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Artikel | Gesundheits-Tipp 7+8/2006

Das Geschäft mit der Scheibe im Rücken

Immer mehr Menschen mit Rückenschmerzen lassen sich von den Ärzten eine künstliche Bandscheibe einsetzen. Meist vergeblich. Denn die Operation ist für die meisten Patienten nicht geeignet.

Als Margrit Ortu vor fünf Jahren der Operation zustimmte, litt sie unter unerträglichen Schmerzen. «Wahrscheinlich habe ich mich deshalb zu rasch entschieden», sagt die 47-Jährige rückblickend. Sie habe sich zu wenig nach anderen Möglichkeiten erkundigt. Mit fatalen Folgen: Denn das Einsetzen der künstlichen Bandscheibe misslang. Sie verrutschte. Margrit Ortu musste die Bandscheibe in einer zweiten Operation wieder entfernen lassen. Heute leidet sie unter Dauerschmerzen und kann sich kaum mehr frei bewegen.
Die neue Operationsmethode erlebt zwar einen regelrechten Boom. Eine Münchner Privatklinik bietet die Operation im Internet an - zum Pauschalpreis von rund 30 000 Franken. Künstliche Bandscheiben sind aus Metall und Kunststoff. Sie sollen eine verschlissene natürliche Bandscheibe ersetzen und damit Rückenschmerzen beseitigen - wenn diese von Bandscheiben herrühren.


Erst wenig Erfahrung mit den Prothesen

Doch die Methode ist neu und wenig erprobt. Denn künstliche Bandscheiben setzen Ärzte erst seit wenigen Jahren ein. Zudem ist der Bandscheibenersatz für die meisten Patienten nicht geeignet. François Porchet, Chefarzt Neurochirurgie an der Schulthess-Klinik in Zürich: «Eine Prothese kommt nur dann in Frage, wenn ganz klar ist, welche Bandscheibe die Schmerzen verursacht.» Finde der Arzt diese Stelle nicht, sei eine Operation sinnlos.

Die Patienten müssen zudem unter 60 sein, starke Knochen haben und dürfen nicht bereits früher an der Bandscheibe operiert worden sein. Zudem dürfen sie auch keinen grossen Bandscheibenvorfall oder abgenützte Wirbelgelenke haben. Kurz: Die Operation kommt nur für ganz wenige Personen in Frage.

Die Bandscheibenprothesen sind deshalb auch dem Zürcher Wirbelsäulenspezialisten Andreas Jannis Panoussopoulos eine zu unsichere Sache: «Wenn eine Operation unumgänglich ist, wende ich meist die altbewährte Methode an», sagt er. Und das ist das Versteifen der Wirbelsäule. Ärzte entfernen bei dieser Operation die betroffenen Bandscheiben und verbinden die Wirbel fest miteinander. In diesem Bereich bleibt die Wirbelsäule deshalb für immer unbeweglich. Das sei zwar ein Nachteil, räumt Panoussopoulos ein. Doch die Bandscheibenprothesen sind ihm zu riskant. «Man weiss noch zu wenig über die Langzeitfolgen.»

Zwei - zumindest kurzfristige - Vorteile haben die Bandscheibenprothesen: Schon 24 Stunden nach der Operation können sich die meisten Patienten schmerzfrei bewegen. Auch die natürliche Beweglichkeit der Wirbelsäulen bleibt erhalten. Wenn die Wirbelsäule an einer Stelle versteift ist, können die benachbarten Wirbelsäulenabschnitte überlastet werden. Das kann wiederum zu neuen Rückenschmerzen führen.

Es fehlen allerdings Erfahrungswerte, ob eine Prothese die angrenzenden Bereiche tatsächlich entlasten kann. Auch weiss niemand, wie lange die Prothesen überhaupt funktionieren.


Krankenkassen zahlen - aber nur befristet

Einer, der eine künstliche Bandscheibe einsetzen liess, ist der ehemalige FC-Biel-Stürmer Samuele Drakopulos. Der heute 32-Jährige hat sich vor zwei Jahren operieren lassen. «Bis jetzt bin ich sehr zufrieden», sagt er. Doch wie es seinem Rücken in einigen Jahren gehen wird, wissen auch die Ärzte nicht.

Zurückhaltend sind trotz Prothesen-Euphorie die Krankenkassen: Seit kurzem bezahlen sie zwar die Operation. Doch vorerst nur befristet während der nächsten drei Jahre. Dann wollen die Kassen aufgrund der Erfahrungen mit der Operationsmethode neu entscheiden.

Grundsätzlich ist bei allen Rückenoperationen grösste Vorsicht am Platz. Die meisten Rückenschmerzen lassen sich mit Physiotherapie, Massagen, Gymnastik oder Schmerzmitteln zum Verschwinden bringen. Davon ist heute auch der 39-jährige Tom Hofmann überzeugt. Vor drei Jahren operierten ihn die Ärzte innerhalb kurzer Zeit dreimal am Rücken. Noch immer ist er im Alltagsleben stark eingeschränkt. Er hält die Schmerzen nur dann einigermassen aus, wenn er regelmässig Gymnastikübungen macht. Wenn ihn heute jemand wegen einer Rückenoperation um Rat fragt, sagt er: «Probier es mit Akupunktur, Physiotherapie und allem, was dir die Operation ersparen kann. Und gib die Hoffnung nicht auf.»



Das sollten Sie vor einer Operation abklären

- Schöpfen Sie alle anderen Behandlungsmöglichkeiten aus, bevor Sie sich operieren lassen.
- Alternativen zur Rückenoperation sind: Physiotherapie, Chiropraktik, Osteopathie, Massagen, Akupunktur.
- Folgende Sportarten tun dem Rücken gut: Walking, Schwimmen, Aquajogging, Radfahren, Inline-Skating, Rudern und Krafttraining unter Anleitung von Fachleuten.
- Falls Sie beim Arbeiten sitzen: Lassen Sie von einer Fachperson den Arbeitsplatz begutachten und nach ergonomischen Kriterien anpassen.
- Klären Sie genau ab, warum Ihnen der Arzt zur Operation rät, und fragen Sie nach Alternativen.
- Holen Sie sich bei einem anderen Spezialisten eine zweite Meinung ein.
- Informieren Sie sich so gut, dass Sie abschätzen können, ob die Risiken der Operation gerechtfertigt sind.
- Seien Sie sich bewusst: Selbst bei einer sorgfältigen Abklärung und einer korrekt durchgeführten Rückenoperation ist es möglich, dass die Schmerzen nicht aufhören.
- Seien Sie besonders vorsichtig bei erneuten Operationen: Nach der dritten Operation am gleichen Wirbelsäulenabschnitt ist das Risiko sehr hoch, dass die Schmerzen wegen der Vernarbungen chronisch werden.

28. Juni 2006 | Esther Diener-Morscher


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