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Artikel | saldo 15/2004

Swiss und Helvetic: Beim Service auf gleicher Höhe

Duell über den Wolken: Seit einem Jahr tritt Helvetic gegen die Swiss an. Wer hat das bessere Angebot? Kassensturz ist bei beiden Airlines mitgeflogen.

Bereits vor dem Flug zeigt sich ein grosser Unterschied: Helvetic setzt auf Fixpreise. Jeder Gast zahlt 99 Euro plus 33 Euro Taxen pro Weg. Ein Retourflug zu einer der 15 Destinationen des Low Cost Carriers kostet immer 400 Franken. Bei Swiss sind die Tarife flexibel: Eine Woche vor Abflug ist das günstigste Angebot der Linienfluggesellschaft nach Madrid 1411 Franken.

Weil kurzfristig gebucht, kostete der Flug bei Swiss stolze 1000 Franken mehr als bei der Konkurrenz. Wer sich aber lange im Voraus entscheidet, kann bereits für unter 100 Franken netto pro Weg nach Madrid fliegen. Denn der Preis richtet sich nach Angebot und Nachfrage. Am Testtag funktioniert das Konzept der Swiss: Der Flieger ist bis auf sechs Plätze ausgebucht. Vor dem Check-in des Zürcher Flughafens bildet sich eine lange Schlange. Nach zehn Minuten kann der Testpassagier einchecken.

Direkt neben dem Swiss-Check-in befindet sich die Konkurrenz Helvetic. Ohne Anstehen kann der andere Testpassagier einchecken, freie Sitzwahl ist kein Problem: Die Maschine ist nur zu einem Viertel gefüllt. Mit dieser Auslastung ist dieser Flug für die Airline aber nicht rentabel.


Helvetic punktet mit der grösseren Beinfreiheit

Helvetic-CEO Peter Pfister nimmt die schlechte Auslastung gelassen, schliesslich habe Helvetic Madrid erst seit drei Monaten in den Flugplan aufgenommen: «Da brauchen wir natürlich eine gewisse Zeit, um die Bekanntheit gerade auch im Ausland zu steigern, damit die Leute bei uns buchen. Sorgen müssten wir uns erst machen, wenn die Buchungszahlen sinken. Wir haben aber stetig steigende Auslastungen.»

Am Testtag starten beide Gesellschaften pünktlich. Positiv fällt bei der Helvetic die Beinfreiheit auf: 84 Zentimeter Sitzabstand, das sind 2,7 Zentimeter mehr als bei der Swiss. Dafür verkürzt die Linienfluggesellschaft den Gästen die Zeit mit Fluginformationen ab Bildschirm und Disney-Trickfilmen. Zeitungen sind aber nur in der Business-Klasse erhältlich.


Bei beiden Airlines kostet das Essen extra

Im Billigflieger gibt es weder Zeitungen noch andere Extras wie Filmunterhaltung. Das Flugzeug sieht zwar aus wie neu, ist aber ein älteres Modell mit einfacher Ausstattung. Ihre sieben Flugzeuge hat die Fluggesellschaft billig von American Airlines gekauft und von SR-Technics komplett revidieren lassen.

Sowohl bei Swiss wie bei Helvetic ist das Personal freundlich und effizient. Trotz vollem Flieger müssen die Gäste bei Swiss nicht lange auf das Essen warten. Und bei beiden Airlines muss der Passagier für das Essen extra bezahlen. Die Preise sind bei Helvetic etwas günstiger. Ein Bier kostet 4 Franken, ein Zweier Wein 6 Franken und ein Sandwich 8 Franken. Bei der Swiss sind Bier, Wein und Sandwich je einen Franken teurer. Positiv bei Helvetic: Für 10 Franken gibt es frischen Salat in drei Variationen. Erfreulich bei Swiss: Es gibt auch warmes Essen, ein heisses Sandwich (9 Franken) und Suppe (5 Franken). Selbst ein koscheres Menü ist für 15 Franken zu haben.

Unverständlich ist, dass die Swiss nicht unterscheidet, ob ein Gast 200, 500 oder wie in unserem Fall über 1400 Franken für den Flug bezahlt hat. Sie bittet alle Passagiere für jeden Snack und jedes Getränk extra zur Kasse. Willy Schnyder, Swiss-Verkaufschef Schweiz, weiss, dass dies Gäste erzürnt, die ihr Ticket teuer bezahlt haben: «Wir sind uns bewusst, dass wir im hohen Preissegment der Economy ein Problem haben. Wir arbeiten daran, es zu lösen.»


