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Artikel | Gesundheits-Tipp 1/2006

Check-up für die Katz

Viele der angebotenen Check-ups sind überflüssig und wiegen die Patienten in falscher Sicherheit. Der Gesundheitstipp sagt, für wen welcher Test sinnvoll ist.

Regelmässig ging Susanne Tüscher zur Mammografie. «Jedesmal erhielt ich den Bescheid, es sei alles in Ordnung», erinnert sich die 76-Jährige. Sie wähnte sich vor Brustkrebs sicher.

Doch eines Tages ertastete sie einen Knoten in der Brust. Wieder ging sie zur Mammografie. Das Resultat war nicht verdächtig. Trotzdem schickte der Röntgenarzt Susanne Tüscher ins Spital zur weiteren Abklärung. Dort kam die niederschmetternde Diagnose: Brustkrebs.

Die Ärzte amputierten ihr beide Brüste. «Es ging alles so schnell, ich war darauf überhaupt nicht vorbereitet», sagt sie. Zurück blieben schmerzende Narben.

Das Beispiel zeigt: Auch regelmässige Tests bieten keine Garantie, eine Krankheit frühzeitig zu erkennen. Vor allem bieten sie keinen Schutz davor, krank zu werden. Doch genau dies versprechen Privatspitäler, die für teures Geld einen «Check-up» anbieten. Dort können sich Kunden nicht nur auf Krebs untersuchen lassen, sondern auch auf viele andere Risiken wie Herzinfarkt oder Diabetes.

Die Hirslanden-Gruppe etwa hat in Zürich eigens ein «Checkup-Zentrum» eröffnet. «Regelmässige Check-ups können Gesundheitsstörungen frühzeitig erkennen und ernsthaftere Krankheiten vermeiden», verspricht das Spital in einem farbigen Faltblatt.

Dies sei eine Illusion, sagt Felix Huber, Allgemeinarzt bei der Gruppenpraxis Medix in Zürich: «Früherkennung kann keine einzige Krankheit verhindern. Sie kann höchstens eine Krankheit erkennen, bevor sie sich bemerkbar macht.»

Doch dies nützt dem Patienten nicht immer. Beispiel Lungenkrebs: Im Röntgenbild lässt er sich manchmal frühzeitig erkennen. Doch Menschen ohne Beschwerden, die sich jährlich röntgen lassen, sterben nicht weniger häufig an Lungenkrebs. Bei einigen Patienten verkürzt die Früherkennung gar die unbeschwerte Lebenszeit - der Betroffene weiss jetzt, dass er todkrank ist.


Nur wenige Tests bringen dem Patienten klare Vorteile

Für Felix Huber ist deshalb klar: «Früherkennung soll sich auf wenige Tests beschränken, die einen nachgewiesenen Nutzen für die Patienten haben. Ein Test macht nur dann Sinn, wenn die Vorteile die Nachteile überwiegen.» Huber ist Experte für medizinische Nutzenforschung und hat für den Gesundheitstipp eine Tabelle erarbeitet (siehe Seite 18). Sie zeigt, welcher Test für wen sinnvoll ist. So kann ab einem gewissen Alter das Messen von Blutdruck, Blutzucker und Cholesterin tatsächlich einen Hinweis geben, ob sich eine Krankheit anbahnt.


Viele Check-ups gaukeln eine falsche Sicherheit vor

Doch viele Ärzte und Spitäler führen noch eine ganze Palette weiterer Tests durch. So zum Beispiel die Privatklinik Schloss Mammern, die in Inseraten für ihren Check-up wirbt. Die Ärzte röntgen die Lunge, unterziehen das Herz einem Belastungstest und untersuchen alle inneren Organe mit Ultraschall auf Tumoren und andere Krankheiten. Die Untersuchung dauert einen ganzen Vormittag. Kostenpunkt: rund 1600 Franken.

Bei all diesen Tests ist ein Nutzen wissenschaftlich nicht erwiesen. Beispiel Belastungs-EKG: Es soll Verengungen der Herzkranzgefässe aufzeigen, die zu einem Herzinfarkt führen könnten. «Die Methode ist viel zu ungenau», kritisiert Andreas Weber von der Medix-Praxis. Bei jedem dritten Herzinfarkt erkenne ein Arzt das Risiko auch mit einem EKG nicht. «Es kommt immer wieder vor, dass Patienten nach dem EKG gesagt wird, es sei alles in Ordnung. Ein paar Tage später erleiden sie einen Herzinfarkt.»

