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Pornografie ist leichter zugänglich denn je. Nicht nur Jugendliche können mit der Flut der Bilder schlecht umgehen - auch Erwachsene verlieren jegliche Kontrolle.
Kaum hatte der 56-jährige R.H. zu Hause Zugang zum Internet, schnappte die Falle zu: Mails mit pornogra?schem Inhalt gelangten ungefragt in seinen Posteingang. Aus Neugierde öffnete er sie und klickte auf die mitgelieferten Gratis-Porno?lmchen. Anschliessend löschte er die Mails.
Doch R.H. richtete keine Filter ein, um sich gegen solche Mails zu schützen. Im Gegenteil: Er öffnete alle Mails und begann, die Filme und Fotos auf der Festplatte zu speichern. So konnte er sie wieder angucken. Doch bald reichten die kurzen Filmchen nicht mehr. Er wollte längere Sequenzen sehen und loggte sich auf einer der zahlreichen Sexseiten ein. Dort stiess R.H. auf ein attraktives Angebot: Fünf Tage lang Porno?lme für einen Fünfliber - ein Probeabo. «Ich dachte, danach wäre es vorbei, meine Neugierde gestillt. Aber als ich nach fünf Tagen vor der Wahl stand, das Abo zu erneuern oder zu löschen, erneuerte ich es. Ich konnte einfach nicht anders.»
Das anonyme Internet ist verführerisch für Einsteiger
R.H. zeigte immer mehr Symptome einer Sexsucht: Er nutzte jede Minute, um Filme anzuschauen, und masturbierte dabei. Bald war er unfähig, sein Verhalten zu kontrollieren. Die Suche nach pornografischen Bildern und sexuellen Höhepunkten wurde zum Zwang. Zunehmend schweiften seine Gedanken bei der Arbeit ab. R.H. versteht auch heute sein süchtiges Verhalten kaum: «Ich rauche nicht, und wenn ich eine Flasche Wein aufmache, kann ich sehr gut nur ein Glas trinken.» Beim Internet funktioniere das nicht: «Ich habe nie gelernt, damit umzugehen.» Seine Sexsucht belastet die Beziehung zu seiner Lebenspartnerin enorm (siehe ihre Berichte auf Seite 18).
Zwar sucht nicht jeder Sexsüchtige das Internet auf. Der St. Galler Sexual- und Paartherapeut Karl Weilbach erwartet aber, dass die Zahl der Sexsüchtigen durch das Internet kontinuierlich steigen wird. Denn das anonyme Netz ist verführerisch für Einsteiger - und auch für bereits Abhängige. Klaus Heer, Paartherapeut in Bern: «Gute Sexualität in einer Beziehung bedeutet Aufwand, Risiko, Überwinden von Hemmungen.» Das Internet hingegen sei wie ein Nebenzimmer, in das man sich bequem zurückziehen könne.
Die Pornoindustrie wendet simple, aber wirksame Strategien an. So zeigen Gratis?lme und Sonderangebote Ausschnitte, die Lust auf mehr machen sollen. Wer den ganzen Film bis zum Höhepunkt sehen will, muss ein Abo kaufen. Viele, die Karl Weilbachs Praxis aufsuchen, glauben, etwas zu verpassen, wenn sie den Film nicht weitersehen: «Sie suchen nach Superlativen. Die Folge davon ist Unersättlichkeit.»
Die Taktik der Industrie geht auf. Porno?lmproduzent Ivo Ganz, Geschäftsführer der Eastside Studios in Goldach, rechnet mit 10 000 bis 20 000 neu verkauften Abos pro Monat in der Schweiz.
Pornokonsumenten im Internet sind vor allem Männer. Claus Buddeberg, Leiter der Sexualmedizinischen Sprechstunde am Unispital Zürich, weiss aus klinischer Erfahrung: «Das pornogra?sche Angebot im Internet wird vor allem von Männern genutzt, die enttäuscht sind von ihren Sexualbeziehungen. Wer in der Realität zurückgewiesen wird, kann sich im Internet in eine virtuelle sexuelle Scheinwelt flüchten.»
