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Artikel | saldo 09/2009

Panikmache statt Aufklärung

Die alarmierende Berichterstattung über die Schweinegrippe verwirrt eher, als dass sie aufklärt.

«Ist das Todesvirus bereits bei uns?», fragte das auflagestarke Gratisblatt «20 Minuten». Die Zeitung schrieb Ende April von 149 Toten in Mexiko – eine massiv übertriebene Zahl. Auf mehr als zwei Seiten berichtete «20 Minuten» über das angebliche Todesvirus. Entwarnung gaben im Blatt nur einzelne Leserinnen und Leser in ihren kurzen Meinungsäusserungen: Von den fünf Befragten bekannte einzig eine Luzernerin, die Schweinegrippe versetze sie in Panik.

Fast alle aktuellen Schweizer Medien schürten die grosse Furcht vor einer Grippewelle, wie sie Europa letztmals nach dem Ersten Weltkrieg erlebte. Zahlreiche angebliche Experten stützten diese Angst mit ihren Aussagen. Nicht nur in Boulevardmedien wie «20 Minuten», auch der «Tages-Anzeiger» zitierte einen St. Galler Mediziner, der voraussagte: «Vielleicht tragen wir in zwei Wochen Masken.» Heute wissen wir: Die Realität sieht anders aus.


Schlimme Prognosen haben gute Chancen auf Veröffentlichung

Die Schweinegrippe zeigte einmal mehr, wie Experten und Medien gemeinsam die Chance nutzen, sich den Konsumenten gegenüber als unentbehrlich zu präsentieren: Die Journalisten als Warner, als vorausschauende Verkünder drohenden Unheils, die Experten als wohlmeinende Ratgeber, deren Wissen die Menschen vor schwerem Schaden bewahrt. Dabei gilt der Grundsatz: Je schlimmer die Prognose, desto grösser ihr Neuigkeitswert und damit die Chance, dass sie veröffentlicht wird. Und desto unentbehrlicher wiederum sind die Fachleute, die die Menschheit vor der Bedrohung retten.

Regionalblätter und nationale Zeitungen verunsichern die Leserschaft gleichermassen. «Stufe sechs steht bevor», sagte das «St. Galler Tagblatt» letzte Woche voraus. Die Rede war von der höchsten Alarmstufe bei einer Pandemie. Zumindest bis heute deutet jedoch alles darauf hin, dass der Alarm eher hinunter- als hinaufgefahren wird. Derweil orakelt die «NZZ am Sonntag»: «Eine Grippepandemie kann die Zahl der arbeitsfähigen Mitarbeiter um einen Viertel und mehr reduzieren.» Die Aussage stützt sich angeblich auf das Bundesamt für Gesundheit, das sogar eine «Abwesenheitsquote von 40 Prozent» für möglich halte. Das Blatt zitiert Firmensprecher, die betonen, wie vorsorglich ihre Unternehmen für die viral bedrohten Arbeitnehmer sorgen. All das, obgleich in der Schweiz bisher nicht ein einziger Arbeitnehmer mit Schweinegrippe dem Arbeitsplatz fernblieb.


Auch die Cervelat-Prominenz ängstigt sich vor dem Virus

Auch einzelne Möchte-gern-Prominente wie etwa die TV-Moderatorin Nicole Berchtold versuchen aus der Unsicherheit ein wenig Kapital zu schlagen: Die Präsentatorin der Boulevardsendung «Glanz & Gloria» des Schweizer Fernsehens berichtete auf der Frontseite des «Blick» von ihrer lähmenden Angst, sich anzustecken. Berchtold, vom Blatt zum «TV-Star» befördert, setzte so ihre Badeferien im mexikanischen Cancún geschickt zum eigenen Glanz und Gloria um – glücklicherweise ohne die geringsten Grippesymptome. Und sie bot dem «Blick» Gelegenheit, der verunsicherten Leserschaft zu zeigen, wie sehr das Virus selbst in der Welt der Reichen und Schönen gefürchtet ist.

In Einzelfällen läuft die mediale Aufregung aber ins Leere. Zum Beispiel bei der Aarauer Stadtregierung, die unter Quarantäne stand, weil deren Mitglied Michael Ganz mit dem bisher einzigen Schweizer Patienten das Flugzeug geteilt hatte. Der Politiker erwies sich in der allgemeinen Verwirrung als ein Mann der Besonnenheit. Er liess öffentlich verlauten, dass er die Aufregung um die Grippe für «übertrieben» hält, und widerstand der Versuchung, aus der Episode persönliches Kapital zu schlagen.

10. Mai 2009 | Rolf Hürzeler, Redaktionsleiter saldo


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