Damit weist Weber auf ein weiteres Problem hin: Check-ups wiegen die Patienten in falscher Sicherheit. «Viele sagen sich: "Beim Check-up war alles bestens, also muss ich gar nicht abnehmen und kann weiter rauchen."» Für Weber ist deshalb klar: «Mit solchen ausführlichen Check-ups können Spitäler und Ärzte ihre teuren Geräte auslasten. Dem Patienten nützen sie wenig oder können ihm sogar schaden.»

Die beiden erwähnten Kliniken halten an ihren Check-ups fest. Das Zentrum Hirslanden schreibt dem Gesundheitstipp: «Wir versprechen nicht, Krankheiten verhindern zu können. Eine gezielte Abklärung kann jedoch allfällige Folgeschäden, wie sie ohne Therapie entstehen könnten, vermeiden.»

Die Klinik Schloss Mammern verteidigt das Belastungs-EKG: Es sei eines der am «häufigsten durchgeführten Diagnoseverfahren der Herzmedizin». Je nach Ergebnis müssten aber weitere Tests folgen, «bis hin zur Herzkatheter-Untersuchung». Zahlen zum medizinischen Nutzen dieser Untersuchungen liefert die Klinik allerdings nicht.


Prostatakrebs: «Der Test hat mir gar nichts gebracht»

Zum Repertoire der Check-ups gehört bei Männern auch der PSA-Test. Dieser Bluttest soll Tumoren in der Prostata erkennen. Bei Andreas Webers Onkel, dem 79-jährigen Walter Weber, zeigte der Test vor sieben Jahren einen verdächtigen Wert. Der Urologe bestätigte die Diagnose Prostatakrebs und wollte gleich operieren. Doch Walter Weber informierte sich zuerst bei seinem Neffen, dem Arzt. Danach entschloss er sich, mit der Operation zu warten: «Ich hatte ja keine Beschwerden.»

Aus heutiger Sicht erweist sich dieser Entscheid als richtig: Der Krebs wächst offenbar nicht oder nur sehr langsam und stört Walter Weber nach wie vor nicht. Der Test, sagt Walter Weber heute, habe ihm überhaupt nichts gebracht: «Wenn ich ihn damals nicht gemacht hätte, würde es mir heute nicht schlechter gehen.»

Wie Walter Weber haben zwei von drei über 70-Jährigen Prostatakrebs. Doch nur jeder Dreissigste stirbt daran. Allen anderen macht der Krebs keine Beschwerden. Bei ihnen hätte ein PSA-Test möglicherweise unnötige Operationen zur Folge. Felix Huber rät deshalb vom PSA-Test ab. Er sei auch viel zu ungenau. «Genauso gut könnte man eine Münze werfen.»


Mammografie: Nur eine von tausend Frauen profitiert

Beim umstrittensten aller Tests, der Mammografie, gibt Huber dagegen bewusst keine Empfehlung ab: «Hier wiegen sich Vor- und Nachteile auf.» Konkret ergab die Forschung die folgenden Zahlen:
- Ohne regelmässige Mammografie sterben innert zehn Jahren 4 von 1000 Frauen an Brustkrebs.
- Mit Mammografie sterben 3 von 1000 Frauen an Brustkrebs.

Das heisst: 1 von 1000 Frauen profitiert von der Mammografie.

Andererseits macht die Mammografie 1 von 1000 Frauen unnötigerweise zur Krebspatientin, wenn ein gutartiger Tumor entdeckt wird. Dieser ist ungefährlich und verursacht keine Beschwerden. Doch die Frau muss jetzt mit dem Wissen fertig werden, einen Krebs in sich zu tragen.

Anstelle einer Empfehlung sagt Felix Huber: «Jede Frau sollte sich über die Vor- und Nachteile informieren und dann für sich selbst entscheiden.» Als Grundlage kann die Internetseite www.mammographie-screening-online.de dienen. Sie entstand aus einem Forschungsprojekt der Universität Hamburg und stellt die wissenschaftlichen Fakten verständlich und anschaulich dar.

Auch Johanna Rossi aus St. Gallen hat sich informiert, bevor sie sich entschied - gegen regelmässige Mammografien. «Sonst müsste ich ja das Vertrauen, dass ich gesund bin, delegieren», sagt sich die 59-Jährige.

18. Januar 2006 | Christian Egg


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