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Artikel | Gesundheits-Tipp 10/2006

Unnötig Zähne gezogen - wegen «Leichengift»

Ein «ganzheitlicher» Zahnarzt - das klingt nach sanfter Medizin. Doch einige dieser Zahnärzte ziehen ihren Patienten Zähne, ohne dass dies notwendig wäre. Auch Patient Peter Schefer machte schlechte Erfahrungen.

Am 11. Februar 2004 erreicht Peter Schefer aus Lustm?hle AR eine schlimme Nachricht. Sein Arzt teilt ihm mit, er leide an einer unheilbaren Nervenkrankheit: Amyotrophe Lateralsklerose (ALS). Seine Lebenserwartung betrage nur noch wenige Jahre.

Ein schwerer Schlag f?r den damals 44-J?hrigen: «Es war wie ein Todesurteil auf Raten. Dabei f?hlte ich mich v?llig gesund!»

Da die Schulmedizin ALS nicht heilen kann, hofft Peter Schefer auf Alternativmedizin. Ein Naturheilarzt schickt ihn zum ganzheitlichen Zahnarzt Werner Maurer. Zusammen mit Gunnar Reifert betreibt Maurer die Praxis «Integrale Zahnmedizin» in St. Gallen. Maurer macht Schefer grosse Hoffnungen: «Er versprach, den Verlauf der Krankheit zu stoppen. Er sagte mir auch, das Zittern in meinen Armen werde aufh?ren.»

Maurer entfernt ihm elf Amalgamf?llungen und zieht einen Zahn. Daneben f?hrt er verschiedene Therapien durch und verschreibt Peter Schefer neun verschiedene Medikamente. Dies alles diene dazu, den K?rper zu «entgiften», so Maurer.

8000 Franken kostet die Behandlung. Doch der versprochene Erfolg bleibt aus. «Die Krankheit schreitet immer weiter fort. Die Behandlung von Maurer konnte sie nicht stoppen», sagt Peter Schefer.
Dies hindert Maurer nicht daran zu verk?nden, er habe Peter Schefer erfolgreich behandelt. Als ihn im April 2005 «NZZ Folio» interviewt, behauptet er, Schefer habe dank seiner Behandlung «kein Zittern und keine Muskelschw?che» mehr. Emp?rt wehrt sich Peter Schefer mit einem Leserbrief.

Heute sitzt Schefer im Rollstuhl und muss sich durch eine Magensonde ern?hren. Sprechen kann er nur noch unverst?ndlich, weil die Krankheit auch seine Mundmuskeln befallen hat. Mit dem Gesundheitstipp verkehrt er deshalb am liebsten per Mail - doch auch dies geht nur m?hsam: Er kann noch mit einem einzigen Finger tippen.


«Der Zahnarzt versicherte, eine Heilung sei m?glich»

«ALS ist eine heimt?ckische und ausweglose Krankheit», schreibt Peter Schefer. Oft verliere er die Hoffnung. «Diese Verzweiflung n?tzte Maurer aus, indem er mir versicherte, er kenne die Ursachen meiner Krankheit, und eine Heilung sei m?glich.»

Werner Maurer bestreitet, ein solches Versprechen gemacht zu haben: «Ich habe Herrn Schefer nur auf den durch mehrere Studien belegten Zusammenhang zwischen Amalgam und Nervenerkrankungen hingewiesen», schreibt er dem Gesundheitstipp. Die Kosten f?r die Behandlung bestreitet er nicht. Jedoch habe die Zahnbehandlung nur 4100 Franken gekostet, der Rest sei f?r die begleitenden Therapien gewesen.

Peter Schefer ist nicht der Einzige, der mit Maurer schlechte Erfahrungen gemacht hat. Sandra Ott (Name ge?ndert) suchte vor einigen Jahren einen ganzheitlichen Zahnarzt f?r die j?hrliche Kontrolle. Probleme mit den Z?hnen hatte sie keine. Allerdings hat sie zahlreiche F?llungen.


Alle F?llungen ersetzen, drei Z?hne ziehen: 30 000 Franken

«Zuerst einmal machte er 14 R?ntgenbilder von meinen Z?hnen», erinnert sich Sandra Ott. «Er stellte bei drei Z?hnen Eiterherde fest und schlug mir vor, diese Z?hne zu ziehen und alle F?llungen zu ersetzen.» Kostenpunkt: 30 000 Franken.

In den drei angeblich vereiterten Z?hnen - sie waren alle wurzelbehandelt - sei zudem «Leichengift», sagte Maurer. Diesen Begriff verwenden viele ganzheitliche Zahn?rzte bei wurzelbehandelten Z?hnen.

Andere ?rzte kritisieren diesen Begriff. Erwin Egloff, Zahnarzt in St. Gallen, wendet neben der Schulmedizin selber komplement?rmedizinische Methoden an, etwa Hom?opathie. «”Leichengift” ist aber ein purer Fantasiebegriff, der keine wissenschaftliche Grundlage hat. Das ist reine Bauernf?ngerei, um Laien Angst einzujagen», sagt Egloff.

