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Artikel | K-Tipp 12/2005

Den Zahlen ein Gesicht geben

«Grüezi Frau Marti, ich bin vom Kassensturz. Sie haben uns geschrieben, weil Ihr Geld kaum zum Leben reicht, obwohl Sie hart arbeiten.»

«Ja, das stimmt.»

Frau Marti erzählt mir am Telefon ihre Geschichte - eine Geschichte, die den Kassensturz interessiert. Sie hat einen kleinen Sohn. Ihr Mann ist 52 Jahre alt und seit sieben Jahren ohne Arbeit. Seine Bodenlegerfirma ging Konkurs. «In seinem Alter findet er einfach keine Stelle mehr», sagt sie.
Frau Marti verdient Geld in einem Restaurant. Sie arbeitet Vollzeit. Dafür bekommt sie 3100 Franken ausbezahlt. Am Monatsende lebt die Familie vom Trinkgeld der Restaurantgäste. Auch Schulden muss Frau Marti abstottern. Sie musste einen Kredit aufnehmen, weil sie mit der Miete im Rückstand war.

Ferien macht sie schon seit Jahren nicht mehr. Sie spart sich das Geld vom Mund ab, für ihren Sohn: «Wenigstens der Junior soll es einmal schön haben», sagt sie. Solche Geschichten beschäftigen mich. Im Kassensturz lesen wir viele davon. 1500 Mails bekommen wir jeden Monat.

Auch Herr Koller hat uns geschrieben: «Unser tägliches Leben ist ein ständiger Kampf ums Geld, dauernd jeden Rappen umdrehen, keine Ferien, nur Schulden, die sich anhäufen.» Er ist 28 Jahre alt und arbeitet in einem grossen Industrieunternehmen im Glarnerland. Er verdient gerade mal 2500 Franken pro Monat. Das reicht natürlich nirgendshin. «Da ich Frau und Kind habe, müssen wir monatlich noch 612 Franken vom Sozialamt beziehen», schreibt er. «Es wäre schön, wenn dieser Zustand bald mal der Vergangenheit angehören würde.»

Das geht mir nahe. Die Schere zwischen Arm und Reich öffnet sich immer weiter. Jede sechste Familie mit Kindern verdient zu wenig zum Leben, obwohl Vater oder Mutter Vollzeit arbeiten.
Das sind erschreckende Zahlen. Als neuer Kassensturz-Leiter interessieren mich die Menschen, die dahinter stehen. Sie sollen im Kassensturz ihre Geschichte erzählen können.

15. Juni 2005 | Wolfgang Wettstein, Redaktionsleiter «Kassensturz»


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