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Bundesrat Christoph Blocher erschreckt die Suchtexperten: Er will in Gaststätten wieder Spielautomaten mit hohem Suchtpotenzial erlauben.
Spieler wie Marcel Bernhard müssen demnächst nicht mehr extra ins Casino fahren. Was sie suchen, finden sie wohl bald wieder in vielen Beizen: «Für uns Gambler ist es verlockend, wenn man in jeder Bar spielen kann», sagt der Berner, der ein Vermögen an Spielautomaten verloren hat. Dass Spielsüchtige wieder schneller an ihre Droge kommen, dafür könnte Christoph Blocher sorgen - mit einer Departementsverordnung zur Glücksspielverordnung. Mit dieser plant der Vorsteher des Eidgenössischen Justiz- und Polizeidepartements (EJPD), in Gaststätten wieder Automaten zuzulassen, die bis zu 40 Prozent auf Zufall beruhen. Bis Ende März können Kantone und Verbände zum Vorschlag Stellung beziehen, dann entscheidet Blocher.
Blochers Pläne markieren eine Kehrtwende. Bis Ende März 2005 standen 6000 Glücksspielautomaten in Restaurants und Spielsalons der 13 Kantone, die das erlaubten. Bis 1. April 2005 mussten Wirte und Aufsteller sie aber durch Geschicklichkeitsautomaten ersetzen. So sollten suchtgefährdete Spieler besser geschützt werden. Nun schafft Blocher diese Abschaffung wieder ab.
Wenig Umsatz mit den Geschicklichkeitsautomaten
«Dahinter steckt in erster Linie ein wirtschaftlicher Gedanke», sagt EJPD-Sprecher Livio Zanolari. Denn an den neuen Geschicklichkeitsautomaten verging vielen die Lust aufs Spielen. «2005 setzten wir mit ihnen höchstens 5 Millionen um», sagt Norbert Mauron, Vizepräsident der Swissplay, des Verbandes der Spielautomatenhersteller. Die Jahre zuvor verbuchten sie bis zu 160 Millionen Franken Umsatz. Von einst 1500 Beschäftigten bietet die Branche heute noch 400 Menschen Arbeit. Als «richtigen Schritt» wertet Mauron nun Blochers Pläne. Er schätzt, dass die Branche in Beizen «1000 bis 3000 neue Automaten» aufstellen könnte. «Ob uns das rettet», weiss er nicht, aber «es bringt uns dem Überleben näher».
Das Überleben dieser Branche könnte teuer erkauft sein- jetzt schon laufen Suchtexperten und Casinos Sturm. «So wird das Gesetz wieder aufgeweicht», sagt Jolanda Moser vom Schweizer Casino-Verband. «Zudem macht das unsere Anstrengungen um Suchtprävention zunichte.» Das Spielbankengesetz schreibt den 19 Casinos vor, Sozialkonzepte gegen Spielsucht umzusetzen, etwa Spielersperren. Rund 13000 Gesperrte haben derzeit keinen Casinozutritt, da sie ihr Spielverhalten nicht im Griff haben. «Wenn wir künftig einen rausstellen, kann er draussen weiterspielen», befürchtet Moser. Finanzielle Motive hege sie keine: «Wir haben vom Glücksspielbann in Beizen praktisch nicht profitiert.»
Mehr Zufallselemente - grösseres Suchtpotenzial
Suchtexperte Jörg Häfeli von der Hochschule für Soziale Arbeit Luzern geht davon aus, dass seit 1. April 2005 viele Spieler ihr Geld an Glücksspielautomaten der Casinos verspielen. Zumindest sei die Zahl der Sperren seitdem massiv gestiegen. Gerade Gesperrte würde nun in die Beizen zurückströmen. Denn in der Praxis seien die neuen Spielautomaten nicht von reinen Glücksspielautomaten zu unterscheiden. «Je mehr Zufallselemente ein Automat hat, desto grösser ist sein Suchtpotenzial», sagt Häfeli.
Die Bedenken fechten die Befürworter nicht an: «Wenn man die Sucht eliminieren will, müsste man alle Spiele verbieten», sagt EJPD-Sprecher Zanolari. Norbert Mauron ortet Spielsucht eher bei den umsatzstärkeren Casinos und Lotterien: «Wir selbst machen das Gros des Umsatzes auch künftig nicht mit Süchtigen, sondern mit Spielern, die Freude am Spielen haben.»
Ein Spiel um Millionen
Die 3000 Spielautomaten in Schweizer Spielbanken machen rund 75 Prozent des Gesamtumsatzes aus: 769 Millionen Franken im Jahr 2004. Auch der Staat profitiert: 2004 führten allein die Casinos 370 Millionen Franken Steuern an AHV und Kantone ab. Experten schätzen die Zahl der Spielsüchtigen in der Schweiz auf 40000 bis 70000.
Forum
Was halten Sie davon: Sollen die neuen Spielautomaten in Beizen erlaubt werden? Schreiben Sie an: saldo, Postfach 723, 8024 Zürich oder redaktion@saldo.ch
29. März 2006 | Eric Breitinger