Swiss drückt beim Übergewicht ein Auge zu

Auch das Umbuchen ist bei der Helvetic transparenter. Bis kurz vor Abflug kann jeder Flug telefonisch oder vor Ort zum fixen Tarif von 25 Euro verschoben oder auf eine andere Person umgeschrieben werden. Bei der Swiss kostet das Umbuchen bei günstigen Tickets 100 Franken. Bei teuren Tickets wie in unserem Fall entfällt die Umbuchungsgebühr.

Beim Rückflug nach Zürich haben die beiden Testpassagiere je 25 Kilogramm Gepäck dabei. Erlaubt wären bei beiden nur je 20. Erfreulich: Die Swiss lässt die 5 Kilogramm Übergewicht ohne Gebühr durchgehen. Der Helvetic-Kunde hingegen muss einen Zuschlag von 10 Euro bezahlen.

Fazit der Stichprobe: Wer langfristig plant, fährt mit Swiss günstiger, wer spontan bucht, profitiert von den Fixpreisen bei Helvetic. Und beim Service kann der Low Cost Carrier durchaus mit der Linienfluggesellschaft mithalten.



Die Vor- und Nachteile von Liniengesellschaften und Billig-Airlines

Im Tarifdschungel der Fluggesellschaften das beste Angebot zu finden, ist kein Kinderspiel. Touristikfachmann Thomas Bieger erklärt, welche Vor- und Nachteile Billig-Airlines und Linienfluggesellschaften grundsätzlich haben.

Bei Low Cost Carriers wie Helvetic sind Tickets meist verfügbar, der Kunde kann im Internet bequem und schnell buchen. Wer sein Helvetic-Ticket im Netz kauft, erhält zudem jeden elften Flug gratis.

Die simplen Flugverbindungen - die Maschine fliegt meist auf einer Strecke hin und her - vereinfachen zudem die Abfertigung der Passagiere, das spart Zeit. Bei Billig-Airlines mit Einheitspreisen wie Helvetic ist auch sofort klar, was der Kunde zahlen muss. «Dank der einfachen Kostenstruktur der Fluggesellschaft», fasst Thomas Bieger, Professor an der Universität St. Gallen, zusammen, «sind die Tarife im Schnitt günstiger.» Grosser Nachteil der Low Cost Carriers: Ihr Streckennetz ist beschränkt.

Grosser Vorteil der Linienfluggesellschaften, die ein Netzwerk bieten, wie die Swiss: Der Passagier kann auch komplexe Flugverbindungen innerhalb eines Systems buchen. Das Umsteigen ist geregelt, der Gepäcktransport organisiert. Es gibt Zusatzangebote wie Meilen für Vielflieger. Und wer in höheren Tarifkategorien reist, profitiert von weiteren Dienstleistungen wie etwa Lounges. Bei den variablen Preisen, die je nach Nachfrage höher oder tiefer sind, liegen auch Schnäppchen drin. Spätbucher müssen dagegen tief in die Tasche greifen.

Grundsätzlich gilt: Wer bei Reisedatum und Reisezeit flexibel ist, hat die besten Chancen, ein günstiges Ticket zu ergattern. Reisende wie zum Beispiel Geschäftsleute, die zu einer ganz bestimmten Zeit hin- und zurückfliegen müssen, bezahlen dagegen in der Regel am meisten. Linienfluggesellschaften versuchen laut Bieger, solche Kunden in eine höhere Preiskategorie zu zwingen. Denn: «Wenn der Kunde fliegen muss, hat er auch eine relativ hohe Zahlungsbereitschaft.»

Mit Billigtickets ist es oft unmöglich, zu Randzeiten zu reisen oder am selben Tag wieder zurückzufliegen. Aber - so Bieger: «Da gibt es zum Beispiel den Trick mit den gekreuzten Tickets.» Es kann billiger sein, zwei günstige Flüge zu buchen und dann beim einen den Rück-, beim anderen den Hinflug verfallen zu lassen. Die Angebote aller Airlines zu vergleichen, so der Touristikfachmann, lohnt sich auf jeden Fall.

29. September 2004 | Anatol Hug


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