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Artikel | Gesundheits-Tipp 11/2007

«Ich dachte, das alles gehe bald vorbei»

Vor über einem Jahr erlitt Ursula Kurrek eine Erschöpfungs-Depression – jetzt ist sie noch immer krank. Nur ganz langsam findet sie sich wieder im Alltag zurecht.

Zwanzig Jahre hat Ursula Kurrek nur geschuftet. Zuerst als Pflegerin, dann als Stationsleiterin in einem Pflegeheim. Ein normaler Arbeitstag dauerte zwölf Stunden.

Doch dann, es ist ein Freitagabend, kann sie einfach nicht mehr. Die Gefühle übermannen sie: Enttäuschung, Erschöpfung, Wut. Stundenlang weint sie, bis ihr Lebenspartner die Notbremse zieht. Jetzt ist fertig, sagt er, geh zum Arzt, so kann das nicht weitergehen.

Der Hausarzt schreibt sie sofort krank und meldet sie bei einem Psychologen an. Die Diagnose: Erschöpfungsdepression, auch bekannt als Burn-out. Das trifft Kurrek wie ein Faustschlag. Depression, das kannte sie von ihren Patienten im Heim – aber sie?


Patienten sind oft ungeduldig mit sich selbst


Seither ist über ein Jahr vergangen. Es geht der 52-Jährigen zwar besser, aber sie ist noch weit davon entfernt, wieder arbeiten zu können. Ihre Kräfte reichen dafür nicht aus. «Ich muss mir eine Aufgabe pro Tag vornehmen – zum Beispiel, das Laub im Garten zu rechen», sagt sie. Wenn sie sich überanstrengt, fällt sie wieder in ein Loch. Noch immer geht sie zur Psychotherapie und bekommt Medikamente.

Damals, im Herbst 2006, hätte sie sich nie träumen lassen, dass der Weg zurück so beschwerlich ist: «Ich dachte, das geht bald vorbei – wie eine Grippe.» Doch ihr Therapeut sagte, es könne lange dauern, bis sie aus der Depression herausfinden würde. «Das war ein Schock.»

Mit diesem Schock haben viele depressive Patienten zu kämpfen. Der Zürcher Psychiater Hanspeter Dudli weiss aus Erfahrung: «Oft sind Patienten ungeduldig mit sich selbst und können es nicht akzeptieren, auf unbestimmte Zeit krank zu sein.»

Eine Depression, sagt Dudli, sei eben kein Beinbruch, der innerhalb einiger Wochen heilt. Jeder Patient sei anders – einigen geht es schnell wieder gut, andere brauchen Jahre.

Erst nach dem Zusammenbruch realisierte Ursula Kurrek, wie erschöpft sie war. Die ersten Tage lag sie praktisch nur im Bett und schlief. Manchmal ging sie spazieren, «aber nach zehn Minuten musste ich umkehren und zurück ins Bett. Meine Batterien waren total leer.»

Während Monaten kostete jeder Handgriff fast übermenschliche Anstrengung. Am Morgen sass sie manchmal zwei, drei Stunden bloss da und rauchte. Nicht einmal fürs Fernsehen reichte die Kraft.


Mitten im Kochen verliessen sie die Kräfte

Über Mittag kam jeweils ihr 14-jähriger Sohn nach Hause. Meist raffte sie sich auf und bereitete ein Mittagessen zu. Doch manchmal schaffte sie auch das nicht. Sie fing an, eine Suppe zu kochen – doch mittendrin verliessen sie die Kräfte, sie musste sich wieder hinlegen. «Ich dachte immer, man kann sich doch zusammenreissen», sagt sie. «Aber es ging einfach nicht.»

Während einer Depression erscheine den Betroffenen alles aussichtslos, sagt Psychiater Dudli, der heute auch Ursula Kurrek behandelt: «Häufig können Depressive keine Fortschritte sehen – auch wenn es welche gibt.» Deshalb gehöre es zur Aufgabe eines Psychotherapeuten, stets nachzufragen: Wie oft hatten Sie negative Gedanken? Wie steht es mit dem Appetit? Wie gut schlafen Sie? Dudli vergleicht die Antworten mit jenen vom Vormonat. «Erst dann realisiert ein Patient, dass sich sein Zustand gebessert hat.»

Etwa alle zwei Wochen geht Ursula Kurrek zur Psychotherapie. Daneben macht sie Übungen für ein besseres Körpergefühl, geht wandern, macht Nordic Walking. Sport als Teil der Therapie – das entdeckte sie, als ihr Arzt sie einen Monat lang in eine Klinik schickte.

Dort herrschte ein strenges Regime: «In aller Herrgottsfrühe wurden wir auf einen Hügel gejagt und mussten Gymnastik machen. Erst danach gabs Frühstück.» Anschliessend gings weiter mit Wandern und Schwimmen. Hanspeter Dudli: «Jede Art von Aktivität lenkt von der Trübsal ab und gibt Erfolgserlebnisse.»

Ursula Kurrek träumt davon, wieder arbeiten zu können. Nicht mehr in einer so belastenden Umgebung, wie es das Pflegeheim war: «Vielleicht irgendwo an einer Réception, wer weiss. Aber bis dahin ist es noch ein weiter Weg.»


Gratis-Merkblatt «Depressionen» zum Herunterladen

03. November 2007 | Christian Egg


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