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Der 35-jährige Roy van Meggelen starb im Juni an einem Herzinfarkt. Jetzt nimmt sich die Schweizerische Patientenorganisation des Falls an, denn der Familienvater hatte zwei Jahre lang Vioxx geschluckt.
Als Roy van Meggelen am Samstagabend um 19 Uhr vom Mountainbike steigt, klagt er über Schmerzen in Brust und Bronchien. Er könne nicht mehr richtig atmen, sagt er zu seiner Frau. Er legt sich aufs Bett. Die Schmerzen nehmen zu und strahlen in die Arme aus. Seine Frau Judith ist beunruhigt. Sie wählt die Nummer des Notfalldienstes und beschreibt die Symptome. Währenddessen rappelt ihr Mann sich auf und geht ins Bad. Er übergibt sich, dann bricht er zusammen.
Drei Minuten später sind die Rettungsleute da. Sie versuchen, Roy van Meggelen wiederzubeleben. Für einen Moment gelingt ihnen dies, doch dann verlieren sie den Patienten abermals - der Kampf um sein Leben beginnt. Das Notfallteam fährt ihn ins Kantonsspital Zug. Dort stirbt der junge Familienvater aus Baar ZG um 21 Uhr, nur zwei Stunden nach seinem Zusammenbruch. Die Diagnose: Herzinfarkt.
Das war vor fünf Monaten, Ende Juni. Für Judith van Meggelen und ihre zwei kleinen Kinder ist der plötzliche Tod ihres Ehemannes und Papi noch immer unfassbar. «Er stand mitten im Leben, und es ging ihm gut», erzählt die junge Witwe. Ihr Ehemann arbeitete als Produktmanager in einer internationalen Firma und war glücklich mit seinem Job. Er trainierte die Junioren des Fussballclubs Sins, ging regelmässig auf Mountainbike-Touren oder wandern. Zudem war er Nichtraucher, er ass und lebte gesund, hatte einen normalen Blutdruck und keinerlei Beschwerden. Doch der junge und sportliche Mann schluckte das Medikament Vioxx, denn er litt seit mehreren Jahren an der Rheumakrankheit Morbus Bechterew.
Der Autopsiebericht bestätigte, was die Ärzte vorher bereits als Todesursache angegeben hatten: Roy van Meggelens Herzkranzgefässe hatten sich verschlossen, tödliche Herzrhythmusstörungen waren die Folge. Der 35-Jährige starb an einem Herzinfarkt. Das ist unüblich für Männer in seinem Alter, die keine Risikofaktoren punkto Herz-Kreislauf haben.
«Der Fall van Meggelen lässt die Alarmglocken läuten»
Genau wegen solcher Nebenwirkungen musste Vioxx-Hersteller Merck vor mehreren Monaten eine Studie abbrechen. Sie zeigte, dass nach 18 Monaten Vioxx-Therapie, Herz-Kreislauf-Probleme deutlich zunahmen - unter anderem Herzinfarkte und Schlaganfälle. In den Adern der Vioxx-Probanden bildeten sich häufiger Gerinnsel, welche die Hals- und Herzkranzgefässe verstopften - wie bei Roy van Meggelen.
Martin Büchi, Kardiologe der Medix Gruppenpraxis in Zürich: «Ein Fall wie jener von Roy van Meggelen lässt bei heutigem Wissensstand die Alarmglocken läuten.»
Auch der Rheumatologe Thomas Langenegger von der Klinik Adelheid in Unterägeri ZG zeigt sich über den plötzlichen Tod seines Patienten betroffen. «Ein Herzkranzverschluss bei einem so jungen Mann ist ungewöhnlich», so der Rheumatologe. Er hatte Roy van Meggelen vor zwei Jahren wegen dessen Morbus Bechterew untersucht. Auch er schliesst nicht aus, dass Vioxx am Herzinfarkt seines Patienten schuld ist: «Weil er fast zwei Jahre lang Vioxx nahm, muss man diese Möglichkeit in Betracht ziehen.»
Ein weiteres Indiz: Das Herz von Roy van Meggelen war gesund, bevor er Vioxx zu schlucken begann. Bevor der Rheumatologe seinem Patienten das Rezept für das Arthrose- und Schmerzmedikament ausstellte, überwies er ihn an einen Herzspezialisten. Dieser sollte abklären, ob sein Herz auch wirklich gesund sei - vor allem bei Morbus-Bechterew-Kranken ist dies wichtig. Die Krankheit kann die Aorta erweitern und die Herzklappen angreifen.
Im November 2002 schreibt der Herzspezialist Jörg Gasser an seinen Kollegen Thomas Langenegger: Der Ultraschalluntersuch zeige «einen normalen Befund, insbesondere keine Erweiterung der Aorta und normale Herzklappen». Er empfiehlt einen weiteren Ultraschalluntersuch in drei Jahren.
