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Die weltweite Krise hat auch ihre guten Seiten: So sinken in einigen Branchen die Preise – und die Kaufkraft der Konsumenten steigt.
Finanzmarktkrise, Wirtschaftsabschwung: Die Vorzeichen für das Jahr 2009 stimmten wenig optimistisch. Trotzdem: Der Stimmung unter den Konsumentinnen und Konsumenten in der Schweiz konnten die düsteren Aussichten nichts anhaben. Die Jahresendumsätze der Läden brachen Rekorde. Auch für die nächsten Monate gibt es Grund zum Optimismus: Die weltweit drohende Rezession wirkt sich nämlich positiv auf die Portemonnaies der Schweizer Konsumenten aus.
So drückte der Rückgang der Nachfrage die Preise für Rohstoffe wie Erdöl. Und die hohe Liquidität vieler Banken, verbunden mit dem Desaster an der Börse, drückte die Hypothekarzinsen (siehe Kasten). Die bevorstehende Eröffnung von Filialen des deutschen Markenartikeldiscounters Lidl macht die Schweizer Detailhändler nervös. Resultat: Die Preise von Markenartikeln purzeln auf breiter Front.
Andererseits sind die Löhne in der Schweiz auf Anfang Jahr real um durchschnittlich 1,4 Prozent gestiegen. Die Ausgangsbasis ist so gesehen nicht schlecht: Die Konsumenten haben mehr Geld bei tieferen Preisen.
Autofahren
Autofahrer haben doppelten Grund zur Freude: Fahrzeuge und Benzin sind massiv günstiger geworden. Die von der Finanzkrise hart getroffenen Autohersteller bleiben auf ihren Modellen sitzen und überschlagen sich mit Schnäppchenpreisen für Neuwagen – mehr als früher, wie René Mitteregger von der Datenerhebungsagentur Auto-i-Dat weiss. Amag wirbt mit 3,9 Prozent Leasing. Honda winkt mit Rabatten von bis zu 5000 Franken, Renault mit 8000 Franken. Mitteregger und der Direktor von Auto-Schweiz, Andreas Burgener, sprechen von einem hart umkämpften Markt – wovon die Kunden profitieren.
Benzin kostet rund einen Drittel weniger: Am meisten spüren Autofahrer die positiven Folgen der Finanzkrise an der Tanksäule. Im Sommer zahlten sie für 1 Liter bleifreies Benzin noch 2 Franken. Heute kostet er rund Fr. 1.35. Wer jetzt seinen 50-Liter-Tank füllt, spart somit 32 Franken.
Heizen
In den Keller gehen dank der Krise auch die Heizöl- und Erdgaspreise. Heizöl kostet heute 70 Prozent weniger als im Sommer. Der Preis für Erdgas ist an den Ölpreis gekoppelt. Er geht daher mit zeitlicher Verzögerung zurück. «Die Gaspreise sinken bis Mitte Jahr um 2 Rappen pro Kilowattstunde», sagt IG-Erdgas-Geschäftsführer Anton Pfister. Das sind rund 30 Prozent weniger als zurzeit. Bei einem Einfamilienhaus in Zürich lassen sich bei einem Verbrauch von 16 000 Kilowattstunden rund 350 Franken sparen.
Ferien im Ausland
Sinkende Erdölpreise vergünstigen auch das Kerosin – davon profitieren Touristen. Dank zahlreicher Preisreduktionen kommen die Schweizer günstiger ins Ausland. Und: Dank schwacher Währungen brauchen sie dort viel weniger Geld, denn Unterkunft und Einkäufe sind deutlich günstiger.
Ein britisches Pfund etwa kostete Mitte 2007 noch Fr. 2.50. Mitte Januar 2009 war es für Fr. 1.63 zu haben. Dies freut die Schweizer Touristen: Selten war Shopping in London oder eine Reise durch Südengland so billig. Wer vor zwei Jahren in einem Bed & Breakfast in der Grafschaft Cornwall vier Nächte verbrachte, zahlte zwischen 540 und 600 Franken. Heute bettet man sich für 350 bis 390 Franken.
Traumziele in Australien erschwinglicher: Auch der Besuch des Grand Canyons oder eines Musicals in New York ist billiger. Die Zeiten, in denen Schweizer für einen Dollar Fr. 1.80 zahlen mussten, sind vorbei. Seit seinem Allzeittief im März 2008, als er unter 1 Franken rutschte, hat sich der Dollar nur wenig erholt. Mitte Januar lag er bei Fr. 1.11.
