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Artikel | K-Tipp 9/2006

Aldis Lockvogel-Politik

Lange vor Ladenöffnung stehen Kunden bei Aldi an. Oft vergeblich. Denn die gefragtesten Aktionen sind meist innert weniger Minuten ausverkauft.

Aldis Lockvogel-Politik

Zollikofen BE, montags um halb neun: Rund 100 Personen stehen vor dem Aldi-Eingang und warten auf die Laden?ffnung. Kaum gehen die T?ren auf, st?rmen die Leute hinein und steuern geradewegs auf die Aktionsware in der Ladenmitte zu.

Zwei Minuten sp?ter sind die Mountainbikes ausverkauft. Nach einer weiteren Minute sind auch die Regenjacken weg. Und als eine Angestellte kurz darauf weitere Regenjacken anschleppt, reissen ihr die Kunden die Jacken aus dem Karton.

Ebenfalls in zwei Minuten sind die Regenponchos und die Regenhosen, die versp?tet angeliefert wurden, ausverkauft. Und tags darauf ist nur noch die H?lfte der Aktionsware erh?ltlich. Das meiste nur noch in sehr grossen und sehr kleinen Gr?ssen.


Gerade mal zehn Bikes zum Verkauf

Unter dem Titel «Aldi-Woche» wirbt der deutsche Discounter in ganzseitigen Inseraten f?r die neuen Aktionen. Montags und donnerstags kommen diese in die L?den.

Zum Teil aber nur in Kleinstmengen. So gab es von den Mountainbikes f?r 399 Franken in Zollikofen nur gerade zehn Exemplare. Zwei Minuten nach Laden?ffnung hiess es: «Ausverkauft. Wir erhalten keine weiteren Bikes mehr.»

Inzwischen wissen viele Kunden und Kundinnen, dass sie Aktionsware nur ergattern, wenn sie schon fr?h anstehen. Deshalb wiederholt sich das gleiche Spiel jeden Montag und jeden Donnerstag vor den Aldi-Filialen: Die Leute stehen Schlange. Und die Ware ist im Nu weg.

So geschehen mit dem Navigationssystem, dem Brillenreinigungsger?t, den Matratzen. Und deshalb beklagen sich immer wieder Leser beim K-Tipp, dass Aldi mit seinen «Lockvogel-Angeboten» nur Kunden in die L?den holen wolle.

Aldi-Sprecher Sven Bradke weigert sich, bekannt zu geben, in welchen Mengen Aldi die Aktionsartikel anbiete. Dass der Discounter Lockvogel-Politik betreibe, bestreitet Bradke aber.
«Wir w?rden noch so gerne mehr von unseren Aktionsprodukten verkaufen», sagt er. Aber die Nachfrage nach bestimmten Artikeln sei enorm. «Es ist ein “Run”, der in dieser Form nicht voraussehbar war.»

Noch in keinem Land, so Bradke, habe Aldi bei bestimmten Produkten eine derart grosse Nachfrage erlebt wie in der Schweiz. «Wir sind selbst ?berrascht, welche Artikel einen reissenden Absatz ?nden und welche nicht.»

Aber warum reagiert Aldi nicht endlich und bietet Aktionsware in gen?gender Menge an? «Wir haben reagiert», sagt Bradke, «Artikel, die schnell verf?gbar sind, bestellen wir nach. Das haben wir zum Beispiel mit dem Hometrainer gemacht.»

Dennoch: Der Titel «Aldi-Woche» in der Werbung ist irref?hrend. Denn er suggeriert, dass die Ware w?hrend einer Woche und nicht nur w?hrend einiger weniger Minuten erh?ltlich ist.


Aktionen sind «nur Erg?nzung»

«Wir weisen in der Werbung darauf hin», sagt Bradke, «dass die Produkte nur so lange im Angebot stehen, als der Vorrat reicht.» W?rtlich heisst es: «Es kann vorkommen, dass einzelne Produkte aufgrund einer grossen Nachfrage schnell ausverkauft sind.»

Ohnehin sei die Aktionsware «nur die Erg?nzung zum 700 Produkte umfassenden, attraktiven und preiswerten Standardsortiment», wirbt Bradke. Und das klingt pl?tzlich wieder so, als ginge es Aldi darum, mit Aktionen Leute in die L?den zu locken, damit sie dann regul?re Ware kaufen.

«Lockvogel-Politik» sagt man dem eigentlich.

01. Mai 2006 | Marco Diener - marco.diener@ktipp.ch


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