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Artikel | saldo 14/2005

"Wir könnten auch billiger arbeiten"

Die Unfallversicherungen zahlen Zahnärzten einen zu hohen Tarif und halten damit die Preise hoch. Dabei gibt es Zahnärzte, die Patienten auch günstiger behandeln.

Zahnärzte sind 10 bis 20 Prozent zu teuer.» Zu diesem Schluss kommt eine Ostschweizer Studie. Beat Bouquet, Autor der Studie, weiss auch, weshalb die Zahnarzttarife nach wie vor so hoch sind: «Die Suva bezahlt einen fixen Taxpunktwert von Fr. 3.10 und hält so den Tarif künstlich hoch.» Die meisten Zahnärzte orientieren sich deshalb auch bei ihren sonstigen Patienten an dieser Richtschnur. Einzelne berechnen gar Tarife bis Fr. 4.80.


«Ich verdiene etwas weniger, nage aber nicht am Hungertuch»

Dabei geht es billiger. saldo hat sich umgesehen und Zahnarztpraxen gefunden, die für ihre Dienstleistungen einen Tarif verrechnen, der unter jenem der Suva liegt - zum Teil deutlich. Eine Zahnärztin, die nicht genannt werden möchte, verrechnet einen Tarif von Fr. 2.80. «Ich finde, wir könnten etwas billiger arbeiten», gibt sie offen zu. «Das bedingt aber auch, dass wir etwas bescheidener leben.» Denn: «Die Kosten für Infrastruktur und Labors sind gleich hoch, ob ich jetzt für Fr. 2.80 oder Fr. 3.40 arbeite.»

Einen noch tieferen Taxpunktwert bietet der Zahnarzt Reinhard Kriebel in Rheineck SG: Fr. 2.50. «Zu unserem zehnjährigen Praxis-Jubiläum haben wir als Dank an unsere Patienten den Taxpunktwert für ein Jahr um 20 Prozent gesenkt und dann beibehalten.» Seiner Erfahrung nach werde die Hälfte der Preissenkung durch effizientere Arbeitsabläufe aufgefangen. «Ich verdiene zwar etwas weniger, nage aber deshalb noch nicht am Hungertuch», sagt der gebürtige Deutsche. Allerdings: Für einige seiner Ostschweizer Kollegen ist der «Preisbrecher» ein rotes Tuch. Immer wieder werden Anschuldigungen gegen ihn laut. Das St. Galler Verwaltungsgericht hat ihn jedoch vollumfänglich rehabilitiert.


Appenzell AR: Zahntechniker mit Zusatzausbildung

Eine weitere Möglichkeit, zu günstigen Tarifen seine Zähne flicken zu lassen, findet sich im Kanton Appenzell Ausserrhoden (AR). Auffällig viele Zahnarztpraxen bieten dort Behandlungen für Tarife an, die unter Fr. 3.10 liegen. Alain Heitz in Teufen etwa verrechnet Fr. 2.80. Was die Patienten aber wissen müssen: Sie werden nicht von einem Arzt mit medizinischem Abschluss behandelt. Der Kanton AR erteilt die Bewilligung auch an Zahntechniker mit dreijähriger operativer Zusatzausbildung. Der Franzose Alain Heitz beispielsweise hat die Dentistenausbildung in Wien durchlaufen und im Anschluss die Zulassung in Appenzell absolviert. «Wir unterhalten eine ganz normale Zahnarztpraxis und benötigen die gleiche Infrastruktur.» Seine Patienten kommen aus der ganzen Schweiz. Denn: «Wir verfügen über mehr Wissen und Geschick in der Zahnprothetik.»

Tatsächlich scheinen sich die Zahnärzte ohne universitäre Ausbildung bewährt zu haben. Rolf Arnold, Departementssekretär des Kantons AR, glaubt, dass «längst nicht für jede Behandlung ein zahnmedizinisches Studium notwendig ist». Auch der St. Galler Kantonszahnarzt Beat Wider sagt: «Manche Füllungen, die ich gesehen habe, hätte ich nicht besser machen können.»