Der schwache Dollar wirkt sich zudem auf Traumziele aus, deren Währungen an den US-Dollar gekoppelt sind. So können sich auch weniger Wohlhabende Badeferien auf karibischen Inseln wie Grenada oder Barbados leisten. Wer schon lange davon träumt, in Australien beim Great Barrier Reef zu tauchen, sollte seine Chance jetzt nutzen: Der australische Dollar ist seit April 2007 einen Drittel weniger wert.
Markenartikel
Günstiger als 2008 kommt in diesem Jahr der Wocheneinkauf zu stehen. Der fallende Weizenpreis hat das Brot verbilligt, die Überproduktion der Bauern drückt auf den Milchpreis. Weitere Preissenkungen könnten folgen. Migros-Sprecherin Monika Weibel: «Bleiben die Preise für Rohstoffe wie Rohöl, Kakao, Getreide und Soja längerfristig auf tiefem Niveau, werden die Preise möglicherweise bereits im Frühling gesenkt.»
Discounter Lidl macht Grossverteiler nervös
Der kurz bevorstehende Markteintritt des deutschen Marken-Discounters Lidl entlastet die Schweizer Haushaltsbudgets noch spürbarer. Coop, Manor, Migros und Spar überbieten sich seit Tagen mit Preissenkungsrunden auf Markenartikel. Manor-Kunden etwa zahlen jetzt weniger für Nutella, Chips, Katzenfutter und Windeln.
Lidl sei Dank: Die Preise in der Schweiz nähern sich allmählich jenen in Deutschland an. Aber die Hochpreisinsel Schweiz wird nicht so schnell verschwinden. Weibel: «Markenartikel sind in der Schweiz grundsätzlich zu teuer.» Die Margen der Multis sind weiterhin grosszügig: So kostet ein Nivea-Deospray in Süddeutschland umgerechnet Fr. 3.60, in der Schweiz Fr. 5.95. Und die Konzerne schröpfen die Schweizer Konsumenten weiterhin. Nestlé, Heineken, Coca-Cola, L’Oréal oder Nivea-Herstellerin Beiersdorf halten an ihren angekündigten Preiserhöhungen fest.
Coop-Sprecher Nicolas Schmied: «Coca-Cola und Knorr konnten ihre Preiserhöhungen nicht plausibel erklären.» Denner-Sprecherin Anita Daeppen doppelt nach: «Bis jetzt gibt es leider erst sehr wenige Firmen, die zur Einsicht gekommen sind, dass viele Aufschläge nicht mehr berechtigt sind.» Löbliche Ausnahmen: Kraft Foods, Hug, Wander und Rivella.
Heizöl und Hypothekarzinsen: Mieter profitieren erst später
Hausbesitzer, die nun ihren Heizöltank auffüllen lassen, profitieren vom tiefen Ölpreis. Lag er vergangenen Juli noch bei 146 Dollar pro Barrel, sank er inzwischen auf 43,8 Dollar (Stand 15. Januar 2009). Die meisten Mieter dagegen spüren noch lange nichts vom tiefen Preis. Der Grund: Die Nebenkostenabrechnungen erfolgen üblicherweise mit Stichdatum 30. Juni. Je nachdem, wann der Vermieter Heizöl einkaufte, müssen die Mieter im Sommer nochmals mit hohen Heizkostenabrechnungen rechnen. Der Heizölpreis sollte auf der Abrechnung ausgewiesen sein. «Ist das nicht der Fall, haben die Mieter das Recht, Einblick in die Belege zu nehmen», sagt Michael Töngi vom Mieterverband Deutschschweiz.
Dasselbe Bild zeigt sich bei den Hypotheken: Festhypotheken sind bereits zu einem Zinssatz von 1,8 Prozent erhältlich – ein Drittel weniger als noch 2003. Variable Zinssätze gibt es für 2,5 Prozent. Wer nun ein Haus kauft, profitiert sofort von den tiefen Hypothekarzinsen. Anders die Mieter: Für sie gilt der sogenannte Referenzzinssatz, der Durchschnittszinssatz aller Hypotheken. Dieser liegt bei 3,5 Prozent. Michael Töngi vom Mieterverband rechnet damit, dass der Zinssatz frühestens beim nächsten Stichtag am 31. März auf 3,25 Prozent sinken wird. Die Mieten würden dann auf Anfang Oktober günstiger. «Falls nicht, können die Mieter eine Zinssenkung verlangen.»
19. Januar 2009 | Petra Stöhr, Marc Mair-Noack
