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Leidtragende der geplanten Fusion von Radio und Fernsehen sind die Medienkonsumenten. Die publizistische Vielfalt steht auf dem Spiel. Das kommerzielle Infotainment des Fernsehens könnte aufs Radio übergreifen.
An einem Montag in den ersten Märztagen informierte Radiodirektor Walter Rüegg im sterilen Ausbildungsraum des Radio Studios Basel auf dem Bruderholz – allerdings ziemlich vage. Nach dem Treffen war die Konfusion grösser denn je. «Uns war gar nichts klar», sagt ein Mitarbeiter von Radio DRS 2, «ausser dass der Radiodirektor bei dieser Fusion nicht viel zu sagen hat.»
Mehr Unterhaltung und Sponsoring beim Radio absehbar
Die Verunsicherung bei den Radioleuten ist überall zu spüren. «Radio und Fernsehen haben eine unterschiedliche Tradition, die sich nicht zusammenführen lässt», sagt ein leitender Journalist der Informationssendungen in Bern. Er sieht kaum Schnittpunkte für eine engere Zusammenarbeit zwischen den beiden Medien. «Ausser vielleicht bei Wahlen.»
Das Schweizer Fernsehen (SF) richtet sich im internationalen Wettbewerb nach den Regeln des Infotainments. Das Inlandmagazin «Schweiz aktuell» zum Beispiel inszeniert regelmässig Unterhaltungsspiele mit Laienschauspielern. Eine Fernsehsendung wie «Musicstar» wiederum skandalisiert den Klamauk. Wahrheit und Fiktion vermischen sich dabei für das Publikum zusehends. Und SF irritiert seine Zuschauer mit Verletzungen der Sponsoring-Regeln, um die aufwendigen Produktionen zu finanzieren.
Im Vergleich dazu ist der Service public, den Schweizer Radio DRS erbringt, geradezu vorbildlich – sieht man von ärgerlichen Sponsoring-Einschüben ab. Sind Radio und Fernsehen unter einem Dach, besteht die Gefahr, dass sich die Regeln der Fernsehmacher durchsetzen. Das Radio wird sich nach den Normen des umsatzstärkeren Fernsehens richten müssen. Konkret: Mehr Vermischung von Information und Unterhaltung, mehr unerwünschtes Sponsoring – alles zu Lasten der Qualität des Programms und damit auf Kosten des Radiohörers.
Zusammenschluss von Radio und Fernsehen schon einmal gescheitert
Die SRG ist schon einmal mit einer Fusion von Radio und Fernsehen gescheitert. Bereits von 1973 bis 1982 unterstanden Radio und Fernsehen DRS einer gemeinsamen Direktion. Schon damals waren beide Medien so eigenständig, dass sich eine redaktionelle Zusammenarbeit als schwierig erwies. «Sie unterliegen einem unterschiedlichen Rhythmus», sagt Ulrich Kündig. Kündig leitete bis zuletzt in einem Triumvirat Radio und Fernsehen DRS in einem Haus. Radio sei schnell und improvisiert; Fernsehen langsam und inszeniert. Und «manche befürchteten, die publizistische Vielfalt könnte leiden», erinnert sich Kündig.
Dennoch: Wie damals drängen sich heute Reformen auf. Es liegt nahe, Bereiche wie Ausbildung oder Personalwesen zu zentralisieren, um Kosten zu sparen. Und vor allem den Internet-Auftritt zu koordinieren: Es macht keinen Sinn, dass Swissinfo, Radio und Fernsehen eigene Portale betreiben. Wenn es der SRG mit dem Sparen ernst wäre, hätte sie die Reformen aber längst angehen können.
Lokalpolitik hält an der Standortaufteilung fest
Andere Einsparungen wären sinnvoll, sind aber offenbar politisch vorläufig nicht durchzusetzen: So ist die Aufteilung des Schweizer Radios in Zürich, Bern und Basel teuer. Doch engagierte Lokalpolitiker wehren sich für ihre Standorte – auf Kosten der Gebührenzahler.
Konvergenz
Der SRG-Verwaltungsrat befasst sich zurzeit mit der Zusammenlegung von Radio und Fernsehen. Das Projekt läuft unter dem Stichwort «Konvergenz». Der Begriff bedeutete in der Publizistikwissenschaft ursprünglich die Angleichung unterschiedlicher Medien, etwa des öffentlich-rechtlichen Fernsehens und des Privat-TVs. Die SRG versteht unter Konvergenz aber vor allem Synergien. Sie erwartet, dass Radio und Fernsehen unter einem Dach Sparpotenzial hätten. Und sagt nicht, dass mit der Konvergenz die Angleichung gemeint ist.
14. März 2009 | Rolf Hürzeler, Redaktionsleiter saldo