Doch den «Spezialfall Appenzell» wird es womöglich nicht mehr lange geben. Die Totalrevision des Gesundheitsgesetzes sieht vor, dass Ausbildung und Zulassung in absehbarer Zeit geändert werden. Bereits erteilte Bewilligungen sollen gemäss Arnold jedoch bestehen bleiben. Der Grund für das Aus: Es gebe keine Ausbildungsplätze mehr. Schade - das Beispiel Appenzell hätte hinsichtlich Senkung der Gesundheitskosten Schule machen können.

Bemerkenswert ist auch der Tarif, den der Zahnarzt Pius Müller (Name geändert) mitten in der Stadt Zürich anbietet: Fr. 3.-. «Ich bin nicht verschuldet und habe deshalb tiefe Infrastrukturkosten», sagt der Zahnmediziner. «Wahrscheinlich habe ich auch eine Angestellte weniger als manch ein Kollege.» Das Erstaunliche ist auch bei ihm, dass er seinen Tarif um fast 10 Prozent senkte. «Als Reaktion auf einen "Kassensturz"-Bericht habe ich entschieden, meinen Tarif von Fr. 3.3o auf 3 Franken zu senken.» Ohne grosse finanzielle Einbusse, wie er einräumt: «Auch wir Zahnärzte müssen uns dem Markt stellen und damit rechnen, weniger zu verdienen.»

Pius Müller geht davon aus, dass die vielen Praxiseröffnungen durch Kollegen aus dem Ausland die Schweizer Zahnärzte immer mehr unter Druck setzen. Eine Meinung, die der Studienautor Beat Bouquet nicht teilt: Der Markt spiele viel zu wenig. «Solange eine politisch regulierte Preisabsprache über einen Taxpunktwert von Fr. 3.10 im Suva-Bereich besteht, sehen die Zahnärzte keinen Grund, diesen Wert zu unterbieten.»

Dabei gebe es sehr wohl Sparmöglichkeiten. «Bei einer effizienteren Organisation, etwa in Form von Gemeinschaftspraxen mit längeren Öffnungszeiten, könnten die Fixkosten sinken.»


Suva verteidigt bestehenden Taxpunktwert

Die Unfallversicherer und die Schweizerische Zahnärztegesellschaft (SSO) sind überzeugt, dass der Tarif von Fr. 3.10 korrekt ist. Beat Huwiler, Direktor der Zentralstelle für Medizinaltarife: «Seit April 1994 gilt derselbe Ansatz. Wir haben in den letzten zehn Jahren keine Zunahme der durchschnittlichen Fallkosten festgestellt.» Peter Jäger von der SSO glaubt sogar, dass der Suva-Taxpunktwert das Überleben einer Zahnarztpraxis gefährde. «Zahnärztliche Arbeitsplätze sind extrem personal- und kapitalintensiv. Die Wahl der Organisationsform, etwa einer Gruppenpraxis, hat darauf nur wenig Einfluss.»


www.zahnarztvergleich.ch: Taxpunktwerte von fast 2000 Zahnärzten. Sie können nach Kanton, Ort und Namen des Zahnarztes abgefragt werden.



Nach wie vor zu wenig Preistransparenz

Seit Juni 2004 müssen Zahnärzte den Taxpunktwert bekannt geben, den sie anwenden. Die Firma Websheep hat kürzlich die Taxpunktwerte von 2200 Zahnärzten in der Deutschschweiz erhoben. Dabei stellte sich heraus, dass sich nach wie vor jeder Fünfte weigert, seinen Tarif zu veröffentlichen.

Leider schafft die Bekanntgabe des Taxpunktwertes keine vollständige Preistransparenz. Der Zahnarzt kann nämlich in einem gewissen Rahmen Taxpunkte für eine bestimmte ärztliche Tätigkeit verlangen. Ein Beispiel: Für die Befundaufnahme bei einem neuen Patienten darf ein Zahnarzt 18 bis 24 Taxpunkte in Rechnung stellen. Bei einem Taxpunktwert von Fr. 3.10 ergeben sich Kosten zwischen Fr. 55.80 und 74.40.

Ein tiefer Taxpunktwert ist also ein erster Hinweis auf einen günstigen Zahnarzt, gibt aber noch keine Garantie. Es lohnt sich auf jeden Fall, vor der Behandlung eine Offerte einzuholen.

14. September 2005 | Silvia Baumgartner


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