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Fachleute üben Kritik am neu zugelassenen Impfstoff. Behörden entscheiden in wenigen Wochen, ob sie die Impfung auch für 9-Jährige empfehlen wollen.
Eine «neue Ära» im Kampf gegen den Krebs habe begonnen, jubelt die Firma Sanofi Pasteur MSD. «Der erste und einzige Impfstoff zur Vorbeugung gegen Krebs am Gebärmutterhals ist da.» So wirbt der amerikanisch-französische Pharmamulti für den Impfstoff Gardasil.
Die Impfung ist seit Januar auf dem Schweizer Markt. Sie soll Frauen vor einer Ansteckung mit Humanen Papilloma-Viren (HPV) schützen. Diese werden beim Geschlechtsverkehr übertragen. Jedes Jahr erkranken in der Schweiz etwa 400 Frauen an Krebs, der durch diese Viren verursacht wird.
Die Eidgenössische Kommission für Impffragen will diesen Frühling entscheiden, ob sie Gardasil für alle weiblichen Teenager zwischen 9 und 14 Jahren empfehlen soll. Damit die Impfung wirkt, ist es laut Hersteller zwingend, junge Frauen vor dem ersten Sex zu impfen.
Schützt vor zwei Virus-Typen - von insgesamt dreizehn
Doch der Impfstoff wirkt nur beschränkt. Er schützt vor den gefährlichen Virus-Typen HPV 16 und 18. Diese sind für 70 Prozent der Krebsfälle verantwortlich. Es gibt jedoch elf weitere Virus-Typen, die Krebs am Gebärmutterhals auslösen können. Einen 100-prozentigen Schutz gegen HPV-Viren garantiert die neue Impfung also nicht. Der Impfexperte Martin Hirte warnt: «Mit der Impfung darf sich deshalb keine Frau in falscher Sicherheit wiegen.»
Für den deutschen Kinderarzt und Impfexperten gibt es zu viele offene Fragen: Zwar schützt der Impfstoff vor dem Virus, doch bisher ist unklar, ob der Impfstoff auch tatsächlich Krebsfälle verhindert. «Der wissenschaftliche Beweis fehlt letztlich», sagt Hirte. In den vom Hersteller Sanofi Pasteur MSD veröffentlichten Studienberichten sei zwar keine der geimpften Frauen an Gebärmutterhalskrebs erkrankt. «Aber auch bei den Frauen, die in der Studie keine Impfung erhielten, trat bisher kein Krebs auf», sagt Hirte.
Der Nachweis der Wirkung beschränke sich bislang auf das Vorhandensein von Abwehrstoffen im Blut der Studienteilnehmerinnen. Die Forscher hatten die Stoffe noch Monate nach der Impfung nachweisen können. «Rein rechnerisch reduziert sich bei den Geimpften das Risiko für Gebärmutterhalskrebs um etwa 40 Prozent», erklärt Martin Hirte. «Belege dafür stehen aber aus.»
«Keine der geimpften Frauen ist bisher an Krebs erkrankt»
Wie viele Jahre die Impfung gegen Infektionen durch das HPV-Virus schützt, ist ebenfalls unklar. Die Impfstudien laufen seit weniger als fünf Jahren. Zwischen der Ansteckung mit Papilloma-Viren und einer Krebskrankheit liegen jedoch durchschnittlich acht bis zwölf Jahre.
Sanofi Pasteur MSD bestätigt: Studien müssen erst noch zeigen, wie lange die Impfung schützt. «Die Impfung ist aber wirksam und verträglich», sagt Firmensprecherin Bettina Tanner Croce. Über 20 000 Frauen hätten mittlerweile an den Studien teilgenommen. «Keine der geimpften Frauen ist bisher an Krebs erkrankt.» Bei der Gruppe, die nicht geimpft wurde, habe es jedoch einige Fälle mit HPV-Ansteckung gegeben.
Kritiker befürchten, dass sich geimpfte Frauen vermehrt mit Papilloma-Viren anstecken, gegen die der Impfstoff nicht wirkt. Der Hersteller hat das bis heute nicht ausschliessen können.
Martin Hirte warnt zudem vor Nebenwirkungen, die im Laufe der Zeit noch auftauchen könnten. Sanofi Pasteur MSD habe diese zu wenig erforscht. Da der Impfstoff neu ist, kann der Hersteller nur kurzfristige Nebenwirkungen nennen: Die Einstichstellen schmerzen, schwellen an und röten sich - dies bei immerhin rund 85 Prozent der Geimpften. Hirte fordert deshalb ein Meldesystem für Nebenwirkungen.
Der Impfschutz kostet über 700 Franken
Der Preis für den Schutz ist zudem extrem hoch: Die drei Impfdosen kosten je 237 Franken. Die komplette Impfung kommt somit auf 711 Franken. Zum Vergleich: Eine Grippe-Impfung kostet lediglich etwa 20 Franken.
Die Krankenkassen drohen deshalb mit finanziellen Konsequenzen für die Frauen. Bisher war ein Abstrich der gängige Weg, um Gebärmutterhalskrebs frühzeitig zu erkennen. Die Kassen bezahlten bis anhin diese Vorsorgeuntersuchungen.
Wird die Schutz-Impfung aber in die Schweizer Impfempfehlungen aufgenommen, wollen die Krankenkassen nur noch die Impfung bezahlen. Beides sei finanziell nicht möglich, sagt Peter Marbet, Sprecher des Krankenkassen-Verbandes Santésuisse.
Das beunruhigt Ärztin Eva Ebnöther von der Krebsliga Schweiz. Denn die Impfung wirkt ja nur gegen zwei der dreizehn krebserregenden Papilloma-Viren: «Geimpfte Frauen können deshalb nicht auf einen regelmässigen Krebsabstrich verzichten.»
Kondome schützen vor den Viren
- Benutzen Sie Kondome. Sie schützen zuverlässig gegen Papilloma-Viren.
- Frauen sollten beim Gynäkologen alle drei Jahre einen Krebsabstrich machen lassen.
Während des Eisprungs durchgeführt, ist der Test am aussagekräftigsten. Er ist aber fehler- anfällig: Lassen Sie den Abstrich bei unklarem Befund von zwei Labors begutachten.
- Hören Sie auf zu rauchen. Die Zellen der Gebärmutter speichern das Nikotin, was eine Reizung und damit eine Zellveränderung begünstigt.
- In Weizenkeimöl getränkte Minitampons, die Frauen über Nacht tragen sollten, können Reizungen mildern.
- Hauptüberträger der Viren sind Männer. Wer herausfinden will, ob er Träger von riskanten HPV-Viren ist, lässt beim Arzt einen Genitalabstrich machen.
Merkblatt Impfen
Gratis zum Herunterladen unter www.gesundheitstipp.ch oder zu bestellen gegen ein frankiertes C5-Couvert bei: Redaktion Gesundheitstipp, «Impfen», Postfach 277, 8024 Zürich.
21. Februar 2007 | Gabriela Braun
