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Artikel | Haus & Garten 3/2005

Wenn du denkst, du denkst, dann denkst ...

Zu einem gesunden Körper gehört ein gesunder Geist. Das wussten schon die Römer. Und es gilt noch immer.

Annemarie Frick weiss aus Erfahrung: Der Entschluss zum geistigen Training fällt in der Regel viel schwerer als jener zum Körpersport. «Viele Menschen weichen aus mit dem Argument, das doch "noch nicht nötig" zu haben.»

Dabei, so die Präsidentin des Schweizerischen Verbandes der Gedächtnistrainerinnen und -trainer (SVGT), sei geistiges Training keineswegs erst im Alter sinnvoll. Das Gedächtnis besser nutzen zu lernen lohne sich immer, weil es im Leben vieles leichter mache und vor allem helfe, «die eigenen Fähigkeiten effizienter für die Organisation des Alltags und das Zeitmanagement» einzusetzen.

Zweifellos zeigt sich das Hirn auch bei jüngeren Menschen zuweilen widerspenstig. Ursachen können neben Krankheiten und Medikamenten etwa Drogen- und Alkoholmissbrauch sein. Oft liegts aber «nur» an Faktoren wie Stress, Zeitdruck, Störungen und Müdigkeit. Oder an starken Gemütsbewegungen «von depressiver Verstimmung bis zu Verliebtheit», wie Frick erklärt.

Resultat: Man ist vergesslich, ärgert sich über Gedächtnislücken. Oder man hat Schwierigkeiten sich zu konzentrieren. Auch Lernprobleme treten auf. Und es gelingt manchmal nicht, eigentlich vorhandenes Wissen abzurufen.
Das ist belastend. Indes: «Bei all diesen Problemen kann ein gezieltes Training Verbesserungen bringen», sagt Walter Perrig, Professor für Allgemeine Psychologie und Neuropsychologie an der Universität Bern.


Mal mit der linken statt der rechten Hand die Zähne putzen

Wunder allerdings kann Gehirntraining nicht vollbringen. So gibt es laut Perrig noch kein Programm, das ein alters- oder krankheitsbedingt nachlassendes Erinnerungsvermögen wiederherstellen könnte. Dasselbe gilt punkto Intelligenz: «Man kann durch Übungen zwar die Fähigkeit verbessern, bestimmte Aufgaben zu lösen. Man kann aber nicht einfach die Gesamtheit persönlicher Intelligenz vergrössern.»

Das Gehirn lasse sich eben nicht wie Muskelkraft trainieren, hält Perrig fest. «Die trainierten geistigen Leistungen sind in ihrer Anwendung viel spezifischer.» Deshalb sei eine professionelle Abklärung des konkreten Problems jeweils ebenso unabdingbar wie die professionelle Entwicklung und Anwendung eines individuell abgestimmten Trainingsprogramms. Perrig: «Solche Programme gibt es nicht ab Stange.»

Das sieht Annemarie Frick nicht anders. «Für ein optimales Gehirntraining gilt es stets, zunächst die passende Trainingsstrategie zu finden und anschliessend deren Umsetzung zu erlernen», macht sie klar.

Gemäss der SVGT-Präsidentin lassen sich im Grundsatz fünf trainierbare Hirnfunktionen unterscheiden: Wahrnehmung, Konzentration, Merkfähigkeit, Sprache und logisches Denken. Mit gezielten, spezifisch zugeordneten Übungen könnten diese Funktionen dauerhaft verbessert werden (siehe Seite 67). Besonders wirksam sei Gehirntraining dann, sagt Frick, wenn es den Menschen in seiner Ganzheit bewege, also auch seine Gefühle anspreche.

Daneben wird die Leistungsfähigkeit des Gehirns durch äussere Faktoren mitbeeinflusst. «Bestleistungen im geistigen Bereich erfordern prinzipiell auch beste Voraussetzungen in gesunder Lebensführung, wozu ausgewogene Ernährung, Bewegung und Entspannung gehören», bringt es Walter Perrig auf den Punkt. Dazu empfiehlt er wie Annemarie Frick, sich mit den Geschehnissen des Alltags und dem Weltgeschehen auseinander zu setzen, also interessiert, kontaktfreudig und neugierig zu bleiben.

Man kann auch absichtlich ungewohnte Situationen schaffen. «Halten Sie zum Beispiel beim Zähneputzen die Bürste mal in der linken statt in der rechten Hand. Oder versuchen Sie, das ABC rückwärts aufzusagen», rät Frick. Es gebe viele einfache Mittel, um das Gehirn immer wieder zu überraschen und so zu trainieren.

Das gilt auch noch im Alter. Laut Walter Perrig ist der Mensch nämlich zeitlebens lernfähig - auch wenn sich mit dem Alter Veränderungen zeigen: «Wenn es schnell gehen, man viel auf einmal beachten oder sich etwas dauerhaft einprägen muss, läuft das nicht mehr so leicht wie in der Jugend.» Das automatische Lernen hingegen funktioniere unverändert weiter, alte und junge Menschen profitierten also - oft unbewusst - gleichermassen von Lernerfahrungen im Alltag.


Kein Grund für regelmässige präventive Untersuchungen

Im Übrigen seien mit zunehmendem Alter einhergehende leichte geistige Beeinträchtigungen aber völlig normal, erklärt Perrig. Sie zeigten sich vor allem in Bezug auf die Erinnerungsfähigkeit und auf Leistungen, die schnelle Reaktionen verlangen. Ängste, es könnte sich um den Beginn einer ernsthaften Erkrankung wie Alzheimer handeln, träten oft schon bei der Wahrnehmung «normaler» Leistungsverminderungen auf. Sie seien in diesem Falle jedoch unbegründet.

Wer sehr beunruhigt ist, kann sich an eine neuropsychologische Institution (Adressen unter www. alz.ch/d/html/infos+9.html) oder an entsprechend geschulte Psychologen wenden, sagt Perrig. «Regelmässige, präventiv angelegte Untersuchungen dagegen sind sicher nicht angezeigt.»



Bringen Sie Ihre grauen Zellen zum Schwitzen!

Gehirntraining beschränkt sich nicht nur auf spezifische Übungen zur Lern- und Merkfähigkeit. Im Fokus sind ebenso Wahrnehmung, Konzentration, Sprache und logisches Denken.

Die Wahrnehmung lässt sich überall und jederzeit mit wenig Aufwand trainieren: Man kann etwa gezielt sämtliche blauen Gegenstände im Blickfeld identifizieren. Oder man kann die Augen schliessen und alle Geräusche aufzählen, die man hört.

Ähnlich niederschwellige Methoden gibt es zum Training der Merkfähigkeit: Betrachten Sie zum Beispiel ein Schaufenster, merken Sie sich, was Sie sehen, und rufen Sie sich danach alles mit geschlossenen Augen in Erinnerung.

Neben solch einfachen Verfahren stehen zahlreiche spezifische Übungen zur gezielten Förderung der verschiedenen Hirnfunktionen zur Verfügung. Drei Beispiele:

29. Juni 2005 | Gery Schwager


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