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Artikel | saldo 13/2004

Gift im Fisch - die unterschätzte Gefahr

Der Konsum von quecksilberhaltigen Fischen ist gefährlicher als angenommen. Aufpassen heisst es vor allem beim Thun-, Hai- und Schwertfisch.

Fisch ist die hauptsächliche Quelle von Methylquecksilber in der Nahrung des Menschen. Und von Quecksilber im Fisch gehen grössere Gefahren für die Gesundheit aus, als bisher angenommen. Methylquecksilber ist hochgiftig und kann zu schweren Nerven- und Hirnschäden führen. Besonders betroffen sind Kleinkinder sowie schwangere und stillende Frauen.


Grenzwert um über 100 Prozent überschritten

Die Schweiz importiert weit über 40 000 Tonnen Fisch jährlich, den grössten Teil des Frischfisches über die Fischrampe Pratteln. Hier kontrolliert der Grenztierarzt stichprobenmässig die Qualität des Fisches. «Beim Quecksilber herrscht Nulltoleranz», sagt Grenztierarzt Peter Dünggi. Überschreitet eine Probe den Grenzwert, wird der Importeur sofort gesperrt.

Trotzdem sind Fische im Verkauf, welche die Grenzwerte massiv überschreiten: Kassensturz kaufte 30 Proben von Thun-, Hai- und Schwertfisch. Das kantonale Labor Baselland untersuchte die Fischstücke. Erschreckendes Resultat: Jede fünfte Probe lag über dem obersten Grenzwert von 1000 Mikrogramm Methylquecksilber pro Kilogramm. Zwei Proben überschritten den Grenzwert sogar um mehr als 100 Prozent. Kantonschemiker Niklaus Jäggi fordert deshalb: «Diese Beanstandungsquote ist viel zu hoch. Die Importeure müssen ihre gesetzliche Verantwortung wahrnehmen und unter Umständen durch eigene Analysen sicherstellen, dass ihre Ware gesetzeskonform ist.»


Alle Anbieter zogen die Ware sofort aus dem Verkauf zurück

Ob Migros, Coop, Jelmoli oder Carrefour, Fischspezialist Dörig oder das Familienunternehmen Römer auf dem Marktplatz: Überall fand Kassensturz Fische mit zu viel Methylquecksilber. Alle Anbieter zogen die Ware sofort aus dem Verkauf zurück und wollen die Qualitätskontrolle intensivieren. Die Migros nimmt Schwertfisch ganz aus dem Sortiment. Begründung: Zum heutigen Zeitpunkt könne niemand wirklich garantieren, dass solche Fische mit zu hohem Quecksilbergehalt nicht in den Verkauf gelangen. Stichprobenmässige Kontrollen in der Schweiz genügten hier nicht.

Schwert-, Thun- und Haifischfleisch enthalten nicht zufällig viel Quecksilber. Denn der Schadstoff reichert sich insbesondere in fettreichen und grossen Raubfischen an, die am Ende der Nahrungskette stehen. Hugo Kupferschmidt vom Schweizerischen Toxikologischen Informationszentrum empfiehlt deshalb schwangeren Frauen, auf den Konsum von fettreichen Raubfischen ganz zu verzichten: «Es ist bekannt, dass Methylquecksilber auf das ungeborene Kind übergeht und gefährlich ist für das sich entwickelnde Nervensystem.»


Zu viel Quecksilber wirkt toxisch auf das Nervensystem

Doch zu viel Methylquecksilber ist für alle Menschen ungesund: Ein Expertenbericht der WHO zeigt auf, dass die Gefahr bislang unterschätzt wurde. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) senkte im März 2004 die Toleranzgrenze um die Hälfte: Pro Kilogramm Körpergewicht sollte ein Mensch nicht mehr als 1,6 Mikrogramm Methylquecksilber pro Woche einnehmen. Eine Person, die 60 Kilogramm wiegt, darf also pro Woche höchstens 100 Mikrogramm zu sich nehmen. Die EFSA warnt: Oberhalb dieser Sicherheitsgrenze wirkt das Quecksilber besonders toxisch auf das Nervensystem.


Liebhaber von Thun-, Hai- und Schwertfisch sollten demnach ihren Konsum drastisch begrenzen. Geht der Konsument davon aus, dass der gekaufte Fisch den Grenzwert an Methylquecksilber von 1000 Mikrogramm pro Kilogramm gerade noch erfüllt, bedeutet dies: Mehr als ein 100 Gramm schweres Hai- oder Schwertfischsteak oder eine gleich grosse Portion Sashimi aus Thon liegen nicht drin für eine Person mit 60 Kilogramm Körpergewicht - und zwar pro Woche.


Das BAG erarbeitet Empfehlungen zum Fischkonsum

Der Problematik von Methylquecksilber in Fischen ist sich jetzt auch das Bundesamt für Gesundheit bewusst: In diesem Monat nimmt eine Arbeitsgruppe ihre Arbeit auf. Ihr Auftrag: Bis Ende Jahr verbindliche Empfehlungen für den Fischkonsum erarbeiten.




Bedrohte Fischarten: Welche Fische man noch guten Gewissens geniessen kann und auf welche man besser verzichtet, lesen Sie auf Seite 27.



Gutes Fett für Herz und Kreislauf

Fisch essen ist gesund. Vor allem fetthaltige Meerfische aus kalten Gewässern wie Lachs oder Hering sind reich an hoch ungesättigten Omega-3-Fettsäuren. Diese wirken vorbeugend gegen Herz- und Kreislaufprobleme.

Mindestens zweimal die Woche eine Fischmahlzeit von 100 bis 200 Gramm, lautet die Empfehlung der meisten Ernährungsexperten. Fettarme Fischarten und solche aus warmen Gewässern enthalten weniger ungesättigte Omega-3-Fettsäuren, bei verarbeitetem Fisch wie zum Beispiel bei Fischstäbchen sinkt der Anteil gar gegen null.

Wer nicht so oft Fisch essen mag, hat Alternativen: «Sehr Omega-3-Fettsäurenhaltig sind Leinsamen», schreibt der Verein Fair-Fish, zu dem sich verschiedene Schweizer Tierschutzorganisationen zusammengeschlossen haben. Ein Esslöffel täglich soll ausreichen. Andere Quellen (siehe saldo 9/04) empfehlen als Lieferanten auch Rapsöl. 50 Gramm Rapsöl pro Tag versorgen den Organismus mit so viel ungesättigten Omega-3-Fettsäuren wie 100 Gramm fetthaltiger Meerfisch pro Woche.

01. September 2004 | Anatol Hug


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