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Immer mehr Viren und Bakterien sind resistent gegen Antibiotika und Grippemittel. Grund: Zu viele Menschen schlucken voreilig Pillen. Fachleute warnen nun vor dem vorbeugenden Gebrauch von Tamiflu gegen die Schweinegrippe.
Die Fachleute des EU-Zentrums für Seuchenprävention und -kontrolle (ECDC) warnten im vergangenen November: «Die Schnelligkeit, mit der Antibiotika ihre Wirkung verlieren, ist alarmierend.» Cornelius Remschmidt von der Klinik für Infektiologie am Universitätsspital Zürich bestätigt: «In ganz Europa hat die Zahl antibiotikaresistenter Erreger zugenommen. Ursache ist der häufig nicht sinnvolle Einsatz von Antibiotika.»
Im Vergleich zu den Nachbarstaaten sei die Ausbreitung resistenter Bakterien in der Schweiz noch verhältnismässig gering. Die Schweizer Datenbank Search des Instituts für Infektionskrankheiten der Universität Bern sammelt und analysiert die Schweizer Antibiotikaresistenzdaten und gibt sie an die europäischen Überwachungsprogramme weiter.
Keine Einnahme ohne eine ärztliche Verschreibung
Die EU hat eine Initiative gestartet mit dem Ziel, vor allem den unnötigen Konsum von Antibiotika zu reduzieren. «Unnötig ist die Einnahme von Antibiotika ohne ärztliche Verschreibung oder bei Virusinfektionen wie Erkältungen oder Grippe», betonen die Fachleute. Nun warnen sie davor, wegen der viralen Schweinegrippe voreilig zum Grippemittel Tamiflu zu greifen, obgleich das Beda Stadler, Immunologe an der Universität Bern, empfohlen hat. Grund: Resistenzen nehmen nämlich nicht nur bei den Bakterien, sondern auch bei Viren zu. Speziell beim Virus H1N1, das in Nordamerika und in Europa der Haupterreger der Grippesaison 2008/09 war.
Kathrin Mühlemann vom Institut für Infektionskrankheiten an der Universität Bern: «Das saisonale Grippevirus H1N1 neigt sehr schnell dazu, gegen den in Tamiflu enthaltenen Wirkstoff Oseltamivir resistent zu werden.» In den USA und in der EU waren 98 Prozent der Erreger resistent gegen Tamiflu. Während der vorletzten Grippesaison 2007/08 waren es nur 12 Prozent in Nordamerika und 13 Prozent in Europa. Das heisst: Tamiflu konnte dieses Jahr gegen die saisonale Grippe nichts mehr ausrichten.
«Eine einzige Mutation, und das Virus wird resistent»
Gegen das Schweinegrippevirus A/H1N1 zeigt das Medikament vorderhand Wirkung: Die US-Behörde hat das Schweinegrippevirus auf eine Resistenz gegenüber dem Tamiflu-Wirkstoff getestet und keine gefunden. Doch das Risiko einer Resistenz besteht. Kathrin Mühlemann: «Damit muss man bei jedem Grippevirus rechnen. Beim saisonalen H1N1-Grippevirus braucht es nur eine einzige Mutation, damit das Virus resistent wird.»
Je mehr Menschen erkranken und Medikamente schlucken, desto schneller entwickeln die Viren eine Resistenz gegen die Mittel. Remschmidt erklärt warum: «Werden Antibiotika oder Virostatika wie Tamiflu für eine breite Masse eingesetzt, überleben nur die Bakterien und Viren, die einen Abwehrmechanismus gegen das Medikament entwickeln.» Konsequenz: Die Medikamente sind zusehends wirkungslos, es braucht neue Mittel gegen die bakteriellen oder viralen Erkrankungen. Dies geschah bei der saisonalen Grippe und bei der Vogelgrippe. Deshalb solle Tamiflu laut Fachleuten nur sehr zurückhaltend eingesetzt werden.
10. Mai 2009 | Petra Stöhr, Redaktion saldo
