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Die Migros verkauft «unbehandelte Zitronen» - und täuscht damit dem Käufer Früchte ohne chemische Substanzen vor. Doch schadstofffrei sind die Zitronen deswegen noch lange nicht.
Der beste Drink verliert an Reiz, wenn der dekorative Zitronenschnitz am Rand des Glases Pestizide und Konservierungsstoffe in die Flüssigkeit abgibt. Unappetitlich sind chemisch behandelte Zitronen auch, wenn man die geraffelte Schale für ein Kochrezept braucht.
Doch will man giftfreie Zitronen kaufen, ist dies bei der Migros nicht einfach: Zwar verkauft der Grossverteiler spanische Zitronen mit der Bezeichnung «unbehandelt». Doch so unbehandelt sind diese Zitrusfrüchte keineswegs. Darauf weist aber bloss ein Stempel in Kleinschrift und auf Französisch hin: «Sans traitement chimique après récolte.» Auf Deutsch heisst das: «Ohne chemische Behandlung nach der Ernte.» Das bedeutet: Vor der Ernte können die Zitronen sehr wohl mit Pflanzenschutzmitteln behandelt worden sein - so wie andere Früchte auch.
«Die Bezeichnung suggeriert, die Früchte seien unbehandelt»
«Das ist nicht transparent», kritisiert Jacqueline Bachmann von der Stiftung für Konsumentenschutz die Zitronenbeschriftung der Migros. «Eine solche Bezeichnung suggeriert, die Früchte seien unbehandelt. Das stimmt nicht.»
Ähnlich sieht das Thomas Frey vom Kantonslabor Basel-Stadt. Für ihn ist diese Deklaration täuschend: «Beim Wort “unbehandelt” denkt der Konsument an Bio-Qualität. Und nicht daran, dass mit Pestiziden gespritzt wurde.»
Weniger streng urteilt Rolf Etter vom Kantonalen Labor Zürich. Er findet die Bezeichnung auf den Früchten akzeptabel: «Der Konsument geht kaum davon aus, dass die Zitronen nicht mit Pflanzenschutzmitteln behandelt worden sind.»
Die Rückstände von chemischen Substanzen, die vor der Ernte gespritzt wurden, seien gering. «Bei unseren Kontrollen gab es keine Überschreitungen der Höchstwerte», erklärt Rolf Etter.
Migros will künftig klarer formulieren
Doch wer zum Beispiel geraffelte Zitronenschalen für einen Cake braucht, will auch keine geringen Mengen an Pestiziden im Kuchen haben. Und geringe Mengen findet man bei vielen Früchten.
Dies hat auch eine Untersuchung des Niedersächsischen Landesamts für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit gezeigt. In 68 Prozent der getesteten Zitrusfrüchte fand das deutsche Amt das Insektizid Chlorpyriphos, in 21 Prozent das ähnliche Mittel Malathion und in 17 Prozent das Fungizid Carbendazim. Immerhin: In keinem der untersuchten Produkte wurde der zulässige Grenzwert überschritten.
saldo konfrontierte die Migros mit der irreführenden Deklaration. Der orange Riese will nun reagieren.
«Die Kunden können die Bezeichnung missverstehen», sagt Migros-Mediensprecherin Monika Weibel. «In Zukunft werden wir daher das Preisschild mit dem Hinweis “Schale nach der Ernte unbehandelt” ergänzen.» Ausserdem wolle man abklären, ob der Hinweis in französischer Sprache auf der Folie zusätzlich auch in Deutsch aufgedruckt werden könne.
Auch dann gilt aber: Wer Zitronenschalen zum Kochen oder Backen benötigt oder einen Zitronenschnitz ohne Pestizide in seinem Getränk will, kauft am besten Bio-Früchte.
27. Juni 2007 | Marc Mair-Noack
