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Artikel | saldo 8/2007

Werbung mit versteckten Karten

Immer mehr Kosmetikfirmen bewerben ihre Produkte mit dem Prädikat «klinisch getestet». Die Tests wollen sie jedoch nicht offenlegen.

Die Konzerne preisen die Wirksamkeit ihrer Produkte mit grossen Buchstaben an - und mit Zahlen. So verspricht Vichys Cellulite-Pflege: «Die K?rpersilhouette ist wie “remodelliert”. Bei 9 von 10 Frauen. Nach 1 Monat*.» Was das Sternchen bedeutet, sieht nur, wer genau hinschaut. In minimaler Schriftgr?sse verweist Vichy auf eine klinische Studie mit 50 Frauen.

Est?e Lauder prophezeit mit dem Anti-Falten-Stift um bis zu 54 Prozent gemilderte Augenf?ltchen, gest?tzt auf einen klinischen Test mit 22 Frauen. Und die Tagescreme von Dr. Pierre Ricaud soll die Zellerneuerung um durchschnittlich 27 Prozent beschleunigen. Belegt wird diese Aussage durch einen wissenschaftlichen Test - mit gerade mal 11 Frauen.


Studien werden von den Herstellern selbst finanziert

Dies sind nur drei Inserate von vielen, die saldo vorliegen. Das Muster ist immer dasselbe: Die Hersteller zeigen mit Zahlen, welch scheinbar fantastisches Ergebnis mit dem Produkt erzielt werden kann. Im Kleingedruckten belegen sie die Aussagen anhand von «Tests», «wissenschaftlichen Tests» oder gar «klinischen Studien». Auffallend ist die meist geringe Anzahl Teilnehmer.

saldo hat verschiedene Konzerne mit deren Inseraten konfrontiert und sie um Einsicht in die Testergebnisse gebeten. «Wir k?nnen die Studien aus Konkurrenzgr?nden nicht vorlegen», sagt Danielle Bryner, Sprecherin von L’Or?al. Gleich vier Marken des Kosmetikriesen werben derzeit mit Tests: Garnier, Biotherm, Vichy und Inn?ov. Laut Bryner werden die Studien gr?sstenteils in unabh?ngigen Forschungszentren durchgef?hrt. Doch wie unabh?ngig sind diese Labors tats?chlich? Was die Hersteller nicht bestreiten: Die Untersuchungen werden von ihnen selbst finanziert. Was bedeutet, dass letztlich die Kosmetikfirmen die Testanlage bestimmen.

Auch Est?e Lauder will die Ergebnisse nicht offenlegen. «Die Resultate sind unser Eigentum», sagt Daniel Maes, Leiter Forschung und Entwicklung bei Est?e Lauder USA. «Wir gew?hren jedoch Einblick, wenn wir dazu verpflichtet werden, zum Beispiel von wichtigen Regierungsbeh?rden.» Zu der Tatsache, dass beim aktuellen Test nur 22 Frauen miteinbezogen wurden, meint Maes: «Die Genauigkeit der verwendeten Methode ist wichtiger als die Anzahl Testpersonen.»

Eher in die Karten blicken l?sst sich Weleda. Zwar wird im Inserat f?r das Birken-Cellulite-?l gar nicht erst verraten, wie viele Personen am Test teilgenommen haben. Auf Anfrage aber legt Weleda-Sprecher Michael Leuenberger ohne Z?gern offen: «Es waren 35 Frauen.» Weshalb diese Zahl verschwiegen wurde, ist f?r ihn nicht verst?ndlich. «Der Ordner mit den Untersuchungen k?nnte bei Weleda eingesehen werden», beteuert Leuenberger.


Kosmetikwerbung: Grosser Spielraum bei der Anpreisung

In der Schweiz sind die Kantonschemiker f?r die Beurteilung und Beanstandung der Kosmetikwerbung zust?ndig. Bei ihnen stossen die Inserate auf Kritik. «F?r streng wissenschaftliche Tests sind 10 bis 50 Personen sicher zu wenig», sagt der Berner Kantonschemiker Otmar Deflorin. «Da in unserem Land jedoch kein T?uschungsschutz f?r Gebrauchsgegenst?nde existiert, haben die Kosmetikfirmen einen relativ grossen Spielraum bei der Anpreisung ihrer Produkte.»

Die Kantonschemiker k?nnen erst dann eingreifen, wenn eine Gesundheitsgef?hrdung besteht. Oder eine innere oder heilende Wirkung versprochen wird. Und genau hier gehen laut Martin Brunner, stellvertretender Z?rcher Kantonschemiker, einige der Inserate zu weit. «Die Begriffe “klinischer Test” oder “Studien” verleiht den Produkten zus?tzlich den Anschein eines Heilmittels», kritisiert Brunner. «Dies ist f?r Kosmetika nicht zul?ssig und kann f?r Konsumenten irref?hrend sein.» Bis heute wurde jedoch noch kein Inserat allein wegen des Verweises auf klinische Tests beanstandet.

02. Mai 2007 | Sabine Rindlisbacher


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