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Bis vor kurzem überschütteten Fachleute den Medikamentenhersteller MSD mit Lob: Die deutschen Hausärzte verliehen der Firma vor drei Jahren die René-Schubert-Medaille. Ihr Rheumamedikament Vioxx sei eine «therapeutische Innovation», besonders geeignet für ältere Patienten. Vor zwei Jahren holte sich die Firma gar die «Goldene Tablette»: Jeder dritte deutsche Orthopäde fand, MSD habe bei ihm von allen Pharmafirmen den besten Eindruck hinterlassen.
Heute distanzieren sich alle von der Firma. Der Grund ist bekannt: Vioxx kann bei Rheumapatienten Herzinfarkte und Schlaganfälle verursachen. MSD musste die Pille diesen Herbst vom Markt nehmen. Mehr noch: Der Verdacht liegt nahe, dass die Pharmafirma die Risiken bewusst verschwiegen hat. Jetzt wollen Betroffene auch in der Schweiz gegen das Unternehmen vorgehen. Was Patienten und Angehörige durchgemacht haben, berichtet stellvertretend die Witwe eines Herzinfarkt-Opfers auf Seite 14.
Doch der Vioxx-Hersteller trägt nicht die ganze Schuld an der Misere. Die Schweizer Behörden haben Patienten nicht vor dem Medikament geschützt. Vergleichbare Mittel sind weiterhin ohne Einschränkungen auf dem Markt. Auch die Rheumaliga liess sich blenden von der Firmenkampagne und pries auf ihrer Website bedenkenlos Vioxx & Co. an. Ärzte verschrieben die teuren Medikamente massenweise - und kassierten kräftig mit. Auch wenn andere Schmerzmittel sinnvoller gewesen wären.
Und was leicht vergessen geht: Kritische Stimmen hat es früh gegeben. Die Fachblätter «Pharma-Kritik» und «Arznei-Telegramm» haben schon vor Jahren vor den übertriebenen Erwartungen an Vioxx und ähnliche Medikamenten gewarnt. Auch der Pulstipp berichtete darüber bereits im Sommer 2000. Und es gab Rheumaärzte, die standhaft blieben gegen die aggressive Werbung: Sie verschrieben die neuen Medikamente nicht - und ernteten von Kollegen Spott und Häme. Sie hätten die Medaillen verdient.
08. Dezember 2004 | Tobias Frey
