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Artikel | Gesundheits-Tipp 7+8/2006

«Im Wasser sah ich helle Haare»

Um jemandem das Leben zu retten, braucht es Mut. Doch genauso wichtig ist Vorsicht. Sonst bringen sich Retter selber in tödliche Gefahr.

Es passierte am Abend des 27. Juni im Hitzesommer 2003. Rolf Dinkel war mit einem Kollegen auf dem Heimweg. Plötzlich hörte er einen Mann um Hilfe schreien. Die verzweifelten Rufe kamen vom Mösli-Weiher her, einem beliebten Badeteich beim aargauischen Fischbach-Göslikon. Dann sah Rolf Dinkel einen Mann im Wasser, etwa 30 Meter vom Ufer entfernt. Er schien nach jemandem zu suchen.

Dinkel sprang sofort in den Teich und schwamm auf den Mann zu. «Plötzlich sah ich unter Wasser die hellen Haare zwischen den Seerosen.» Es war eine Frau. Rolf Dinkel griff nach ihren Haaren und zog die Bewusstlose schnell ans Ufer. Dort begann sein Kollege sofort, die Frau wiederzubeleben. Während die beiden um das Leben der Ertrunkenen kämpften, schauten sie immer wieder zum Wasser. Der Ehemann der Frau war noch immer etwa zehn Meter vom Ufer entfernt, schwamm dort hin und her.

Weitere Leute kamen hinzu, die Sanität fuhr vor, und irgendwann kam die Frau wieder zu sich. Doch dann bemerkten die Helfer, dass der Mann verschwunden war. Sie konnten ihn nur noch tot aus dem Weiher ziehen. Der schockierte und verwirrte Ehemann war ertrunken. Doch auch seine Frau überlebte das Drama am Mösli-Weiher nicht: Drei Wochen später starb sie im Spital.

Rolf Dinkel ist kein ausgebildeter Rettungsschwimmer. Er hat viel Mut bewiesen. «Ich habe damals gar nicht gross nachgedacht», sagt er. Er würde wahrscheinlich auch heute wieder so handeln, obwohl er unterdessen 75 Jahre alt ist.

Immer wieder geraten Menschen beim Schwimmen in Not. Für 56 Menschen endete dies im vergangenen Jahr tödlich. Dieses Jahr ertranken bereits weitere 10 Menschen - obwohl der Sommer erst angefangen hat. Am 10. Juni starb ein 18-jähriger Mann im Egelsee bei Wolfhausen ZH. Der fröhliche Badeplausch im kalten Wasser wurde zum tödlichen Ernst. Nur einen Tag später ertrank ein Bub im Strandbad von Nidau BE. Ein Kind entdeckte ihn, als er bewusstlos im Nichtschwimmerbecken trieb. Badegäste zogen den Knaben aus dem Wasser. Kurz darauf starb er im Spital.


Erst die Risiken abschätzen, dann handeln

Es ist wichtig, dass Menschen in solchen Situationen Mut zeigen und beherzt handeln. «Doch genauso wichtig ist die nötige Vorsicht und das Einschätzen der Lage», sagt Prisca Wolfensberger von der Schweizerischen Lebensrettungs-Gesellschaft SLRG. Denn sonst kann das Unglück nicht nur für den Ertrinkenden tödlich enden, sondern auch für den Retter.

Die Regel lautet deshalb: Zuerst die Situation überblicken, einschätzen und überlegen, wo mögliche Risiken lauern. Gefahr droht nicht nur von reissendem Wasser, von Strudeln und Schwemmholz. Auch der Ertrinkende selbst kann zur tödlichen Gefahr werden, wenn er noch bei Bewusstsein ist und panisch um sich schlägt.

Die deutsche Rettungsmedizinerin Elke Häusler sagt: «Der Retter muss um jeden Preis verhindern, dass ihn der Ertrinkende umklammert und in die Tiefe zieht.» Ein Mensch in Todesangst entwickle bis zu zehnmal so viel Kraft wie normal. Das heisst: Man darf nicht in unmittelbare Reichweite des Ertrinkenden schwimmen oder ihm beide Hände reichen. Solange er schreit und um sich schlägt, sollte man aus sicherem Abstand versuchen, ihn zu beruhigen.

Prisca Wolfensberger von der SLRG empfiehlt, einen - wenn möglich schwimmenden - Gegenstand mitzunehmen, an den sich das Opfer klammern kann, wie zum Beispiel eine leere PET-Flasche, eine Holzstange oder einen Wasserball. «Damit hält man den Ertrinkenden einfacher auf Distanz und über Wasser.»


Ungeübte Schwimmer sollten besser Hilfe holen

Rettungsmedizinerin Häusler ergänzt: «Wenn es trotzdem passiert, dass sich das Opfer festklammert, sollte der Retter sofort abtauchen.» Dann lasse der Ertrinkende meist los. In Rettungsschwimmer-Kursen der SLRG kann man zudem spezielle Befreiungsgriffe lernen.

Ungeübte Schwimmer sollten besser Hilfe holen, als alleine hinschwimmen, rät Elke Häusler. Oder - als letzte Möglichkeit - warten, bis der Ertrinkende bewusstlos sei, um ihn dann gefahrlos bergen zu können.



Schwimmer in Not: So handeln Retter richtig

Wenn Sie einer ertrinkenden Person helfen wollen, sollten Sie folgende Regeln beachten:

- Bleiben Sie ruhig und springen Sie keinesfalls spontan ins Wasser.
- Überlegen Sie zuerst, wo Ihnen Gefahren drohen: zum Beispiel durch einen Strudel, schwimmende Gegenstände, ein steiles Ufer.
- Ziehen Sie möglichst viele Kleidungsstücke aus, denn mit Kleidern zu schwimmen kostet enorm viel Kraft.
- Verhindern Sie, dass sich der Ertrinkende an Ihnen festklammert. Reden Sie ihm aus sicherer Distanz gut zu und warten Sie, bis er sich beruhigt. Danach können Sie sich ihm von hinten nähern.
- Nehmen Sie einen - möglichst schwimmenden - Gegenstand mit, an den sich der Ertrinkende festklammern kann. Das kann beispielsweise eine PET-Flasche sein, ein Wasserball oder ein Stück Holz. Im Notfall tut es auch ein Badetuch.
- Klammert sich der Ertrinkende an den Retter, gibt es nur eines: sofort abtauchen. Meist löst der Ertrinkende dann seinen Klammergriff.
- Die SLRG bietet Kurse an, in denen man das Rettungsschwimmen lernt.
Die Adressen der regionalen Sektionen erfahren Sie unter www.slrg.ch oder bei der SLRG Geschäftsstelle, Postfach 161, 6207 Nottwil, Tel. 041 939 21 2, E-Mail: info@slrg.ch

28. Juni 2006 | Sonja Marti


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