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Artikel | saldo 19/2009

Die Schweinegrippe wird durchs Dorf gejagt

Die saisonale Grippe fordert jedes Jahr Todesopfer. Doch für Schlagzeilen sorgt allein die Schweinegrippe. Die Medien beten das Credo des Bundesamtes für Gesundheit nach.

Es werde zu einem Run auf die Grippeimpfung kommen, prophezeite die «Mittelland-Zeitung» vor kurzem. Und sie folgert daraus: «Genau deshalb wäre es sinnvoll, sich jetzt präventiv impfen zu lassen, statt in zwei, drei Monaten in Panik auszubrechen.» Die «Mittelland-Zeitung» tut das, was die überwältigende Mehrheit der Schweizer Zeitungen in den letzten Oktobertagen getan hat: Sie betet die Empfehlung des Bundesamtes für Gesundheit (BAG) nach, sich gegen die Schweinegrippe impfen zu lassen. Selbst dann, wenn man zu keiner Risikogruppe gehört.


«Wenn ein Gut knapp ist, kann es sein, dass es plötzlich alle wollen»

Entsprechend kritisieren die Blätter nicht etwa die behördliche Impfaktion an sich, sondern einzig, dass der Impfstoff nicht früh genug da ist, wie zum Beispiel die «NZZ am Sonntag»: «Die Schweiz beginnt mit Impfungen. Keinen Tag zu früh, das Virus greift schnell um sich.» Ohne grossen Schaden anzurichten, wäre beizufügen. Dennoch wetteiferten die Blätter in den folgenden Tagen um die Prognosen, welche Kantone nun zuerst über den Impfstoff verfügten – als ob eine möglichst schnelle Impfung vor schwerwiegender Krankheit schützte.

Dem BAG scheint die Verzögerung beim Ausliefern des Impfstoffs vergangene Woche geradezu gelegen zu kommen, wie Thomas Zeltner dem «Tages-Anzeiger» versicherte: «Wenn ein Gut knapp ist, kann es sein, dass es plötzlich alle wollen.» Und Zeltner war letzte Woche erstaunt, «dass es in der Schweiz noch zu keinen tödlichen Verläufen gekommen ist». Im Gegensatz zur üblichen saisonalen Grippe, die jedes Jahr Todesopfer fordert – aber davon sprach Zeltner nicht.


Keine Fragen zum Impfstoff, keine Fragen zu den Nebenwirkungen

Trotz des Schreckensszenariums durch das BAG bleibt die Bevölkerung gegenüber der Impfung skeptisch: Der «Sonntagsblick» erkundigte sich, ob die Leser wirklich eine Impfung wollen. Mehr als 85 Prozent der Abstimmenden antworteten mit einem Nein. Doch wen kümmerts? Die Zeitungen rufen unbeirrt zu einer diffusen Solidarität auf: Jeder und jede soll sich impfen lassen, wie der «Tages-Anzeiger» fordert: «Vorsorge ist besser als Nachsorge, wenn sich ein Land das leisten kann.» Gemäss dem Titel «Ein Akt der Solidarität» sollen alle «Tagi»-Leser unter einem schlechten Gewissen leiden, wenn sie sich nicht vorsorglich stechen lassen.

Da erstaunt es nicht, dass auch die pharmanahe «Basler Zeitung» auf der gleichen Schiene fährt, und zwar mit einer geradezu paradoxen Argumentation: «Auch wenn die Schweinegrippe bei den meisten Menschen harmlos verläuft, ist eine Impfung über die Risikogruppen hinaus anzuraten.» Mit anderen Worten: Geschätzte Leserschaft, lasst euch impfen um des Impfens Willen.


Am meisten erstaunt der Gehorsam der Journalisten

gegenüber den Behörden in dieser Sache: Thomas Zeltner, Chef des BAG, empfahl am Freitag, 30. Oktober, sich impfen zu lassen. Dies, nachdem der Bund 13 Millionen Dosen Impfstoff für 7,5 Millionen Einwohner gekauft hatte. Am Tag darauf betete die Presse das BAG-Credo unbesehen nach, ohne einen Gedanken an ihre Leserschaft zu verlieren. Keine Fragen über Sinn oder Unsinn der Impfungen, keine Fragen über das ungewöhnlich schnelle Zulassungsverfahren des Impfstoffs in der Schweiz, kaum Fragen über allfällige Nebenwirkungen bei den Impfungen.


Was das Bundesamt verlauten lässt, wird eins zu eins übernommen

Höchstens rhetorisch gestellte Fragen tauchen auf, etwa im «St.Galler Tagblatt»: «Soll ich mich impfen lassen?» Die Antwort der Redaktion ist so Bundesamt-konform wie bei allen anderen. Neben den Risikogruppen sollten sich «alle Personen impfen lassen, um sich selbst zu schützen und eine Übertragung zu verhindern». Und wiederum wird an das schlechte Gewissen der Leser appelliert, ja niemanden zu gefährden – ganz nach Vorgabe des BAG.

Den Vogel schiesst der Immunologe Beda M. Stadler in einem Interview mit dem «Blick am Abend» ab. Er rät ebenfalls zur Impfung, räumt aber gleichzeitig ein, dass er sich selbst nicht impfen lasse und die Schweinegrippe «wahrscheinlich» schon gehabt hätte. So genau habe er es jedoch nicht wissen wollen, weil er sonst «in die Mühlen der Behörden gelangt» wäre. Und was tat der Experte? Das einzig Richtige: «Ich habe die Grippe ausgeschwitzt.» Zusammengefasst: Ein führender Schweizer Immunologe empfiehlt den Lesern eine Impfung, die er selbst nicht machen liess, ohne dass er deshalb an den Folgen gross hätte leiden müssen – ein Vorbild wider Willen.


Das Boulevardblatt «Bild» als Experte und Kronzeuge

Zeitungen berufen sich gerne auf andere Zeitungen, um ihre Meinung gegenüber der Leserschaft zu begründen. Ein typisches Beispiel für diese Form des Heulens mit den Wölfen liefert das «St.Galler Tagblatt», das neben anderen die deutsche Boulevardzeitung «Bild» zitiert: «Nebenwirkungen? Darüber gerät aus dem Blick, worum es wirklich geht: eine Virus-Grippe, aus der ein Flächenbrand werden kann.» Der Flächenbrand hält sich bisher in Grenzen. Und für die wenigen Betroffenen sind die Folgen höchstens lauwarm. Die Schweinegrippe hat sich im Vergleich zu saisonalen Grippeepidemien als deutlich harmloser erwiesen.

Im fast einstimmigen Medienchor sind nur wenige eigenständige Töne zu hören. Zum Beispiel von der «Basellandschaftlichen Zeitung»: «Wer keiner Risikogruppe angehört, braucht kein schlechtes Gewissen zu haben, wenn er sich nicht bei der ersten Gelegenheit impfen lässt.» So einfach wäre ein guter Tipp an die Leserinnen und Leser.

15. November 2009 | Rolf Hürzeler, Redaktionsleiter saldo


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