Drei Monate nach seinem Tod wurde Vioxx zurückgezogen
Nur drei Monate nach dem Tod von Roy van Meggelen muss Merck das Medikament Vioxx vom Markt nehmen. Als Judith van Meggelen die Gründe für die Vioxx-Rücknahme hört, traut sie ihren Ohren kaum: «Es lief mir kalt den Rücken hinunter», erzählt sie.
Sie meldete den Fall ihres Mannes umgehend bei der Schweizerischen Patientenorganisation (SPO). Die Stelle hatte nach dem Vioxx-Rückzug Patienten wie Angehörige dazu aufgerufen, sich zu melden. Die SPO richtete eine Hotline ein, stellte eine Ärztin ein, um die einzelnen Fälle zu prüfen, und suchte die Zusammenarbeit mit Anwälten. Rund ein Drittel der bisher insgesamt 200 gemeldeten Fälle müsse man gemäss SPO medizinisch und rechtlich weiterverfolgen. «Dabei handelt es sich um Menschen mit Herzinfarkten, Schlaganfällen oder Thrombosen», so die SPO-Beraterin Amina Ghulam. Die SPO hat mit einigen wenigen Betroffenen Kontakt aufgenommen und wird deren Dossiers als «Pilotfälle» bearbeiten - darunter ist auch Roy van Meggelens Fall.
Ihnen gemeinsam ist, dass sie während längerer Zeit Vioxx eingenommen und unerwarteterweise einen Herzinfarkt erlitten haben. «Ein Zusammenhang ihrer Krankengeschichten mit der Einnahme von Vioxx drängt sich auf», so der SPO-Anwalt Werner E. Ott. Bis Ende Jahr will er sich mit Betroffenen und Angehörigen treffen, um das weitere Vorgehen festzulegen.
Weltweit werden zurzeit rechtliche Schritte gegen die US-Herstellerfirma geprüft. Für Werner E. Ott sind vor allem die weiteren Ereignisse in den USA wegweisend. Dort bereitet ein Tross von Anwälten eine der grössten Schadenersatzklagen der Geschichte vor.
«Zentral ist die Frage, ob die Firma tatsächlich bereits seit ein bis zwei Jahren Informationen hatte, dass Vioxx für den Herz-Kreislauf schädlich sein kann», so der SPO-Anwalt.
Denn gemäss Recherchen des «Wall Street Journal» soll der Pharma-Multi während viereinhalb Jahren versucht haben, die gesundheitlichen Risiken des Medikaments in Abrede zu stellen. Die Zeitung veröffentlichte interne E-Mails aus dem Konzern, welche belegen, dass Firmenforscher schon länger von den Risiken wussten.
Pulstipp konfrontierte MSD Schweiz, eine Tochterfirma des US-Unternehmens Merck & Co. Inc., USA, mit dem Fall von Roy van Meggelen und den Aussagen des Autopsieberichts. Doch MSD Schweiz bezieht keine Stellung. Der Fall müsse von Gutachtern beurteilt werden. Der Tod dieses Mannes sei aber «sicher tragisch», so die Aussage von MSD-Sprecher Stefan Wild.
Zu den Vorwürfen, dass das Unternehmen die Risiken von Vioxx schon länger kannte, diese jedoch verheimlichte, entgegnet der Sprecher: «Die Firma hat keine Informationen zurückgehalten. Unerwünschte Wirkungen im Herz-Kreislauf-Bereich wie etwa Herzinfarkte sind in der Packungsbeilage des Medikamentes angegeben.» Eine erstmalige Langzeitstudie, die MSD bereits vor vier Jahren gestartet hatte, habe das erhöhte Herz-Kreislauf-Risiko deutlich gemacht. «Wir nehmen neue Resultate, die auf Risiken oder Patientennutzen hinweisen, immer ernst», so der Sprecher des Pharmaunternehmens. «Aufgrund dieser neuen Studiendaten stoppte MSD den Verkauf sofort und zog das Medikament freiwillig vom Markt zurück.»
Vioxx-Rückzug: «Drei Monate früher und Roy würde leben»
Für Judith van Meggelen steht eine Forderung nach Schadenersatz nicht im Vordergrund. Sie ist glücklicherweise gut abgesichert. Sie verspürt auch keine Wut gegenüber den behandelnden Ärzten. «Sie haben sicher nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt.» Ihr gehe es vor allem darum herauszufinden, weshalb ihr Mann so früh sterben musste. Die Vorstellung, dass die Verantwortlichen von Merck vielleicht schon längere Zeit von den Risiken wussten - damit aber nicht an die Öffentlichkeit gingen, ist für die Witwe unerträglich. «Hätten sie Vioxx nur drei Monate früher vom Markt genommen, wäre Roy vielleicht heute noch unter uns.»
Schaden durch Vioxx
Patienten, die über eine längere Zeit Vioxx eingenommen und einen Herzinfarkt, Hirnschlag, eine Thrombose oder Embolie erlitten haben, können sich bei der SPO melden.
Nähere Auskünfte erteilt die SPO, Häringstrasse 20, Postfach, 8023 Zürich, Tel. 01 252 54 22.
08. Dezember 2004 | Gabriela Braun - gbraun@pulstipp.ch
