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Artikel | Gesundheits-Tipp 9/2006

Der Streit um die neue Antifett-Pille

Depressionen, Angst, Übelkeit: Studien weisen darauf hin, dass die neue Hoffnung für Fettleibige nicht «so unbedenklich» ist.

Der Streit um die neue Antifett-Pille

Acomplia wurde in Medienberichten als «Wunderpille» hochgejubelt. Manche übergewichtigen Menschen und Ärzte setzen grosse Hoffnungen auf das neue Medikament. Heinrich von Grünigen, Geschäftsführer der Schweizerischen Adipositas-Stiftung, sagt: «Wir begrüssen jedes neue Präparat, das ohne Nebenwirkungen hilft, Übergewicht zu reduzieren.»

Acomplia hemmt den Appetit. Es blockiert einen erst seit kurzem bekannten Mechanismus im Gehirn: das Cannabinoid-System. Die im Körper gebildeten Cannabinoide, die ähnlich wie Cannabis wirken, lösen Hungergefühle aus. Blockiert man dieses System, wie es Acomplia tut, bleibt der Hunger weg.


Depressionen: Studienteilnehmer stiegen aus

Doch das System fördert auch die Entspannung. Wenn man es hemmt, kann das auf die Psyche schlagen. Fachleute befürchten deshalb, dass die vermeintliche Wunderpille schwere Nebenwirkungen haben könnte. «Die Hinweise häufen sich, dass Acomplia Depressionen und Angst auslösen kann», sagt Rudolf Brenneisen, Professor für Pharmazie an der Universität Bern.

Wegen Depressionen sind viele Teilnehmer aus den Studien, bei denen die Wirkung von Acomplia untersucht wurde, ausgestiegen. Psychisch kranke Menschen durften an den Untersuchungen nicht teilnehmen. Wie sie auf das Medikament reagieren, ist nicht bekannt. Kurt Laederach, Leiter des Bereichs Essstörungen und Adipositas am Berner Inselspital, sagt: «Stark übergewichtige Menschen leiden besonders oft unter psychischen Krankheiten.»

Für Rudolf Brenneisen ist klar: «Wenn man bedenkt, welch vielfältige Aufgabe das körpereigene Cannabinoid-System hat, dann kann Acomplia nicht so unbedenklich sein, wie das die Hersteller?rma darstellt.» Das Risiko der Nebenwirkungen sei zu wenig erforscht, sagt er.

Tierversuche haben beunruhigende Resultate ergeben: Forscher untersuchten genetisch veränderte Mäuse, bei denen das Cannabinoid-System ausgeschaltet war. Dies hatte dramatische Folgen: Die Tiere erlitten Gehirnschäden. Andreas Zimmer, Molekularbiologe an der Universität Bonn, berichtet: «Die Mäuse hatten massive Lern- und Gedächtnisprobleme.» Zwar sei nicht sicher, ob bei Menschen das Gleiche passieren könne. Doch Zimmer warnt: «Die Versuche zeigen, dass das Cannabinoid-System unser Gehirn schützt. Ich würde Acomplia deshalb nicht verwenden, solange wir nicht mehr über das Risiko wissen.»


Herstellerfirma bestreitet, dass Acomplia gefährlich ist

Auch der Nutzen der neuen Fettweg-Pille ist fraglich. «Mit Acomplia kann niemand schlank werden», betont Ulrich Keller, Chefarzt am Universitätsspital Basel. «Man nimmt damit im Durchschnitt nur sechs Kilo ab. Das ist wenig.»

Die Teilnehmer der Studien haben nur während der ersten neun Monate Fett verloren. Nachher blieb ihr Gewicht konstant, auch wenn sie weiterhin Acomplia schluckten. «Überflüssige Kilos sollte man nicht in erster Linie mit einem Medikament bekämpfen», sagt Ulrich Keller. «Es ist besser, den Lebensstil zu ändern.»

Doch die Hersteller?rma Sano?-Aventis ist überzeugt vom Nutzen ihres neuen Medikaments: «Acomplia hilft nicht nur bei der Gewichtsreduktion. Es verbessert auch Risikofaktoren für Diabetes und Herzkrankheiten, zum Beispiel den Blutfettwert.» Sano?-Aventis bestreitet, dass Acomplia gefährlich sein kann: «Stimmungsschwankungen wurden auch bei den Studienteilnehmern beobachtet, die ein Placebo erhielten.» Nur: Dies kam im Vergleich zu den Acomplia-Patienten sehr selten vor.

Die Herstellerin bestreitet auch, dass die Mäusestudie etwas über das Medikament aussage: «Bei den Tierversuchen mit Mäusen, die Gehirnschäden erlitten, wurde kein Acomplia verwendet.»

13. September 2006 | Andreas Gossweiler


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