Maurer schreibt dazu: «Um wurzelbehandelte Z?hne ?ndet man Giftstoffe, wie sie auch beim Verwesungsprozess gefunden werden. Die meisten Menschen k?nnen mit pr?gnanten Ausdr?cken mehr anfangen als mit wissenschaftlicher Beschreibung.» Die 14 R?ntgenbilder von Sandra Ott entspr?chen «der allgemeinen Lehrmeinung der Schulmedizin». ?hnliche Behandlungen, wie er sie Ott vorgeschlagen habe, habe er an sich selber gemacht.

Sandra Ott jedoch bekommt es mit der Angst zu tun. Sie hatte Kinderl?hmung und hinkt deshalb leicht. «Als Maurer dies bemerkte, drohte er, die Kinderl?hmung werde zur?ckkommen, wenn ich die Z?hne nicht ziehen lasse.» Mit weichen Knien habe sie die Praxis verlassen.

Sie holt eine Zweitmeinung ein. Dieser Zahnarzt erkennt keine vereiterten Z?hne und ?ndet die vorgeschlagene Behandlung unn?tig. Sie sagt alle weiteren Termine ab

Er drohe niemandem, schreibt Maurer dazu. «Ich kenne aber Studien ?ber wurzelbehandelte Z?hne, die einen Zusammenhang mit verschiedenen Nerven- und Muskelkrankheiten best?tigen.»

Sein Praxiskollege Gunnar Reifert ist der Zahnarzt von Frieda Brunner (Name ge?ndert). Sie sucht ihn wegen einer losen Krone auf. Er erkl?rt ihr, neun Z?hne seien vereitert und enthielten «Leichengift». Deshalb m?sse er sie alle ziehen.

Brunner erz?hlt Reifert, dass sie an Ekzemen und hohem Blutdruck leidet. «Da sagte er mir, das komme von den vereiterten Z?hnen», erinnert sich die 58-J?hrige. Innerhalb von drei Monaten zieht Reifert alle neun angeblich vereiterten Z?hne.

Heute steht fest: Zumindest ein Teil der gezogenen Z?hne war kerngesund. Inzwischen hat Frieda Brunner die Kantonsbeh?rden eingeschaltet. In einem zweiseitigen Brief stellt der Gesundheitsrat St. Gallen fest:
- Vor der Behandlung hat Reifert den Gesundheitszustand von Frieda Brunner nur ungen?gend erfasst.
- Er hat ihr zum Teil gesunde Z?hne gezogen.
- Er hat sie zu wenig ?ber Folgen und Kosten der Behandlung informiert.

Auch Zahnarzt Markus G?del teilt die Einsch?tzung des Gesundheitsrates. Er ist Pr?sident der Schweizerischen Gesellschaft f?r ganzheitliche Zahnmedizin. Als der Gesundheitstipp ihm den Fall schildert, sagt G?del, Gunnar Reifert habe hier die medizinische Kompetenz vermissen lassen: «Das ist ein krasser Fall.»

F?r Reifert stimmt all dies «schlichtweg nicht». Er habe Frieda Brunner «ausf?hrlich informiert und aufgekl?rt», schreibt er. Vier Z?hne seien «tot und extrem br?chig». W?hrend insgesamt neun Sitzungen habe sie nie Bedenken oder Einw?nde ge?ussert. Er behalte sich vor, «die Aussagen des Gesundheitsrates juristisch anzugehen».

Das Fazit des Gesundheitsrates ist jedenfalls klar: Insgesamt, so die Beh?rde, sei die Behandlung «fehlerhaft» und «nicht den Regeln der zahn?rztlichen Kunst entsprechend». Sie emp?ehlt Reifert, auf das Honorar zu verzichten und die Kosten f?r das Beheben des Schadens zu ?bernehmen, den er angerichtet hat. Das d?rfte nicht ganz billig werden: Brunners jetziger Zahnarzt Egloff rechnet mit rund 35 000 Franken.


Der Zusammenhang mit Beschwerden ist oft unklar

Zahn?rzte berichten von weiteren Patienten, die mit ganzheitlichen Zahn?rzten schlechte Erfahrungen gemacht haben. Anton Wetzel ist Pr?sident der Sektion St. Gallen der Schweizerischen Zahn?rztegesellschaft SSO. In den letzten f?nf Jahren hatte er in seiner Praxis «mindestens ein Dutzend Patienten», die vorher bei einem ganzheitlichen Zahnarzt waren. Wetzel: «Meist geht es darum, dass der Zahnarzt unn?tigerweise mehrere Z?hne gezogen hat oder dies zumindest tun wollte.»

Auch von Berufskollegen h?rt Wetzel immer wieder von solchen F?llen. «Einige ganzheitliche Zahn?rzte dr?ngen ihre Patienten regelrecht dazu, sich Z?hne ziehen zu lassen - obwohl v?llig unklar ist, ob ein Zusammenhang mit den Beschwerden des Patienten besteht.»

