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Erstmals weisen Forscher nach, dass Handy-Strahlung das Tumorrisiko erhöht. Der Bund finanzierte die Studie mit, verschweigt aber die unangenehmen Resultate.
Würden Medikamente dieselben Prüfergebnisse wie Handy-Strahlen liefern, müsste man sie sofort vom Markt nehmen.» Erik Huber von der Wiener Ärztekammer schlug Mitte August Alarm. Aufgeschreckt wurden die Mediziner durch Resultate der sogenannten Reflex-Studie. Im Auftrag der EU untersuchten zwölf Forschungszentren - darunter die ETH Zürich - während vier Jahren, ob elektromagnetische Strahlung die menschliche Ge-sundheit gefährdet. Fazit von Studienleiter Franz Adlkofer: «Unsere Befunde verstärken die Annahme, dass Handy-Strahlung das Tumorrisiko erhöht.»
Elektromagnetische Strahlung ändert die Erbsubstanz
Die Forscher konnten nachweisen, dass sich nach der Bestrahlung mit elektromagnetischen Feldern die Erbsubstanz von menschlichen Zellen änderte. Diese DNS-Strang-Brüche gelten in der Medizin als mögliche Auslöser von Tumorerkrankungen und Leukämie (Blutkrebs). Die Wiener Ärztekammer war schockiert von den Auswirkungen und warnt explizit «vor übermässsigem Handy-Gebrauch». Huber: «Kinder sind besonders empfindlich, da der Knochen dünner ist und die Strahlung stärker durch den Schädel dringt.»
Jetzt schliesst sich auch die Schweizer Ärzteverbindung FMH dieser Warnung an. Mediensprecher Daniel Lüthi: «Die Schweizer Ärzteschaft ist sich des Problems der Strahlung seit langem bewusst. Ein vorsichtiger Umgang mit Handys ist sehr zu empfehlen. Wir unterstützen den Aufruf der Wiener Ärzte.»
Der renommierte Forscher Niels Kuster von der ETH Zürich entwickelte die Testanlage für die Reflex-Studie. Kuster: «Die Zellen wurden der gleichen Bestrahlung ausgesetzt wie während eines Mobiltelefongesprächs. Die Resultate sind in ihrer Deutlichkeit sehr überraschend und eindeutig der elektromagnetischen Strahlung zuzuordnen.»
Schäden am menschlichen Erbgut traten auf, obwohl die verabreichte Strahlung weit geringer war als international geltende Grenzwerte für Mobiltelefone. Immerhin: Vergleichsweise unproblematisch ist das Versenden von SMS, da sich die höchste Strahlung auf einen kurzen Augenblick beschränkt und sich das Handy nicht in Kopfnähe befindet.
Für Bernhard Aufdereggen, Elektrosmogspezialist der Ärzte für Umweltschutz, sind die Resultate «ein weiteres Puzzle-teil im Gesamtbild, das zeigt, dass Mobiltelefone krebsauslösend sein können». Der Präventivmediziner fordert: «Die Behörden müssen jetzt die Schutzinteressen der Bevölkerung höher gewichten und aktiver werden.» Doch dem Bundesamt für Gesundheit (BAG) gehe es viel mehr darum, zu verwalten statt zu handeln.
Tatsächlich: Der Bund zahlte 750 000 Franken an die Studie. Trotzdem werden die seit Januar vorliegenden Resultate totgeschwiegen. In seiner aktuellen Broschüre «Strahlung und Gesundheit» verharmlost das BAG: «Ob Tumorentwicklungen auch beim Menschen zu befürchten sind, kann weder bewiesen noch ausgeschlossen werden. Resultate liegen noch nicht vor.»
Konfrontiert mit den Forschungsergebnissen räumt der Leiter Strahlenschutz im BAG, Werner Zeller, ein: «Die Studie ist ein weiterer Hinweis auf gesundheitsschädigende Auswirkungen elektromagnetischer Felder.» Dennoch verzichtet die Behörde auf eine Warnung an die Bevölkerung. Zeller verweist stattdessen auf BAG-Empfehlungen wie, beim Verbindungsaufbau das Telefon nicht ans Ohr zu halten oder strahlungsarme Handys zu kaufen.
Mobilfunkindustrie wehrt sich gegen Einschränkungen
Das dürfte ganz im Sinn der Mobilfunkindustrie sein. Unter dem unverfänglichen Titel «Forum Mobil» haben sich Telekomkonzerne und Handy-Hersteller wie Ericsson, Nokia, Orange, Sunrise und Swisscom zusammengeschlossen. Das Forum fordert die Behörden auf, nicht mit «undifferenzierten, überzogenen Einschränkungen und Verboten» auf die Studie zu reagieren.
Zudem sei unklar, ob der lebende Körper gleich auf die Strahlung reagiert wie unter Laborbedingungen. Stimmt. Doch Studienleiter Adlkofer hält unmissverständlich fest: «Im Zweifel sprechen die Daten für eine gesundheitsschädigende Wirkung durch häufigen Gebrauch von Mobiltelefonen.»
31. August 2005 | Marc Meschenmoser
