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Einmal bezeichnete mich jemand als Analphabeten. Das war wie ein Hammerschlag. Ich habe grosse Mühe mit Lesen und Schreiben. Bis vor drei Jahren habe ich mit keinem darüber gesprochen. Ich traute mich nicht. Meine Fassade wäre zusammengestürzt. Jahrelang habe ich mit sportlichen Leistungen und sozialem Engagement das Bild eines starken und sorglosen Mannes aufgebaut. Ich fühlte mich aber unsicher. Dieser Zwiespalt hat mich sehr belastet.
Als Jugendlicher verdrängte ich mein Problem einfach. Ich sagte mir: Sprache interessiert mich nicht. Ich hatte immer ungenügende Deutschnoten. Mit Buchstaben und Grammatikregeln konnte ich einfach nichts anfangen. Ich konnte sie wohl auswendig lernen, aber nicht richtig zusammensetzen. Sonst war ich ein guter Schüler. Ich ging auch mit den anderen in die Bibliothek. Die Bücher brachte ich jedoch nach vier Wochen ungelesen wieder zurück.
Später wollte ich mein Sprachdefizit nicht wahrhaben, obwohl ich bereits nach der Lehre realisiert hatte, dass ich ohne Sprache nirgends richtig durchkomme. Ich hatte Maurer gelernt. Da musste ich mich nicht über die Sprache definieren, da gings ums Handwerk. Wäre ich jedoch Polier geworden, hätte ich mehr schriftliche Arbeit erledigen müssen. Davor hatte ich Angst.
Immer wenn ich vor einer beruflichen Neuorientierung stand, bin ich ins Ausland abgehauen. Nach England, Amerika und nach Afrika. Dort fühlte ich mich gut. Im Englischunterricht hatte ich zwar dieselben Schwierigkeiten mit der Grammatik wie daheim. Aber im Englisch hatte ich eine Entschuldigung: Ich war Anfänger. Das hat mich entlastet und ich konnte lernen, wie es mir entspricht: übers Gehör und über die Augen. Englisch kann ich jetzt sehr gut, aber ich spreche die Umgangssprache.
Die Rückkehr in die Schweiz war jedes Mal ein kleiner Schock. Das Sprachproblem blieb ungelöst. Eine Zeitlang fiel mir sogar das Sprechen schwer. Ich redete nur noch ganz langsam und stotterte manchmal.
Schliesslich wechselte ich in den Pflegeberuf. Zuerst war ich Hilfspfleger, dann habe ich die Ausbildung zum Hauspfleger gemacht. Während dieser Zeit lernte ich den Computer kennen. Das war ein Schlüsselerlebnis. Plötzlich sah ich die Buchstaben. Vorher musste ich sie irgendwo aus der Luft holen. Wenn ich sie auf der Tastatur sehe, kann ich sie wie in einem Spiel zusammensetzen. Zwei enge Freunde haben mir in dieser Zeit viel geholfen. Anne hat mir das Schriftdeutsche näher gebracht. Es fasziniert mich, wie differenziert sich unsere deutschen Nachbarn ausdrücken können. Und Dani hat alle meine schriftlichen Arbeiten korrigiert.
Seit einem Jahr besuche ich jetzt einen Deutschkurs, um richtig lesen und schreiben zu lernen. Ich bin froh, dass ich mein Problem endlich angepackt habe. Im Kurs fühle ich mich verstanden. Wir arbeiten langsam, und es geht nicht nur um die Sprache. Auch unsere Lebensgeschichte wird mit einbezogen. Für mich ist das sehr wichtig. Denn ich spüre immer noch Verletzungen und habe Schamgefühle.
Der Sprachkurs ist ein Prozess mit Hochs und Tiefs. Manchmal kann ich jetzt sogar über meine Fehler lachen. Und der Kurs hat meine Lust am Lesen geweckt. Neulich lag ich den ganzen Nachmittag auf meiner Terrasse, vertieft in einen Roman. So etwas hätte ich mir früher nicht vorstellen können.
Illettrismus: Betroffene können kaum lesen und schreiben
In der Schweiz gibt es rund eine halbe Million Erwachsene, die nicht richtig lesen und schreiben können, obwohl sie die obligatorische Schule besucht haben. Man nennt das Illettrismus. Betroffene sind nicht zu verwechseln mit Analphabeten, die nie eine Ausbildung in Lesen und Schreiben erhalten haben. Betroffene leiden unter mangelndem Selbstvertrauen, sind in ihrer Berufswahl eingeschränkt und fühlen sich gesellschaftlich benachteiligt. Der Dachverband des Vereins «Lesen und Schreiben für Erwachsene» veranstaltet am 8. September den nationalen Aktionstag «Zusammen gegen Illettrismus». Mehr dazu unter www.lesenlireleggere.ch
- Infos: Dachverband Lesen und Schreiben, Quellenstrasse 31, 8005 Zürich, Telefon 044 444 19 99, www.lesenschreiben.ch. Die Site gibt einen Überblick über die Angebote von Kursen für lese- und schreibschwache Erwachsene.
31. August 2005 | Aufgezeichnet: Evi Biedermann
