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Das Novartis-Medikament Femara soll Brustkrebspatientinnen vor späten Rückfällen schützen. Fachleute kritisieren: Nutzen und Folgen der teuren Behandlung sind noch unklar.
Der Erfolg des neuen Brustkrebsmedikaments Femara sei «spektakulär», jubelte die Pharmafirma Novartis Anfang August. Deshalb sei es in der Schweiz «in Rekordzeit» zugelassen worden. Femara soll Brustkrebspatientinnen vor einem späten Rückfall schützen.
Das Medikament mit dem Wirkstoff Letrozol ist zwar nicht neu. Bisher behandelte man damit aber nur Frauen mit fortgeschrittenem, metastasierendem Brustkrebs.
Jetzt sollen aber alle Brustkrebspatientinnen nach der Standardtherapie auch noch Femara erhalten. Das heisst: Sie schlucken nach der Operation nicht nur fünf Jahre Tamoxifen, sondern danach noch fünf Jahre Femara. Damit weitet sich der Markt für das Medikament enorm aus. Für Novartis ein vielversprechendes Geschäft.
Femara: Kein Effekt bei 94 Prozent der Patientinnen
Fachleute wie der Krebsspezialist Christian Marti aus Winterthur reagieren zurückhaltend: «Die Beobachtungszeit war sehr kurz.» Die Studie dauerte nur knappe zweieinhalb Jahre statt der geplanten fünf, weil sich bereits bei der Zwischenauswertung zeigte, dass das Medikament nützt. Doch Marti kritisiert, dass man deshalb kaum etwas über die Langzeitfolgen wisse. Das bestätigt die Brustkrebsspezialistin Monica Castiglione vom Berner Inselspital.
Zudem hält es Marti für fraglich, ob der Nutzen «spektakulär» sei: Ohne Femara bleiben 87 von 100 Patientinnen gesund. Nach einer vierjährigen Femara-Therapie sind es 93 von 100. Das heisst: Nur 6 von 100 Frauen, die Femara schlucken, profitieren. Marti: «Umgekehrt bedeutet das, dass 94 von 100 Patientinnen das teure Mittel vergeblich schlucken.» Ungeklärt sei, ob dank Femara auch weniger Frauen an Brustkrebs sterben. Die Medikamentenkosten sind zudem hoch: pro Jahr rund 3500 Franken.
Novartis gibt zwar zu, dass «mögliche theoretische Fragen zur Langzeitverträglichkeit» bestünden. Unerwartete Nebenwirkungen gebe es wahrscheinlich nicht.
Die Studienresultate seien «spektakulär», weil sie unerwartet gekommen seien und eine Therapielücke füllten. Femara decke ein «aussergewöhnlich grosses medizinisches Bedürfnis» ab, behauptet Firmensprecher Urs Bigler.
Die Frauen sollen selbst entscheiden
Das Fazit von Krebsarzt Marti: «Ich würde die Zusatzbehandlung mit Femara nur Frauen empfehlen, die ein hohes Rückfallrisiko haben.» Das heisst: bei denen viele Lymphknoten in der Achselhöhle vom Tumor befallen waren.
Castiglione setzt auf ein offenes Gespräch mit ihren Patientinnen: «Ich bespreche mit ihnen Vor- und Nachteile und Unsicherheiten der Therapie mit Femara.» Sie könnten dann selbst entscheiden. Bisher wollte allerdings noch keine Patientin Femara schlucken.
15. September 2004 | Sonja Marti - smarti@pulstipp.ch
