Finanzwelt akzeptiert ist. Immerhin haben die US-Börsenaufsicht und die EU den Rating-Agenturen engere Fesseln angelegt: Sie müssen künftig die Erhebungsmethoden der Daten und die Berechnungsmodelle der Ratings veröffentlichen.

Gemäss neuem EU-Gesetz überwacht die EU-Wertpapieraufsicht die Agenturen künftig. Hinzu kommt: Rating-Agenturen dürfen keine Beratungen mehr für jene Unternehmen erbringen, die sie bewerten, um die Interessenkonflikte zu reduzieren. Wittmann: «Damit gibt es ein Minimum an Regulierung.» Er fordert die Schweizer Finanzmarktaufsicht Finma auf, die Bewertungspraxis der Rating-Agenturen selber unter die Lupe zu nehmen oder die EU-Regelung zu übernehmen. Gemäss Finma-Sprecher Tobias Lux ist die Übernahme der EU-Regelung allerdings nicht geplant.   


Unabhängige Information: Das sollten Sie beim Kauf von Wertpapieren beachten

Anleger sollten den Noten von Moody’s, S&P oder Fitch nicht blind vertrauen. Ratings geben nur einen Hinweis darauf, wie es um eine Firma steht. Eine eigene Recherche sollte folgende Fragen beantworten:

  • Gab es in den vergangenen Wochen und Monaten schlechte Nachrichten über den Herausgeber des Papiers?
  • Traten schon Zahlungsausfälle auf?
  • Wie regelmässig sind die Einkünfte des Unternehmens?
  • Wie stehen die Wachstumschancen und Zukunftsaussichten des Unternehmens?
  • Ist das Land, in welchem das Unternehmen tätig ist, politisch und wirtschaftlich solide?


Informationsquellen: Wirtschaftsfachzeitungen

  • Unabhängige Institutionen wie die deutsche «Aktien-Analyse». Auf www.aktien-analyse.de werden 500 internationale Aktien analysiert.
  • «The Bank Credit Analyst» ist ein unabhängiger Investmentdienst aus den USA. Analysiert werden auf www.bcaresearch.com die weltweiten Aktienmärkte. Auf der ebenfalls englischsprachigen Seite www.valueline.com werden 1700 Aktien von unabhängigen Analysten bewertet.
  • Börsenbriefe: Hans A. Bernecker gibt seit über 40 Jahren unabhängige Börsenbriefe heraus. Die achtseitigen «Actien-Börse» und «Aktionärsbrief» befassen sich wöchentlich mit den weltweiten Märkten (Abonnieren auf www.bernecker.info). Der vierseitige Schweizer «Börsenkurier» analysiert die Schweizer, europäischen und New Yorker Börsen (zu bestellen über Tel. 0900 575 283, Informationen auf www.boersenkurier.ch). Der 24-seitige wöchentliche Schweizer Börsenbrief «The Investor» richtet sich an private und institutionelle Anleger (Informationen auf www.theinvestor.ch oder über Tel. 071 353 35 65).

29. November 2009 | Petra Stöhr, Redaktion saldo


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