|
(0) |
Wer in Branchenfonds investiert, braucht das richtige Gespür für Konjunktur- und Branchentrends.
Ob Rohstoffe, Konsum oder Industrie: Auf den ersten Blick scheinen sich alle Branchen an den Aktienbörsen im Gleichschritt zu verhalten. Doch der Schein trügt. Steigende Aktienkurse von Firmen der Rohstoffbranche bedeuten noch lange nicht, dass auch die Titel von Konsumfirmen anziehen.
Wie stark die Kurse in einzelnen Branchen auseinanderlaufen, zeigt der Vergleich des Europa-Aktienindexes Stoxx 50 mit den dazugehörigen Branchenindizes. Während von Oktober 2003 bis September 2004 der Stoxx 50 rund 9 Prozent zulegte, stieg der Stoxx-Index der Versorgerbranche sogar um 27 Prozent. Unterdurchschnittlich entwickelten sich im gleichen Zeitraum hingegen die Branchenindizes Technologie mit einem Plus von 3 Prozent und Nahrungsmittel mit 0 Prozent Wachstum (siehe Tabelle).
Der Grund für die grossen Unterschiede liegt darin, dass nicht jede Branche gleich auf die konjunkturelle Entwicklung reagiert. Verfestigt sich die Hoffnung auf eine konjunkturelle Erholung, ziehen die Kurse der Firmen so genannt zyklischer Branchen besonders stark an.
Dazu zählen insbesondere die Technologie- und Medienbranche, aber auch die Branche des zyklischen Konsums. Hierin werden besonders konjunkturabhängige Konsumgüterhersteller und Dienstleister wie Airlines, Luxusgüter- und Sportartikelproduzenten oder Touristikfirmen zusammengefasst.
Optimisten setzen auf Technologie- und Zyklikerfonds
Das Gegenstück hierzu bilden die nichtzyklischen oder defensiven Branchen, zu denen beispielsweise Versorger, Energie- und Rohstoffkonzerne oder die Nahrungsmittelindustrie zählen. Firmen dieser Branchen - und oft auch deren Aktienkurs - zeigen sich in Zeiten dahindümpelnder Wirtschaft meist vergleichsweise robust.
In Boomzeiten hingegen kann es vorkommen, dass Titel mit wenig Wachstumsfantasie trotz allgemein anziehender Börse einbrechen - weil niemand sie kaufen will.
Sowohl für Aktionäre wie auch für Fondsanleger ist es im Interesse einer guten Risikostreuung unerlässlich, dass im Portfolio ein gesunder Branchenmix vorhanden ist. Für Nicola Nolè von der Credit Suisse ist die Branchenselektion sogar wichtiger als die Länderselektion. «Unter den Branchen sind sehr grosse Renditeunterschiede zu verzeichnen, während die Werte bei Regionenfonds in einer verhältnismässig engen Bandbreite liegen», schreibt der Portfoliomanager in einer Kurzstudie zu Branchenfonds.
Wer sein Fondsportfolio mit einer konjunkturellen Hebelwirkung ausstatten will, kann dies durch den gezielten Einbezug von Branchenfonds tun. So können beispielsweise Konjunkturoptimisten mit Technologie- oder Zyklikerfonds darauf spekulieren, dass sich die weltweite Konjunkturerholung weiter verstärken wird.
Wer in der anziehenden Weltwirtschaft aber nur ein Strohfeuer sieht, mischt seinem Fondsportfolio andere Branchen bei. Hier kommen die klassischen defensiven Fonds mit den Schwerpunkten Nahrungsmittel, Rohstoffe oder Energieversorgung in Frage.
Allerdings sind mit dem Investment in Branchenfonds auch besondere Risiken verbunden. Sogar breit gefasste Branchenfonds verzeichnen deutlich höhere Schwankungen als Anlagefonds ohne branchenspezifischen Schwerpunkt. «Manche Fonds schwanken ähnlich stark wie eine Anlage in eine einzelne Aktie», warnt Fondsexperte Nolè.
Dabei gilt die Grundregel: Je enger die Fokussierung des Fonds, desto heftiger seine Schwankungen. Gefährlich kann es bei Branchenfonds werden, die sich auf enge Marktnischen spezialisiert haben und vom Wohl und Wehe weniger Einzelfirmen abhängig sind.
Auch bei eigentlich defensiv ausgerichteten Fonds kann diese Gefahr drohen: Während manche Fonds auf einen breiten Mix verschiedener Rohstoffwerte setzen, legen andere das Geld ihrer Kunden ausschliesslich in Aktien von Goldminenbetreibern an - mit hohen Gewinnchancen und ebenso hohen Verlustrisiken.
