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Artikel | Gesundheits-Tipp 4/2007

«Man nimmt uns nicht als Familie wahr» - Marianne Fassbind, 33, und Tina Müller, 30

Seit anderthalb Jahren lebt Tina Müller mit ihrer Partnerin Marianne Fassbind und deren Tochter Selina zusammen. Die neue Lebensform irritiert Verwandte und Behörden.

Fiel Ihnen der Entscheid fürs Zusammenziehen leicht?
Tina Müller: Nein. Ich war zuerst nicht sicher, ob ich der Aufgabe gewachsen sein würde, zusammen mit meiner Partnerin deren Tochter zu erziehen. Wenn man schwanger ist, hat man neun Monate Zeit, um sich auf das Leben mit einem Kind vorzubereiten. Ich musste ins kalte Wasser springen.

Was haben Ihre Verwandten dazu gesagt?
Marianne Fassbind: Ich habe nur positive Stimmen gehört. Meine Eltern bedauerten einzig, dass ihr Enkelkind Selina jetzt weiter weg lebt. Vorher haben wir Tür an Tür gewohnt.
Tina Müller: Meine Eltern nehmen uns bis jetzt nicht als Familie wahr. Das werfe ich ihnen aber nicht vor. Sie brauchen einfach etwas Zeit, um in ihre neue Rolle zu wachsen. Für meine Verwandten ging ja alles sehr schnell: Plötzlich war nicht nur eine neue Partnerin da, sondern gleichzeitig auch noch ein sechsjähriges Kind.

Wie hat Selina darauf reagiert, dass plötzlich zwei Frauen im Haus waren?
Tina Müller: Selina hat mich offen aufgenommen. Ich wollte mich ihr aber nicht sofort als zweite Mutter aufdrängen. Ich möchte zusammen mit ihr herausfinden, was für eine Beziehung wir haben wollen.
Marianne Fassbind: Meine Tochter hat schnell Vertrauen zu meiner Partnerin gefasst. Als Selina an ihrem Geburtstag stürzte und sich weh tat, lief sie weinend zu Tina.
In solchen Situationen gebe ich mir Mühe, mich zurückzuhalten.
Wenn Tina da ist, muss ich nicht auch noch springen, um Selina zu trösten.

Verstehen Sie sich beide als Selinas Mütter?
Marianne Fassbind: Ja. Es ist für uns wichtig, die Betreuungs- und Erziehungsaufgaben zu teilen.
Tina Müller: Ich bin selber in einer Patchworkfamilie aufgewachsen. Darum weiss ich, dass ich für Selina immer eine Art Stiefmutter bleiben werde. Aber unsere Beziehung wird enger, je länger wir zusammenleben. Selina bedeutet mir mehr als andere Kinder.

Ich kann mir vorstellen, dass Selinas Freundinnen verwirrt sind, wenn sie hören, dass sie zwei Mütter hat.
Tina Müller: Ja, das lässt sich nicht vermeiden. In diesem Alter verstehen es die Kinder noch nicht ganz, was es bedeutet, wenn zwei Frauen als Paar zusammenleben. Ein Mädchen fragt uns immer wieder, ob wir Zwillinge seien. Das finde ich lustig.
Marianne Fassbind: Auch Erwachsene sind manchmal verwirrt. Sie glauben, ich würde mit Tina in einer Wohngemeinschaft leben. Sie können sich nicht vorstellen, dass man gleichzeitig lesbisch und Mutter sein kann. Ich muss ihnen dann erklären, dass wir keine Wohngemeinschaft sind, sondern ein lesbisches Paar mit Kind. Auch Behörden und Institutionen reagieren manchmal seltsam.

Wie reagieren denn die Behörden?
Marianne Fassbind: Oft erwarten sie, dass ein Mann im Haushalt der Chef ist. Als ich Selina für die Schule angemeldet habe, kam ein Brief, der an Herrn Fassbind adressiert war. Mich stört auch, dass uns nicht alle Organisationen als Familie akzeptieren. Wir haben zwar eine Familienkarte der SBB. Aber wir dürfen zum Beispiel bei der Paraplegikerstiftung nicht als Familie Mitglied werden.

Fachleute sagen, dass Kinder auch männliche Vorbilder brauchen. Hat Selina in dieser Hinsicht nicht ein Manko?
Marianne Fassbind: Nein. Selina verbringt jedes zweite Wochenende bei ihrem Vater. Sie sieht auch regelmässig ihren Grossvater und ihren Götti. Sie hat also genügend Kontakt zu männlichen Bezugspersonen. Im Übrigen kommt es auch in sogenannt normalen Familien vor, dass die Kinder wenig Kontakt zum Vater haben, weil er mehr Zeit im Büro verbringt als zu Hause.
Tina Müller: Selina hat zwar weniger Kontakt zu ihrem Vater als früher, als sie mit ihm unter einem Dach lebte. Dafür kann sie sich mit zwei Frauentypen auseinander setzen. Das ist für sie auch ein Vorteil.

Möchten Sie noch mehr Kinder haben?
Marianne Fassbind: Im Moment nicht. Ich geniesse es, Selinas Mutter zu sein. Damit bin ich zufrieden.
Tina Müller: Ich könnte mir nicht vorstellen, einen Mann zu suchen, um mit ihm ein Kind zu zeugen, oder mich im Ausland künstlich befruchten zu lassen. In der Schweiz ist das nicht erlaubt. Als lesbisches Paar dürfen wir leider keine Kinder adoptieren. Und das bedaure ich sehr.

Seit Anfang Jahr können homosexuelle Paare ihre Partnerschaft registrieren lassen. Möchten Sie das machen?
Marianne Fassbind: Ich könnte mir das vorstellen. Im Moment ist es aber nicht möglich, unsere Partnerschaft zu registrieren, weil ich vor der Scheidung mit meinem Ex-Partner stehe.
Tina Müller: Ich bin innerlich noch nicht bereit für die Registrierung. Zudem würde sie mir im Alltag für unser Zusammenleben als Familie wenig nützen. Zwar könnte uns die Registrierung einen Schutz in Notsituationen bieten. Sie sollte aber in erster Linie eine Herzensangelegenheit sein.



Marianne Fassbind und Tina Müller

Marianne Fassbind und Tina Müller wohnen seit eineinhalb Jahren in der Lenzburger Altstadt mit der siebenjährigen Selina, der Tochter von Marianne Fassbind.

Beide Frauen arbeiten Teilzeit - Tina Müller in einem Jugendheim, Marianne Fassbind in einer Tagesschule. In der Selbsthilfegruppe «Frauenliebende Mütter» tauschen sie regelmässig ihre Erfahrungen aus mit anderen lesbischen Paaren, die auch Kinder haben.

18. April 2007 | Andreas Gossweiler


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