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Ultrafeine Staubteilchen von Dieselmotoren dringen ungehindert in den Kern von Zellen und ins Gehirn ein. Der Gesundheitstipp hat die Partikel erstmals gemessen.
Am Morgen hat es noch geregnet. Jetzt hängen graue Wolken über Basel, die Fahrbahn der Feldbergstrasse ist nass. Ein Auto nach dem anderen braust vorbei.
Auf einem Parkplatz direkt an der Durchgangsstrasse steht ein schwarzer Volvo Kombi: das Redaktionsauto des Gesundheitstipp. Ein Fenster des Volvo ist einen Spaltbreit geöffnet und ein dünner Plastikschlauch hängt heraus. Ein Gerät saugt durch den Schlauch die Aussenluft an. Jede Sekunde misst es die Anzahl Feinstaubteilchen pro Kubikzentimeter Luft.
Nach einer Stunde zeigt sich, wie dreckig die Luft ist: Ein Kubikzentimeter enthält durchschnittlich rund 35 000 Staubteilchen. Das heisst: Die Passanten auf dem Trottoir der Feldbergstrasse atmen mit jedem Atemzug Millionen von winzigen Feinstaubteilchen ein. Wenn ein Dieselauto mit russendem Auspuff vorbeifährt, enthält bereits ein einziger Kubikzentimeter Luft mehr als eine Million Teilchen.
Ein neues Gerät zählt die gefährlichen Staubteilchen
An insgesamt acht Standorten in der ganzen Deutschschweiz hat der Gesundheitstipp die Anzahl Feinstaubteilchen in der Luft gemessen (siehe Grafik). Dabei zeigte sich:
In unmittelbarer Nähe von stark befahrenen Strassen ist die Belastung besonders hoch.
Auch an der Zürichstrasse in Luzern und am Bollwerk in Bern mass der Gesundheitstipp hohe Werte. Stark belastet ist auch der Seidenweg in Bern - auf den ersten Blick eine ruhige Quartierstrasse. Doch im Lauf einer Stunde stellt sich heraus: Die Einfahrt in die Tiefgarage eines Migros-Einkaufszentrums zieht viel Verkehr an.
Gemessen hat der Gesundheitstipp mit einem neuen Gerät, das die Fachhochschule Nordwestschweiz in Windisch entwickelt hat. Es ist das erste tragbare Gerät, das auch ultrafeine Staubteilchen messen kann. Diese Winzlinge sind eine Million Mal leichter als normaler Feinstaub. Eine herkömmliche Messung gibt über sie keinen Aufschluss. Das Gerät der Fachhochschule Nordwestschweiz misst nicht das Gewicht des Feinstaubs, sondern die Anzahl Teilchen. Damit erfasst es auch winzige Russpartikel, die von Dieselmotoren ausgestossen werden. Sie sind nur gerade 0,08 Mikrometer gross - also kleiner als ein zehntausendstel Millimeter - und enthalten zahlreiche Stoffe, die Krebs auslösen können.
Peter Gehr ist Professor für Anatomie an der Universität Bern. Er leitet mehrere Forschungsprojekte zu diesen ultrafeinen Teilchen. Seine Erkenntnisse sind besorgniserregend: «Je kleiner ein Teilchen ist, desto tiefer dringt es in die Lunge ein und desto länger bleibt es dort. Ein Teil bleibt für immer in der Lunge.» Doch damit nicht genug: Die Teilchen gelangen in der Lunge auch ins Blut und in die roten Blutkörperchen und verteilen sich so im ganzen Körper. Gehr: «Ultrafeine Teilchen konnte man sogar im Zellkern nachweisen - also dort, wo das Erbmaterial ist.»
Sogar im Gehirn haben Forscher die gefährlichen Winzlinge gefunden: Sie gelangten via Blut aus der Lunge dorthin. «Offensichtlich werden sie aber auch von den Riechnerven in der Nase aufgenommen und direkt ins Gehirn transportiert», sagt Peter Gehr. Dort können sie Entzündungsreaktionen auslösen, wie sie auch als Vorläufer von Alzheimer bekannt sind.
Gute Partikelfilter halten 95 Prozent des Staubs zurück
Über den direkten Zusammenhang zwischen Ultrafeinstaub und einzelnen Krankheiten wisse man zwar noch wenig, sagt Gehr. «Aber schon die Erkenntnisse von heute sollten Grund genug sein, sofort alle Dieselfahrzeuge mit Partikelfiltern auszurüsten.» Gute Partikelfilter halten über 95 Prozent des Feinstaubs zurück, auch ultrafeine Teilchen (siehe auch K-Tipp 1/07 «Dreckschleuder in der Mogelpackung»).
Auch Roberto Mona vom Basler Lufthygiene-Amt stösst ins gleiche Horn: «Die Messung des Gesundheitstipps zeigt, dass Dieselfahrzeuge mit Partikelfiltern ausgerüstet werden müssen.»
Die hohen Werte, die der Gesundheitstipp in Basel gemessen hat, überraschen Mona nicht: «Die Feldbergstrasse ist stark belastet», räumt er ein. Auch von anderen Schadstoffen messe man dort hohe Werte.
Auch Peter Schmidli von der Umweltschutz-Stelle der Stadt Luzern sagt: «Die Luft an stark befahrenen Strassen enthält viel zu viele Teilchen.» Bei der Zürichstrasse komme hinzu, dass es sich um eine schlecht durchlüftete Strassenschlucht handle.
Der Bundesrat will ein Filter-Obligatorium für Diesel
Eher wenig Ultrafeinstaub hatte es dagegen in den Zentren der Landgemeinden Hallwil AG und Trubschachen im Emmental. Der tiefste Wert stammt aber aus der Stadt Zürich: Auf dem Pausenplatz des Schulhauses Rebhügel in Zürich-Wiedikon mass der Gesundheitstipp durchschnittlich knapp 3400 Teilchen. Der Grund: Das Schulhaus liegt etwas erhöht - und vor allem fliesst in unmittelbarer Nähe praktisch kein Verkehr.
Nun will die Politik dem Feinstaub Einhalt gebieten. In der EU müssen neue Dieselfahrzeuge ab 2009 einen Partikelfilter haben. Für die Schweiz sagte der Bundesrat letzten Sommer, er wolle den Filter schon früher vorschreiben. Laut Elisabeth Maret, Mediensprecherin des Bundesamts für Umwelt, will der Bundesrat «in den kommenden Wochen» bekannt geben, ob und wann die Filter in der Schweiz obligatorisch werden.
«Je kleiner die Staubteilchen, desto tiefer dringen sie in die Lunge ein»
Peter Gehr, Professor für Anatomie an der Universität Bern
24. Januar 2007 | Christian Egg