Doch die bricht bald zusammen. Karl Weilbach sagt: «Es kommt bei den Betroffenen eine Leere auf, weil das Internet sie nicht wertschätzen kann wie eine reale Partnerin.»
Auch R.H. wollte die «üppigen Frauen» aus dem Internet anfassen und suchte eine Prostituierte auf - zum ersten Mal. «Ich wollte das, was ich im Internet sah, ausleben.»
Doch der Betrachter kann die inszenierte Internet-Pornogra?e in der Realität kaum umsetzen. Wichtige Elemente von Pornogra?e sind Macht, Dominanz und Leistungsfähigkeit. Oft werden Frauen dabei so dargestellt, als ob sie auch erniedrigende Sex-Praktiken geniessen würden. Karl Weilbach: «Der Schmerz eines anderen Menschen wird als etwas Lustbetontes dargestellt. Daraus entsteht der Eindruck, guter Sex müsse hart und schmerzhaft sein.»
«Unfähig, zwischen Täter und Opfer zu unterscheiden»
Weilbach stellt bei seinen Patienten Wahrnehmungsstörungen fest: «Ein Betroffener ist unfähig, in einem Film Opfer oder Täter wahrzunehmen. Er realisiert nicht, wann eine Szene gewaltsam ist und wann nicht. Er kann nicht unterscheiden zwischen durchgesetztem gewaltsamem und normalem Sex. Er ist degeneriert.»
Die verzerrte Darstellung der Realität ist vor allem auch für Jugendliche gefährlich, die wenig sexuelle Erfahrung haben. Auch jenen, die beschuldigt werden, kürzlich in Zürich Seebach eine 13-jährige Schülerin vergewaltigt zu haben, könnte dies zum Verhängnis geworden sein. Die Tat wühlte die Schweiz auf.
Wege aus der Sexsucht gibt es meist erst, wenn die Katastrophe bereits da ist: eine kaputte Partnerschaft, eine öffentliche Blossstellung oder ein ruinierter sozialer Status. Bei R.H. ist das nicht anders. Seine Beziehung ist ein Scherbenhaufen, seine Partnerin droht auszuziehen. Noch hoffen sie, dank Therapien aus dem Schlamassel wieder herauszukommen.
So erkennen Sie Sexsucht
- Die sexuelle Befriedigung wird zwanghaft, die sexuelle Aktivität wird unkontrollierbar.
- Die Sucht braucht immer mehr Zeit und Geld.
- Betroffene wechseln ihre Sexualpartner häufig, Sex bleibt oft anonym und emotionslos.
- Sexualität wird zur Ware, für die man bezahlt.
Hier finden Sie Hilfe und Infos
Holen Sie professionelle Hilfe von einem Therapeuten, zum Beispiel:
- Sexualmedizinische Sprechstunde Unispital Zürich, Tel. 044 255 50 09
- Psychotherapeutische Praxisstelle in Bern, Tel. 031 631 45 81
- Sprechstunde für Sexualberatung, Uniklinik Basel, Tel. 061 265 93 93
Selbsthilfegruppen und Infos
- www.slaa.ch
- www.kosch.ch
- www.lustundfrust.ch
- www.stopp-kinderpornografie.ch
R.H., Sexsüchtiger
Für mich war jener Sonntag im September 2005 ein Schock. Es war schlimm, dass meine Partnerin merkte, was ich trieb. Ich glaube, heute könnte ich dank der Therapien anders reagieren. Auch wenn es noch Überwindung bräuchte, könnte ich dazu stehen und würde nicht alles abstreiten. Aber damals hatte ich eine Mauer um mich herum aufgebaut. Danach fing sie an, mich zu kontrollieren. Das störte mich extrem.