Bei Branchenfonds ebenfalls zu beachten sind die Nebenkosten. «Gerade bei Branchenfonds beeinträchtigen oft hohe Gebühren die Rendite», sagt Kai Wiecking, Analyst bei der Fondsratingagentur Morningstar. Weil hier die Anleger häufig in eher kurzen Intervallen umschichten, kann sich der Ausgabeaufschlag als regelrechter Renditekiller erweisen.
Günstiger sind bei häufigeren Umschichtungen so genannte Tradingfonds, die keinen Ausgabeaufschlag kennen, deren Jahresgebühr dafür etwas höher ist. Dieser Fondstyp eignet sich vor allem für kurzfristig orientierte Anleger, da die Kosten in den ersten Jahren günstiger sind als bei einem Fonds mit Ausgabeaufschlag.
Als weitere Alternative zu herkömmlichen Branchenfonds bieten sich so genannte Indexfonds an, die einfach einen Branchenindex abbilden und als Exchange-Traded Funds (ETF) an der Börse gehandelt werden.
Branchen-Indexfonds sind günstiger
An der Zürcher Börse kann man in Pharma-, Technologie- und Banken-Indexfonds investieren, an der Frankfurter Wertpapierbörse werden alle gängigen Stoxx-Branchenindizes in Form von Indexfonds gehandelt. Der Kostenvorteil für Anleger: Bei diesen Fonds fallen nur die banküblichen Spesen für Wertpapieraufträge und eine jährliche Verwaltungsgebühr von rund 0,5 Prozent an, aber kein Ausgabeaufschlag.
Vorsicht vor einem zu grossen Einzelrisiko
Ob aktiv gemanagter Branchenfonds oder Branchen-Indexfonds: Aufgrund der starken Schwankungen sind diese Produkte nicht für Anfänger geeignet. «Das Investment in Branchenfonds erfordert Erfahrung und die Bereitschaft, sich selbständig zu informieren und auf Marktveränderungen rasch zu reagieren», sagt Fondsanalyst Wiecking. Nur wer Trendwechsel rechtzeitig erkennt und entsprechend handelt, kann eine ordentliche Rendite erzielen.
Wie teuer den Anleger ein verpasster Trendwechsel zu stehen kommen kann, zeigt die mittelfristige Entwicklung von Internetfonds. Obwohl diese Gattung während der letzten zwölf Monate zum Teil traumhafte Renditen erwirtschaftete, konnte man damit die Verluste der Jahre 2001 und 2002 noch lange nicht kompensieren.
Anleger sollten deshalb beim Setzen von Branchenakzenten ein zu grosses Einzelrisiko unbedingt vermeiden. So tun Konjunkturoptimisten gut daran, nicht nur auf Technologiefonds, sondern auch auf andere Zykliker zu setzen.
Das grosse Geld in breit streuende Fonds stecken
Umgekehrt sollten Pessimisten nicht allein in Rohstoffe oder Gold investieren, sondern weitere defensive Branchen berücksichtigen. Überdies dienen Branchenfonds bei einer durchdachten Anlagestrategie stets als Beimischung und niemals als Basisinvestment. Der Anteil solcher Spezialitätenfonds sollte innerhalb des Aktienfondsdepots maximal 25 Prozent ausmachen, während der Löwenanteil besser in breit streuenden internationalen Fonds aufgehoben ist.
Die vier Fallen der Branchenfonds
Kostenfalle: Verwaltungsgebühr und Ausgabeaufschlag sind bei Branchenfonds oft besonders hoch. Anleger sollten daher die Kosten kritisch prüfen und gegebenenfalls Indexfonds bevorzugen.
Grössenfalle: Kleine Fonds werden oft nur nebenbei gemanagt und bei Misserfolgen schnell geschlossen. Deshalb sollte man nur auf Fonds mit einem Volumen von mindestens 25 Mio. Franken setzen.
Nischenfalle: Ist ein Fonds besonders eng fokussiert, kann er nur in wenige Firmen investieren. Bei wenig Auswahl steigt die Gefahr, dass auch zweitklassige Aktien berücksichtigt werden. Daher sollte innerhalb der Branche eine ausreichende Streuung gewährleistet sein. So hat etwa ein Technologiefonds mehr Auswahlmöglichkeiten als ein reiner Internetfonds.
Timingfalle: Branchenfonds sind nur erfolgreich, wenn Branchen- und Konjunkturtrends gezielt genutzt werden. Wer mangels Erfahrung oder Zeit dieses Timing nicht diszipliniert durchzieht, sollte lieber die Finger von Branchenfonds lassen.
27. Oktober 2004 | Thomas Hammer
