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Artikel | Gesundheits-Tipp 12/2005

«Ein Auge hätte man retten können»

Das Medikament Amiodaron kann fatale Nebenwirkungen haben. Walter Jost wurde dies zum Verhängnis - er sieht praktisch nichts mehr.

Es ist, als ginge ich ständig durch dichten Nebel», sagt Walter Jost. Der 77-Jährige sieht auf dem rechten Auge gerade noch 5 Prozent, das linke muss er mit einer Spezialbrille abdecken, weil er damit alles verzerrt sieht. Selbst in der eigenen Wohnung kann er sich nur tastend fortbewegen, seine Frau Margrit muss ihm bei fast allem helfen. Das beginnt schon am Morgen: «Sie muss mir die Kleider, die ich anziehen soll, bereitlegen. Ich kann sie nicht mehr selber aus dem Schrank nehmen.»
Ursache von Walter Josts Sehschaden ist das Herzmedikament Amiodaron. Vor zwei Jahren, kurz vor Weihnachten, merkte er plötzlich, dass etwas nicht mehr stimmte. Er wollte sich gerade rasieren. «Plötzlich sah ich mit dem linken Auge nicht mehr gut. Es war, als ob mir ein Balken die Sicht verdeckte.»

Weil sein Augenarzt in den Ferien war, ging Jost in die Notaufnahme der Augenklinik am Universitätsspital Zürich. Dort untersuchte ihn ein Assistenzarzt. Walter Jost erinnert sich: «Ich sagte ihm, dass ich wegen einer Herzrhythmusstörung seit einigen Monaten Amiodaron nehmen muss.»


Berüchtigt für schwere Nebenwirkungen

Amiodaron ist für seine schweren Nebenwirkungen berüchtigt. Unter anderem kann es zu bleibenden Sehschäden führen. Doch der Assistenzarzt erkannte die Gefahr nicht. «Er sagte, in meinem Alter hätten es die einen in den Hüften, die anderen in den Beinen, und ich hätte es halt in den Augen», sagt Jost. Trotzdem zog der Assistenzarzt eine Oberärztin bei. Auch bei ihr schrillten die Alarmglocken nicht. «Sie sagte, kein Mensch auf der Welt könne mir helfen.»
Augenschäden durch Amiodaron sind zwar selten, aber dennoch in der Fachliteratur gut dokumentiert: Eine amerikanische Studie von 1999 listete 73 Fälle auf.

Laut einer anderen, älteren Untersuchung erlitt fast jeder fünfzigste Patient, der Amiodaron erhielt, einen Sehschaden. «In seltenen Fällen bessert sich das Augenlicht wieder, wenn man Amiodaron absetzt», sagt Isaak Schipper, Chefarzt der Augenklinik am Kantonsspital Luzern. «Doch meist ist der Schaden bleibend.»

Für Markus Fritz von der Schweizerischen Medikamenten-Informationsstelle ist klar: «Jedes andere Medikament wäre bei solchen Nebenwirkungen längst verboten worden.» Doch einige Patienten seien auf Amiodaron angewiesen, da ihnen andere Medikamente nicht helfen.

Walter Jost nimmt auch nach dem Besuch in der Uniklinik Amiodaron. Doch mit dem linken Auge sieht er immer weniger. Nach vier Monaten macht das rechte Auge Probleme:. «Auch hier fing es mit einem Balken im Gesichtsfeld an.» Erneut fährt Jost ins Unispital. Nun geht alles ganz schnell: Klinikleiterin Klara Landau untersucht ihn, ruft seinen Herzarzt an und kommt mit ihm überein, Amiodaron sofort abzusetzen. Doch es ist zu spät. Denn Amiodaron lagert sich im Fettgewebe des Körpers ein und wirkt deshalb noch monatelang nach, auch wenn man es nicht mehr einnimmt.

Margrit Kessler von der Schweizerischen Patientenorganisation SPO ist entsetzt über den Fall. «Ich erwarte von einem Unispital, dass es einen solchen Patienten auf Anhieb richtig beurteilt», sagt sie und ist überzeugt: «Hätte man von Anfang an richtig reagiert, hätte man bei Walter Jost zumindest das eine Auge retten können.» Kessler will dem jungen Assistenzarzt nicht die ganze Schuld in die Schuhe schieben. «Aber jemand am Unispital hätte wissen müssen, dass Amiodaron solche Nebenwirkungen haben kann.» In der Tat: Auch das Unispital behandelte schon mindestens zwei Patienten mit demselben Problem.


Der Arzt ging von einer Augenkrankheit aus

Dies bestätigt Klinikleiterin Klara Landau dem Gesundheitstipp. Walter Josts Symptome seien aber nicht typisch für eine Amiodaron-Nebenwirkung gewesen. «Der Assistenzarzt ging von einer Augenkrankheit aus, die aufgrund der Untersuchungsergebnisse bei Herrn Jost sehr wahrscheinlich war. Für diese Krankheit gibt es keine Therapie.» Zudem sei es «ein sehr schwerwiegender Entscheid», Amiodaron abzusetzen. «Das Risiko ist hoch, dass ein Patient dann an einer Herzrhythmusstörung stirbt.» Landau nimmt auch die Oberärztin in Schutz: Sie sei als «engagiert, mitfühlend und kompetent» bekannt.

Herstellerin des Medikaments ist die Mepha Pharma. In einem Brief an Jost lehnt sie jede Verantwortung ab. Die Packungsbeilage erwähne «die Möglichkeit eines Sehverlustes ausdrücklich», heisst es in dem Schreiben. Die Mepha sei somit «allen gesetzlichen Verpflichtungen nachgekommen».
Tatsache ist: Von bleibenden Augenschäden ist in der Packungsbeilage nicht ausdrücklich die Rede, im Gegenteil. Allfällig auftretende Sehstörungen, so heisst es dort, «verschwinden nach Abbruch der Behandlung völlig».

Ganz anders die amerikanische Packungsbeilage: Sie warnt vor «Sehproblemen, die zu permanenter Blindheit führen können». Amiodaron-Patienten sollten deshalb regelmässig ihre Augen untersuchen lassen.


Behörden prüfen jetzt Schweizer Packungsbeilage

Margrit Kessler verlangt von der Mepha, dass sie die Patienten gleich aufklärt wie in den USA. Gefordert sei auch die Schweizer Heilmittelbehörde Swissmedic: «Sie muss solche Warnungen von den Pharmafirmen verlangen und zusätzlich die Herz- und die Augenärzte mit einem Brief über diese fatalen Nebenwirkungen aufklären.»

Auf die letzte Forderung reagierte Swissmedic nicht. Thomas Bart, zuständig für Medikamenten-Nebenwirkungen, schrieb dem Gesundheitstipp allerdings: «Wir bereiten eine entsprechende Änderung der Fachinformation vor.»

Dies geschieht offenbar auf Betreiben der Mepha. Nachdem die Firma von Walter Josts Schicksal erfahren hatte, informierte sie die Swissmedic und bat darum, die Texte des Beipackzettels für Amiodaron zu überprüfen.

Margrit und Walter Jost haben jetzt eine Anwältin beauftragt. Denn sie machen sich Sorgen: «Was ist, wenn mir etwas zustösst?», fragt sich Margrit Jost. Dann müsste ihr Mann in ein Pflegeheim - und das könnte sehr teuer werden.



«Nur in seltenen Fällen bessert sich das Augenlicht wieder. Der Sehschaden bleibt meist»
Isaak Schipper, Chefarzt Augenklinik, Kantonsspital Luzern

07. Dezember 2005 | Christian Egg


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