Irgendwann reichten mir die Filme nicht mehr. Ich wollte diese üppigen Frauen, die ich im Internet sah, anfassen. Deshalb ging ich zu einer Prostituierten. Die stellte mir keine Fragen. Auch wenn der sexuelle Kontakt zu meiner Partnerin gut war, wollte ich das, was ich im Internet sah, mit einer anderen erleben. Bei der Partnerin muss man sich mehr engagieren und Gefühle einbringen. Zudem war es einmal ein anderer Körper. Mit Liebe hatte das ganz und gar nichts zu tun.
Als ich das erste Mal zu dieser Prostituierten im Sexclub fuhr, fühlte ich mich unsicher. Trotzdem war der unüberwindbare innere Drang da. Kaum war es vorüber, hatte ich Selbstzweifel und bekam Angst: Wenn es jemand erfahren würde? Seitensprünge waren für mich hingegen nie ein Thema. Zu einer Prostituierten zu gehen, finde ich viel weniger schlimm, als mit der Frau eines Kollegen zu schlafen.
Ich wuchs in einem Bauerndorf auf. Ich lernte nie, über Gefühle zu reden, über Sexualität schon gar nicht. Meine Gefühlswelt ist klein, das stimmt. Meine Partnerin ist ein Gefühlsmensch, sie braucht mehr Wertschätzung, Aufmerksamkeit und Zeit.
Ich versuche jetzt vermehrt, ihr Komplimente zu machen und nett zu sein. Doch das ist wahrscheinlich zu wenig. Ich will die Beziehung noch nicht aufgeben, diese Frau bedeutet mir viel. Aber die Partnerschaft hat sich stark verändert. Meine Partnerin ist zutiefst verletzt. Ich kann das, ehrlich gesagt, nicht ganz verstehen. Ich empfinde die Situation als harmloser als sie.
Partnerin von R.H.
Diesen schrecklichen Sonntag im September 2005 werde ich nie vergessen. Mein Partner sah sich oben in seinem Büro einen Pornofilm an und hatte offenbar nicht realisiert, dass ich auch zu Hause war. Er stöhnte und holte sich einen runter. Als ich ihn fragte, was er gerade gemacht habe, wollte er nichts sagen und stritt alles ab. Mir wurde übel. Erst ein paar Wochen später gab er zu, dass er sich Pornofilme angucke, sich selber dabei befriedige. Er schämte sich dafür.
Ich fing an, ihn zu kontrollieren, auch wenn ich das eigentlich gar nicht wollte und zuvor auch noch nie getan hatte. Ich stellte fest, dass er bereits Mitglied war bei einer Sexseite und ein Abo gekauft hatte. Über meine Kontrollen regte er sich mächtig auf und sagte: «Jetzt fängst du auch noch an mich zu kontrollieren - meine Mutter hat das schon immer getan.»
Völlig abgelöscht hatte es mir, als ich den Kassenzettel eines Sexclubs fand. Das war im vergangenen Mai. 360 Franken hatte er bezahlt für eine Stunde mit einer Prostituierten. Er gab zu, bereits wenige Wochen zuvor zweimal dort gewesen zu sein. Das war schlimmer für mich, als wenn er mich mit meiner Freundin betrogen hätte. Seit jenem Tag schlafen wir in getrennten Zimmern. Er hatte sich entschuldigt und gesagt, er wisse nicht, warum er es getan habe.
Er kann nicht über seine Gefühle reden, schon gar nicht Gefühle zeigen. Er hat mich nicht in sein Leben miteinbezogen. Dabei hätten wir uns doch zum Beispiel auch gemeinsam einen Pornofilm anschauen können. Ich schlug ihm auch vor zu mir zu kommen, wenn er grosse Lust auf Sex verspürt. Er kam nie.
Heute, nach all diesen Verletzungen, liebe ich ihn nicht mehr. Im Gegenteil, ich hasse ihn. Ich kann nicht mehr zu ihm stehen. Ich meide Veranstaltungen, an die wir zusammen gehen und Bekannte treffen. Trotz allem hoffe ich noch, dass alles wieder gut wird. Ich verlasse ihn aber, wenn wieder etwas passiert.
(ms)
24. Januar 2007
