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Bruno (Name geändert), 43: Leben mit Reise-Panik
Reisen macht mir furchtbar Angst: Im Zug wird mir übel – ich habe Schweissausbrüche. Ans Fliegen darf ich gar nicht denken. Lange Zeit vermied ich es, irgendwohin zu fahren. Aber ich erkunde gerne neue Orte. Deswegen zwinge ich mich zum Reisen. Manchmal muss ich auf halbem Weg umkehren. Doch wenn ich durchhalte, bin ich stolz darauf.
Schon bevor ich reise – und sei es nur eine halbe Stunde mit dem Zug –, schlafe ich zwei, drei Nächte schlecht. Wenn es losgeht, nehme ich Beruhigungsmittel und Notfalltropfen mit. Hin und wieder kann ich trotzdem nicht einsteigen. Es kommt auch vor, dass die Panik erst auf der Rückfahrt einsetzt. In der ersten Klasse fühle ich mich wohler, weil da weniger Leute sitzen. Ich versuche, mich zu beruhigen, indem ich öfters den Sitzplatz wechsle.
Ab und zu reise ich mit Kollegen. Sie unterstützen mich. Für kurze Strecken über Land miete ich ab und zu ein Auto. Weil ich so das Steuer selber in der Hand habe, habe ich weniger Angst.
Meine sechs Geschwister haben ebenfalls Angstprobleme. Vielleicht liegt das am unruhigen Leben in unserer Kindheit. Mein Vater wechselte oft den Job und heiratete mehrmals. Wir zügelten rund 20-mal: Von Deutschland nach Kanada, dann in die USA, wo wir häufig den Wohnort wechselten. Als ich zehn Jahre alt war, zogen wir in die Schweiz. Mein Vater informierte uns immer erst kurz vorher. So konnten wir nirgends Fuss fassen, nie Vertrauen aufbauen. Die verschiedenen Umgebungen und Mentalitäten machten mir zu schaffen.
Besonders schlimm war es, als ich in die Schweiz kam. Ich kam mir eingeengt und kontrolliert vor. Ich hatte massive Schlafstörungen. Da ich in der Schule aber immer gut war, fiel das nicht weiter auf. Doch mit 20 Jahren verfiel ich in eine Depression. Meine Ängste wurden furchtbar. Mit 33 erkrankte ich an Leukämie. Monatelang war ich ans Infusionsgerät gebunden. Ich fühlte mich ausgeliefert, eingeengt.
Mein Körper heilte, meiner Seele ging es umso schlechter. In geschlossenen Räumen bekomme ich seither schnell Panik. Ausserdem entwickelte ich diese wahnsinnige Angst vor dem Reisen. Ein Jahr lang bestieg ich weder Züge noch Autos. Ich konnte mich nur noch im Radius von 2 km fortbewegen, brach alle Kontakte ab, weil ich kaum fähig war, Menschen zu treffen.
Wegen meiner Ängste bin ich arbeitslos. Bei einem Vorstellungsgespräch fühle ich mich bedrängt. Ich ging zu Psychotherapien. Am meisten helfen mir aber Kinesiologie und Bewegung. Sie aktivieren meine Energie, ich fühle mich stärker.
Nur im Internet kann ich mich frei bewegen – und habe dort einen grossen Bekanntenkreis aus aller Welt. Ein paar Leute haben mich eingeladen. Aufgrund meiner Ängste nehme ich die Angebote nicht an. Und sage auch warum.
Ich mache mir nichts vor: Die Reise-Phobie werde ich wohl nicht mehr los. Ich leide darunter. Aber ich habe gelernt abzuwägen, was drinliegt. In die USA werde ich vermutlich nie mehr fliegen können. Doch ich versuche, jeweils ein paar Kilometer weiter zu reisen als beim letzten Mal.
Reise-Phobie: Betroffene fühlen sich ausgeliefert
Menschen mit einer Reise-Phobie fühlen sich in Verkehrsmitteln wehrlos und oft an fremden Orten, weil sie nicht jederzeit flüchten können. Reisen kann einfacher sein, wenn der Betroffene Auto fahren und so jederzeit anhalten kann. Manchen hilft es, nicht allein zu reisen. Viele Fremde können Ängste verstärken. Eine Phobie entsteht z. B. durch ein traumatisches Erlebnis. Betroffene wissen, dass ihre Ängste übertrieben sind. Trotzdem kann allein der Gedanke an eine spezielle Situation eine Panik auslösen. Viele Betroffene vermeiden solche Situationen. Sozialer Rückzug, Arbeitsunfähigkeit und Depressionen können die Folge sein. Helfen können Verhaltenstherapien.
Hilfe bei Phobien
10. Juni 2008 | Aufgezeichnet: Fridy Schürch
