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Wohnen als Lebensstil - und TV-Stoff: Einrichtungsexperten sind neu auch beim Schweizer Fernsehen auf Quotenjagd. Was die Zuschauer davon haben, bleibt nebulös.
Gezeigt werden Menschen wie du und ich. Menschen wie Familie Grun-Hofer. Sie sucht eine neue Wohnung - und erhält auf Anmeldung hin Hilfe vom Schweizer Fernsehen. In der ersten Folge der neuen Sendung «Tapetenwechsel», die seit Mitte September in sieben Folgen auf SF2 läuft, verschaffen Moderatorin Susanne Kunz sowie das Expertenduo Tatjana Glemser und Andrin Schweizer der Familie ein neues Heim mit allem Drum und Dran. Die alte Wohnung ausmisten, zügeln, die neue Wohnung einrichten lassen, ohne dafür einen Finger rühren und Geld ausgeben zu müssen - das Fernsehen machts möglich.
Das Grundmuster ist auch bei SF2 kaum anders
Obschon SF2 den «Tapetenwechsel» als «neues, eigenständiges Format» bezeichnet, wird das wohlbekannte Grundmuster nur leicht variiert: Bedarf eine abgetakelte Wohnung einer Renovation, eines neuen Anstriches oder einer Neumöblierung, ruft man beim Fernsehen an und bestellt sich einen TV-Heimwerker-Service. Ein Team aus Wohnberatern, Handwerkern und einer immer fröhlichen Moderatorin ist dann rasch zur Stelle und gestaltet ein Zimmer oder auch die ganze Wohnung neu. Diese Shows haben sich in den letzten Jahren vor allem bei den Privatsendern im deutschsprachigen Raum explosionsartig ausgebreitet (siehe Tabelle).
Natürlich kümmert sich das Fernsehen schon seit langer Zeit um die Wohnsorgen seiner Zuschauerinnen und Zuschauer: Eine «Hobbythek», der TV-Klassiker für ökologisch angehauchte Heimwerker, führte die ARD bereits seit Mitte der 70er-Jahre. Im Zeitalter der Reality-Shows geben die Experten aber nicht mehr nur theoretische Tipps, sondern krempeln gleich selber die Ärmel hoch - in «echten» Wohnungen, das soll authentischer wirken.
Allerdings: Authentisch bedeutet nicht unbedingt, dass der Zuschauer viele der Vorschläge nachvollziehen kann. Denn die Vor-Ort-Renovierung wird aus Zeitgründen - die Sendungen dauern kaum länger als eine halbe Stunde - im Zeitraffer gezeigt. Immerhin federn die meisten Sendungen ihre Inhalte mit weiterführenden Infos im Internet ab.
Altbackener in der Präsentation und doch praxisnaher als neuere Wohn-Shows sind die klassischen Ratgebersendungen, etwa von ARD und 3Sat. Aufgebaut wie Magazine mit Beiträgen und Zwischenmoderationen vermitteln sie viel konkreter Wohn- und Heimwerker-Tipps für den Hausgebrauch.
«So kuschlig wie die Ikea-Variante eines Billig-Bordells»
Kommt hinzu, dass die inszenierten Eingriffe in Wohnräumen ästhetisch nicht über alle Zweifel erhaben sind: «Nach einer Sendestunde sieht das Heim wahlweise so kuschlig aus wie ein drittklassiges Hotel in Wla-diwostok oder wie die Ikea-Variante eines Billig-Bordells», urteilte ironisch das Magazin «Rolling Stone» über deutsche Wohn-TV-Shows.
Das schwedische Möbelhaus spielt auch im «Tapetenwechsel» von SF2 eine wichtige Rolle. Ikea ist neben dem Immobilienportal Homegate und Nägeli Umzüge Sponsor - was in der Sendung kaum kaschiert wird: Die Produkte aller drei Firmen sind ständig präsent.
Am Ende zeigt die «eigenständige» Schweizer Version einer Wohn-TV-Show ebenfalls das klassische Finale dieser Formate: den Vorher-Nachher-Effekt. Weil auch im «Tapetenwechsel» das Zügeln und Einrichten unter Ausschluss der Betroffenen geschieht, dürfen sie sich nach einer halben TV-Stunde völlig verblüfft und unter Tränen über die Einrichtung im neuen Daheim freuen: viel Farbe an den Wänden, viele Ikea-Möbel, ein durchgestyltes Interieur, das klinisch wirkt - und die Zuschauer eher ratlos zurücklässt.
27. September 2006 | STEFAN CHRISTEN
