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Gastro-Kritik von Andrin C. Willi
Weshalb geht der Gast ins Restaurant? Weil er es schön haben möchte. Weil er geniessen möchte. Dafür bezahlt er schliesslich. Doch im heimischen Gastgewerbe hat es nicht viel Platz für solche Wünsche: Viele Lokale präsentieren sich so, wie es Disney World zu Gotthelfs Zeiten getan hätte.
Es beginnt schon bei den Tischsets. Das harmloseste Stück ist das Modell «Hier ist die Welt noch in Ordnung»: Der örtliche Verkehrsverein und das Kleingewerbe haben zusammengelegt, um dem Gast die Region bei Tisch näher zu bringen. Was diesem aber die Adresse vom ortsansässigen Malermeister Müller bringt, bleibt ungeklärt.
Auf dem nächsten Modell stellt sich, passend zu den Bierdeckeln, die Brauerei Feldschlösschen vor - oder Rivella fragt, welche Farbe denn der Durst habe. Erfahrene Restaurantbesucher drehen die Sets kurzerhand um. Dann sehen sie zwar weiss, schaffen im Kopf aber Platz für weitere Werbeaktionen auf dem Tisch.
Zum Beispiel für den berühmtberüchtigten Ständer mit Aromat und Maggi. Das Relikt ist speckig und klebrig. Und wurde ewig nicht mehr geputzt. Dafür wird der folkloristische Touch des Lokals unterstrichen.
Gastronomisches Kulturgut sind auch die stechend roten Zweifel-Körbe aus Plastik, in denen verzweifelt Chips und Erdnüsse feilgehalten werden. Die Körbchen passen gut zu den ausgebleichten Ovomaltine-Behältern mit transparenter Haube, die Nussgipfel vor Fliegendreck schützen sollen. Ganz bitter wird es, wenn gewisse Hoteliers die Plastikstörer mit einer Papierserviette versehen und sie am Morgen als Brotkorb tarnen.
Die Papierservietten mit Werbeaufdruck sind auch nicht besser. Aber wie soll sich ein Gastronom, der das Menü 1 für 12 Franken anbieten muss, Stoffservietten und deren Reinigung leisten können?
Natürlich greift er zur papierenen Alternative der Industrie, denn die ist gratis. Ebenso gut könnte man sich den Mund mit Seiten aus alten Telefonbüchern abwischen. Wie in Ordnung ist die Welt eigentlich noch?
Dabei muss Genuss gar nicht teuer sein. Ein Gastgeber könnte dem Gast ein Erlebnis ermöglichen, das er zu Hause nicht hat. Er könnte Musik spielen, die man zu Hause nicht hört. Er könnte Bilder zeigen, die man zu Hause nicht sieht. Er könnte Gefühle wecken, die zu Hause schlafen.
Bitte Film statt Werbung, würden Kinogänger rufen. Das gilt auch für die Gastronomie. Stattdessen lassen es halbbatzige Gastgeber zu, dass die Industrie wild um sich schlagen darf - und den Gast mitten ins Auge trifft.
27. April 2005