Werner Maurer schreibt, er dr?nge keine Patienten dazu, sich Z?hne ziehen zu lassen: «Der Entscheid liegt immer beim Patienten.»
Immer wieder f?llt in diesem Zusammenhang auch der Name der Paracelsus-Klinik in Lustm?hle bei St. Gallen. Mehrere Zahn?rzte berichten dem Gesundheitstipp, sie h?tten schon Patienten betreuen m?ssen, denen man in der Paracelsus-Klinik gesunde Z?hne ziehen wollte - oder denen bereits mehrere Z?hne gezogen worden waren.

Thomas Rau, ?rztlicher Leiter der Paracelsus-Klinik, schreibt dem Gesundheitstipp: «Unsere Zahn?rzte ziehen nie gesunde Z?hne. Sie ziehen nur wurzeltote Z?hne, bei denen feinenergetische Tests einen klaren Zusammenhang mit dem chronischen Leiden des Patienten ergeben haben.»

Zwar bekr?ftigen heute auch Schulmediziner, dass ein Zusammenhang zwischen Z?hnen und Krankheiten bestehen kann. Rolf Kufus, Zahnarzt aus Z?rich, sagt, er sehe dies immer wieder bei Patienten und habe es auch schon am eigenen Leib erlebt. «Das ist aber noch lange kein Grund, reihenweise Z?hne auszureissen.» Stattdessen schickt er seine Patienten zur Akupunktur.


Egloff verweist auf kommerzielle Interessen

Dem pflichtet auch Verbandspr?sident Markus G?del zu: «Weder einen vereiterten noch einen wurzelbehandelten Zahn muss man zwingend ausreissen. Leider gibt es aber einzelne Zahn?rzte und Kliniken, die genau dies tun.»

Rolf Kufus hat die Erfahrung gemacht, dass ein grosser Teil der ganzheitlichen Zahn?rzte «zu ungenau und zu wenig fundiert» arbeitet. Es gebe zwar auch seri?s ausgebildete ganzheitliche Zahn?rzte, die mit h?chster Qualit?t arbeiteten, sagt er: «Aber bei allen anderen riskiert man, viel Geld und einige Z?hne zu verlieren - ohne dass es einem danach besser geht.»

Der St. Galler Zahnarzt Erwin Egloff vermutet, dass hinter diesen unn?tigen Eingriffen ein kommerzielles Interesse steht: «Wer s?mtliche wurzelbehandelten Z?hne zieht und durch Implantate ersetzt, kann viel Geld verdienen.»

Alle kritisierten Zahn?rzte bestreiten, wegen des Geldes Z?hne zu ziehen. «Unsere ganzheitlichen Methoden», schreibt Paracelsus-Chef Rau, «sind oft viel g?nstiger als schulmedizinische Sanierungen.» Rau behauptet auch, in eigenen Umfragen seien «?ber 85 Prozent mit unseren Behandlungsresultaten zufrieden». Werner Maurer schreibt: «Ich verdiene mit dem Z?hneziehen weniger, als wenn ich den Zahn mit einer Krone versorgen w?rde.»



Streit mit dem Zahnarzt: So wehren Sie sich

- Verlangen Sie vor der Behandlung eine schriftliche Offerte.
- Bei gr?sseren Eingriffen sollte der Kostenvoranschlag mehrere Varianten umfassen. Holen Sie zudem eine Zweitmeinung ein und nehmen Sie dazu die R?ntgenbilder mit.
- Bezahlen Sie die Behandlung erst, wenn Sie damit zufrieden sind.
- K?nnen Sie sich mit dem Zahnarzt nicht einigen, verlangen Sie beim Kantonszahnarzt eine Streitschlichtung. Sie ist f?r Patienten kostenlos.
- Auch die Schweizerische Zahn?rzte-Gesellschaft SSO unterh?lt in vielen Kantonen eine Schlichtungsstelle. Die Kosten sind je nach Kanton verschieden. Infos: www. sso.ch oder Tel. 031 310 20 80.
- Bei Konflikten k?nnen Sie sich auch an die Schweizerische Patientenorganisation, Tel. 0900 567 047 (Fr. 2.13/Min.), oder an den Dachverband Schweizerischer Patientenstellen, Tel. 0900 104 123 (Fr. 2.-/Min.), wenden.



Kranke Z?hne: St?rfelder im K?rper

Aus Sicht der ganzheitlichen Zahnmedizin k?nnen kranke oder abgestorbene Z?hne im K?rper Sch?den anrichten. Ganzheitliche Zahn?rzte reden von «St?rfeldern» oder «Herden», wenn Z?hne an entfernten Stellen im K?rper Beschwerden ausl?sen. Dies ist unabh?ngig davon, ob der Zahn selber schmerzt oder nicht.

Eine Abkl?rung kostet 400 bis 800 Franken. Bevor man sich f?r eine gr?ssere Behandlung entscheidet, sollte man auf jeden Fall eine Zweitmeinung einholen.



Haben auch Sie Erfahrungen mit einem ganzheitlichen Zahnarzt gemacht? Schreiben Sie uns Ihre Erlebnisse:

Redaktion Gesundheitstipp, «Ganzheitliche Zahn?rzte», Postfach 277, 8024 Z?rich oder redaktion@gesundheitstipp.ch

11. Oktober 2006 | Christian Egg


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