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Erika Wegmann, 67, hat chronisch entzündete Muskeln
Der Schmerz ist tief in mir drin. Plötzlich durchfährt er meinen ganzen Körper: Ich könnte schreien – es fühlt sich an, als würde alles in mir brennen. So zeigt sich jeweils ein Entzündungsschub in meinen Muskeln. Ich möchte dann nur noch schlafen, um dem Schmerz zu entkommen. Doch ich muss mich überwinden, mich zu bewegen: Ich fahre ein wenig Velo oder schwimme. Das lindert die Schmerzen.
Ich habe Polymyalgie, eine rheumatische Krankheit. Seit zwölf Jahren schlucke ich täglich Kortison-Tabletten. Bei heftigen Schüben spritzt mir der Arzt hohe Dosen des Medikaments. Bei mir entzündet sich auch eine Ader an der Schläfe. Darum könnte ich ohne Kortison erblinden. Ich verabscheue das Mittel. Es bläht mich auf, und ich bekomme überall blaue Flecken. Von den Spritzen nehme ich zu, einmal waren es 10 Kilo. Und mein Gesicht wird ganz aufgedunsen. Ich mag dann gar nicht in den Spiegel schauen. Zum Glück nehme ich von selbst wieder ab, wenn ich das Kortison wieder reduzieren kann.
Bis vor drei Jahren arbeitete ich in einer Kunstgalerie. Es war mir immer wichtig, attraktiv auszusehen. Umso mehr schmerzt mich, wie anders ich jetzt bin. Einmal betrat eine treue Kundin die Galerie und fragte mich, wo Frau Wegmann sei – das bin ich selbst. Sie hatte mich nicht erkannt. Das war ihr peinlich. Sie spürte auch, wie weh mir meine Veränderung tut. Sie brachte mir als Trost Blumen.
Seit einem Jahr sind die Schübe seltener geworden. Sie kommen nur noch alle drei bis vier Monate. Vielleicht hängt es damit zusammen, dass es mir allgemein besser geht. Ich habe künstliche Hüftgelenke bekommen, weil ich Arthrose hatte. Ausserdem haben mich die Ärzte am Herzen operiert, ich hatte verengte Gefässe. Vor allem aber habe ich gelernt, mit den Schüben umzugehen. Meine Therapeutin setzt mir Akupunkturnadeln und Schröpfkugeln. Damit lösen sich Verspannungen. Teufelskrallen-Tee und Kapseln aus der Grünlipp-Muschel lindern die Schmerzen. Nur wenn ich es gar nicht aushalte, nehme ich Schmerzmittel.
Früher waren mein Mann und ich sehr sportlich, wir wanderten viel und fuhren Ski. Nun kann ich das nicht mehr so gut. Für meinen Mann war das anfangs schwer, denn er ist zehn Jahre jünger und topfit. Meine Erfahrung zeigt mir, dass meine Krankheit stark von der Psyche abhängt. Damals, als die Polymyalgie ausbrach, hatte meine Tochter einen Bandscheibenvorfall. Es war, als würde ich ihr Leid übernehmen: Ich bekam unerträgliche Schmerzen im Rücken. Auch als mein Schwiegervater starb und nur fünf Tage später meine Mutter, bekam ich einen schweren Schub.
Darum rät mir der Arzt, alles zu tun, was mir Freude macht. Daran halte ich mich – und mein Mann und ich erleben auch viel Schönes. Wir machen Ausflüge oder reisen. Unser Lieblingsziel ist Indien. Im warmen Klima fühle ich mich wohl.
Polymyalgie: Heftige Schmerzen in Körper und Kopf
Bei der Rheuma-Krankheit Polymyalgie entzünden sich die Muskeln immer wieder. Patienten haben heftige, reissende Schmerzen – vor allem im Nacken, in den Schultern sowie im Becken. Nachts tuts noch mehr weh, die Muskeln versteifen sich. Betroffene können morgens kaum aufstehen. Ausserdem fühlen sie sich häufig depressiv und extrem müde. Bei vielen Kranken entzündet sich zudem eine Schlagader in der Schläfe. Dadurch können sie erblinden. Kortison hilft, aber: Die Patienten nehmen zu, die Haut wird dünn und empfindlich. Polymyalgie beginnt meist nach dem 50. Lebensjahr und trifft Frauen viermal häufiger als Männer. Normalerweise heilt sie nach einigen Jahren aus.
Beratung und Infos
01. November 2009 | Aufgezeichnet: Fridy Schürch
