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Artikel | saldo 07/2009

Studie zeigt: Ohne Anlageberater bleibt unter dem Strich mehr

Finanzberater verleiten ihre Kunden zu höheren Risiken und animieren sie zu häufigen An- und Verkäufen. Zu diesem Resultat kommt eine Analyse aus Deutschland.

In der Schweiz gibt es zwischen 2500 und 3000 Vermögensverwalter. Dazu kommt ein Heer von Kundenberatern bei den Banken. Sie alle sollen dem Anleger einen höheren Ertrag bescheren und helfen, Verluste zu vermeiden – glauben die Laien. Doch eine statistische Analyse der Goethe-Universität in Frankfurt am Main kommt zu einem anderen Ergebnis.

Eine deutsche Direktbank mit einer Online-Börsen-Plattform hat den Forschern Zugriff auf die Daten ihrer Anlagekunden gewährt. Die Stichprobe umfasst die Konten von 32 751 zufällig ausgewählten Einzelkunden im Zeitraum von Januar 2001 bis Juni 2006 (66 Monate). Über 4100 der Kontoinhaber (12,7 Prozent) arbeiten mit unabhängigen Anlageberatern zusammen, die bei der Direktbank registriert sind. Ergebnis der Analyse: Vergleicht man lediglich die erzielten Renditen von Anlegern mit und ohne Berater, darf sich die Finanzbranche auf die Schultern klopfen: Bei Beizug eines Beraters beträgt der Nettoertrag (nach Abzug der Gebühren) 7,68 Prozent jährlich, ohne Betreuer nur 5,4 Prozent.

Eine weitergehende Auswertung zeigt allerdings, dass für die höheren Renditen nicht die Berater verantwortlich sind, sondern primär der Kundentyp. Es sind vor allem ältere, erfahrene Anleger, die sich einen Finanzberater leisten. Dieser Kundentyp erreicht laut der Studie in der Regel auch ohne Berater bessere Erträge.


Anleger mit Berater gehen mehr Risiken ein

Berücksichtigt man diese Faktoren, dann kommt die Studie zum Schluss: Anleger mit Berater erwirtschaften im Schnitt tiefere Gewinne, gehen höhere Risiken ein und verzeichnen mehr An- und Verkäufe in ihrem Portfolio als Kunden, die auf Betreuung verzichten. Wirtschaftsprofessor Andreas Hackethal, einer der Autoren der Studie, ist der Meinung, dass sich die Forschungsresultate «mit Sicherheit» auf die Schweiz übertragen lassen.

Für die Forscher steht fest: Mit Hilfe eines Finanzprofis erreicht man zwar eine höhere Rendite, als wenn man auf eigene Faust investiert. Unter dem Strich bleibt aber für den Kunden weniger, weil die Gebühren und Entschädigungen, die der Berater einsackt, höher sind als der zusätzliche Ertrag. Hackethal kritisiert, dass Finanzberater ihre Kunden zu höheren Risiken sowie zu unnötigen An- und Verkäufen verleiten. Darin steckt ein Interessenkonflikt: Die Berater profitieren von Provisionen der Bank, wenn die Kunden gewisse Finanzprodukte kaufen und viel Umsatz generieren.

Die Studie will jedoch nicht belegen, dass Berater überflüssig sind. Für unerfahrene Anleger mit wenig Zeit sei der Beizug eines Finanzprofis sinnvoll. Aufgrund der Forschungsresultate fordert Hackethal aber mehr Transparenz: Der Kunde müsse die Leistung eines Anlageberaters direkt mit der Performance der Konkurrenz vergleichen können.


Verdeckte Provisionen auf Kosten der Kunden

Für Walter Wittmann, emeritierter Wirtschaftsprofessor der Universität Fribourg, ist die Studie «ein vernichtendes Urteil für Anlageberater». Allzu überraschend sind für ihn die Ergebnisse aber nicht. Ein «fundamentales Problem» stellen für Wittmann die verdeckten Provisionen dar, die Berater von den Banken erhalten. Der Verband Schweizerischer Vermögensverwalter kritisiert die Studie heftig. Einen Leistungsvergleich, der sich nur an den Renditezahlen orientiert, bezeichnet der Verband als «gefährlich und unsinnig».

Die Resultate könne man nicht auf die Schweiz übertragen. In der Studie werden die Kosten für die Anlageberatung auf 1,7 Prozent des Vermögens beziffert. In der Schweiz hingegen liege dieser Wert bei durchschnittlich 0,79 Prozent. Entsprechend werde hier die Rendite weniger gedrückt. Hinter diese Zahl ist jedoch ein Fragezeichen zu setzen: Mehrere von saldo angefragte Vermögensverwalter sprechen von Vermögensverwaltungskosten von 1 Prozent und mehr.


Retrozessionen gehen an Vermögensverwalter

Die meisten Schweizer Anlagekunden kennen die genauen Kosten der Beratung nicht, weil ein Teil in Form von versteckten Retrozessionen an die Vermögensverwalter zurückfliesst. Florian Schubiger, Mitinhaber der Vermögenspartner AG in Winterthur, befürwortet mehr Transparenz gegenüber den Kunden. Seine Firma zahlt deshalb alle zugeflossenen Provisionen an die Kunden aus. Er schätzt, dass immer noch über 80 Prozent der Vermögensverwalter in der Schweiz die Vergütungen in die eigene Tasche stecken.

A. Hackethal u. a.: «Financial Advisors: A Case of Babysitters?» Arbeitspapier, Frankfurt, 2009

14. April 2009 | Thomas Lattmann, Redaktion saldo


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