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Artikel | Gesundheits-Tipp 06/2009

Emmi: Milchkonzern setzt auf Chemie

Das neueste Produkt aus den Labors heisst Emminent. Emmi hat den Milchdrink chemisch aufgepeppt. Seit Jahren versucht der Konzern, solch fragwürdige Produkte zu lancieren. Und verpulvere so Millionen, kritisieren Fachleute.

Drei Superfrauen bringen mit dem Milchdrink Emminent schlaffe Männer auf Touren – innert Sekunden. So die Werbung. Auf der Packung des Drinks heisst es: «Unterstützt die Leistungsfähigkeit und stärkt die Abwehrkräfte.» Emminent ist das neuste Produkt aus den Labors des Luzerner Milchkonzerns Emmi. Das Plastikfläschchen sieht aus wie Nahrung für Astronauten. Sein Inhalt schmeckt künstlich und erinnert an Brausepulver, aufgelöst in dickflüssiger Milch. Die Lebensmittel-Chemiker von Emmi haben ein wahres Sammelsurium von Stoffen in den Milchdrink gemischt:

  • Grüntee-Extrakt mit Catechinen
  • Taurin und aufputschendes Guarana sowie
  • probiotische Bakterien, um die Abwehrkräfte zu stärken.


Doch Fachleute halten wenig vom Produkt: «Ich würde Emminent nie kaufen», sagt der Zürcher Arzt und Gesundheitstipp-Berater Thomas Walser. «Die Catechine zum Beispiel sollte man nicht isoliert zu sich nehmen. Besser ist normaler Grüntee mit all seinen gesunden Stoffen.» Statt Guarana könne man einfach einen Espresso trinken. Und die Wirkung von Probiotika sei sehr beschränkt – «von derjenigen von Taurin ganz zu schweigen».

David Fäh, Präventivmediziner und Ernährungsspezialist, sagt zudem: «Es ist naiv zu glauben, dass das Mischen mehrerer Zusatzstoffe die gesundheitliche Wirkung verstärkt.» Die Stoffe könnten sich auch gegenseitig hemmen.


«Alle diese Produkte kann man sich schenken»

Es ist nicht das erste Mal, dass der grösste Schweizer Molkereikonzern Emmi ein Produkt mit angeblichem Zusatznutzen unter die Leute bringt – sogenanntes Functional Food. In den letzten Jahren überschwemmte Emmi den Markt mit künstlich aufgepeppten Milchprodukten: zum Beispiel Aktifit für die Abwehrkräfte, Benecol für den Cholesterinspiegel, Evolus für den Blutdruck, Energy Milk und den Sportler-Drink Lacto-Tab mit Coenzym Q10. In den USA, in Portugal und England vertreibt Emmi unter dem Namen Minicol sogar eine cheddarartige «Käsealternative», die den Cholesterinspiegel positiv beeinflussen soll. Statt Milchfett enthält Minicol Pflanzenöl. In Deutschland geriet solcher Analogkäse kürzlich massiv in die Kritik. Konsumentenschützer sprachen von «Irreführung der Verbraucher», wenn solche Kunstprodukte nicht deutlich deklariert würden.

«Alle diese Produkte kann man sich schenken», sagt Arzt Thomas Walser. «Viel wichtiger ist eine gesunde Ernährung.» Das bestätigt Ernährungsfachfrau Carine Buhmann: «Die Produkte bringen den versprochenen Nutzen nicht.» Trotzdem gaukle die Werbung den Konsumenten vor, dass Functional Food sie schnell und einfach mit allen nötigen Stoffen versorge und vor Krankheiten schütze.

Um die Kunden zu überzeugen, investiert Emmi jährlich 100 Millionen Franken in Werbekampagnen mit Promis wie Roger Federer, DJ Bobo und Beat Schlatter. Gleichzeitig kassierte der börsenkotierte Milchgigant jahrelang Millionenbeiträge vom Bund, sogenannte «Beihilfen», die den Milchpreis stützen sollten. Im Jahr 2006 waren es über 70 Millionen Franken, wie die Zeitschrift «Saldo» berichtete. Das schien Emmi allerdings nicht zu genügen: «Wir setzen uns dafür ein, dass unsere Produkte von den Krankenkassen unterstützt werden», liess der damalige CEO Walter Huber vor vier Jahren in der «Handelszeitung» verlauten.

Dabei schreibt Emmi Jahr für Jahr Millionengewinne und schluckt immer mehr kleinere Betriebe – in der Schweiz wie im Ausland. Lokale Traditionsprodukte haben langfristig oft keine Chance, wie das Beispiel Urner Bergkäse zeigt: Emmi schloss die Käserei in Bürglen, weil sie «nicht mehr rentabel» sei. Auch bei den Bauern knausert der Konzern: Anfang Jahr senkte Emmi den Milchpreis um 9 Rappen. «Die Firma droht ständig, dass sie Konkurs gehe, wenn sie den Bauern für die Milch auch nur einen Rappen mehr zahlen würde», ärgert sich Werner Locher, Bauer aus Bonstetten ZH und Mitglied der bäuerlichen Interessengruppe für Marktkampf.


Emminent: «Verkaufszahlen unter den Erwartungen»

Die Gruppe setzt sich für einen höheren Milchpreis ein und organisierte letztes Jahr den Milchstreik.  Es sei frustrierend, dass Emmi Millionengewinne mache und viel Geld für Flop-Produkte ausgebe, sagt Locher. So verschwand der Milchserum-Drink Lacto-Tab wegen mangelnder Nachfrage wieder vom Markt. Das gilt auch fürs 4-plus-Joghurt und den Blutdruck-Drink Evolus. Emminent serbelt ebenfalls: Emmi zog den Drink vom Testmarkt Portugal zurück. Und auch in der Schweiz liegen die Verkaufszahlen «unter den Erwartungen».

Emmi verteidigt sein Functional Food: «Die Produkte sind vom Bundesamt für Gesundheit so bewilligt», sagt Sprecher Stephan Wehrle. Und Emmi habe nie behauptet, dass die Produkte Krankheiten vorbeugen würden. Der Nutzen sei aber nachgewiesen. Eine Studie habe gezeigt, dass Aktifit krankmachende Keime auf der Nasenschleimhaut reduziere. Bei Emminent sei das Catechin «naturbelassen» und Taurin würde nur als «Geschmackskomponente» zugesetzt.

Wehrle betont zudem, die bis Ende 2008 vom Bund gezahlten Gelder habe die Firma «vollumfänglich an die Milchproduzenten weitergegeben». Und Ex-CEO Huber habe bloss gesagt, dass man die Idee mit den Krankenkassen «prüfen sollte». Wehrle erklärt, die Käserei in Bürglen sei ein Einzelfall. Denn Emmi würde gezielt mit kleinen Betrieben zusammenarbeiten. Und der Milchpreis sei mit den Produzenten ausgehandelt. Dabei würde nicht gedroht, der internationale Konkurrenzdruck verlange einen tieferen Milchpreis. Emmi verspiele aber kein Geld mit Flops. Bei «innovativen Produkten» sei auch mit Abschreibungen zu rechnen. Dass die Millionengewinne für Bauern ein «Reizthema» seien, findet Wehrle «verständlich». Die Bauern als Hauptaktionäre von Emmi würden davon aber auch profitieren.

06. Juni 2009 | Sonja Marti, Redaktion Gesundheitstipp


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